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Frankfurt-Kuhwald: Das Dorf in der Stadt

Die Kuhwaldsiedlung ist grün - auch eine Kleingartenanlage gibt es dort.
Die Kuhwaldsiedlung ist grün - auch eine Kleingartenanlage gibt es dort.
Foto: Christoph Boeckheler

Die Kuhwälder wären ein friedliches Völkchen, würden sie nicht ständig gezwungen, gegen irgendetwas auf die Barrikaden zu gehen. Sie behaupten sich zwischen Messe, Rebstock und Europaviertel und im Parkplatzkampf zu Messezeiten.

Heute verbinden wir den Begriff „Siedlung“ meist mit problembehafteten Wohnblockansammlungen. Doch wenn man weiter zurückdenkt, kann „Siedlung“ auch als „Ansiedlung“ sesshaften Lebens auf neu entdecktem und bisher ungenutztem Boden verstanden werden. Ein bisschen so muss es sich für die ersten Bewohner der kleinen Kuhwaldsiedlung auch angefühlt haben, als sie ihre Häuser bezogen.

Denn in den 1920er-Jahren, als die Siedlung als wenig bekannter Teil von Ernst Mays „Neuem Frankfurt“ nördlich des ehemaligen Güterbahnhofs gebaut wurde, da stand sie mehr oder weniger allein auf weiter Flur: „In meiner Kindheit war hier drumherum überall grüne Wiese“, erzählt eine alte Dame, die sich bei „Zülis Haardesign“, dem einzigen Friseursalon der Nachbarschaft, von der Chefin persönlich die Haare schneiden lässt. Mit einer vagen Geste zeigt sie Richtung Innenstadt und Messe: „Zwischen hier und der Festhalle gab es nichts als Kleingärten.“

Kuhwald in Bildern

Bildergalerie ( 28 Bilder )

Streifzug durch die ruhigen Straßen

Das war vor 80 Jahren. Damals, so erzählt sie, zog die Familie in die neue Siedlung. Bis heute gehört ein gar nicht so geringer Anteil der Wohnungen im Kuhwald dem „Frankfurter Eisenbahnsiedlungsverein eG“. Der ist ebenso ein Relikt aus vergangenen Zeiten wie die typischen kleinen Siedlungshäuser, die etwa in der Friedrich-Naumann-Straße und in der Odrellstraße das Bild prägen.

Und auch wenn ein Großteil der restlichen Wohnungen mittlerweile dem berüchtigten Immobilienriesen Deutsche Annington gehört, könnte man bei einem Streifzug durch die ruhigen Straßen der Kuhwaldsiedlung fast glauben, dass sich dort im Laufe der Jahrzehnte nicht viel geändert hat. Das könnte sogar stimmen. Um das Viertel herum hat sich dagegen nicht nur etwas geändert, es ist eine andere, sehr große Welt entstanden. Statt Kleingärten grenzt im Osten heute das riesige Messegelände an die Siedlung.

Im Süden sind grüne Wiesen und sogar die Gleise des alten Güterbahnhofs von der Großbaustelle des Europaviertels abgelöst worden. Westlich grenzt das Neubaugebiet Rebstock an und im Norden der Autobahnzubringer Theodor-Heuss-Allee. Nirgends wird der Kontrast zwischen Innen und Außen erfahrbarer als in der Philip-Reis-Straße. Wo auf der einen Straßenseite Mehr- und Einfamilienhäuser stehen, erhebt sich auf der anderen die überdimensionale Außenwand eines Messegebäudes – von der Siedlung getrennt nur durch eine schmalen Böschung.

"Dorf in der Stadt"

Von einem „Dorf in der Stadt“ oder von einer „Insel“ sprechen deswegen auch die Bewohner der Enklave Kuhwaldsiedlung heute, wenn sie über ihren Stadtteil sprechen. Der offiziell eigentlich gar kein eigener ist, sondern zu Bockenheim gehört. Aber die Kuhwälder sehen sich durchaus als eigenständig an. Schließlich habe man alles, was man braucht. Fast. Denn die Infrastruktur im Viertel ist der Bewohner größtes Sorgenkind: „Es gab eine Phase vor ein paar Jahren, da war auf einmal Endzeitstimmung angesagt“, erzählt Anneliese Scheurich, im Kuhwald wohnhafte SPD-Stadtverordnete.

Zahlen & Statistik
Entstehung der Siedlung
Herkunft des Namens

Zusammen mit dem Rebstockgelände bildet die Kuhwaldsiedlung den zu Bockenheim gehörenden Stadtbezirk 163. Dort leben 3.683 Menschen in 1923 Haushalten. Davon sind 12,9 % über 65 Jahre alt und 45,6 % haben einen „Migrationshinweis“. 12,6 % bekommen existenzsichernde Mindestleistungen.

Die ersten Häuser der Siedlung wurden – von Ernst May geplant – in den 1920er-Jahren gebaut. Weitere kamen in den 50er-Jahren hinzu.

Der Name Kuhwald kommt wahrscheinlich von einem Wäldchen auf dem Gebiet der heutigen Siedlung, in das vor Jahrhunderten die Bauern ihr Vieh trieben, um Rast zu machen.

Bürger im Gespräch

Die FR macht mobil: Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. Wir hören uns an, was Sie zu dem Stadtteil zu sagen haben, und nehmen Anregungen, Kritik oder Lob entgegen.

In der Siedlung Kuhwald hat die FR am Mittwoch, 22. Februar, von 14 bis 16 Uhr einen Stand an der Friedrich-Naumann-Straße Ecke Philipp-Fleck-Straße. Von der Redaktion kommen Boris Schlepper und Alicia Lindhoff. Als Gäste haben sich angekündigt:

Dilek Kahraman Koc (Leiterin Nahkauf)
Anneliese Scheurich (SPD-Stadtverordnete)
Ilse Glowacki (Sozialbezirksvorsteherin)

Davor habe es eine tolle Versorgung gegeben – „aber dann schloss nach und nach die Post, die Sparkassenfiliale und der HL.“ Der Besitzer der einzigen Apotheke im Viertel habe auch schon mehrfach verlauten lassen, dass sich sein Geschäft im kleinen Kuhwald nicht mehr rechne - bis jetzt allerdings habe man ihn noch halten können: „Das ist vor allem für die vielen älteren Leute hier im Viertel sehr wichtig“, merkt Bockenheims Sozialbezirksvorsteherin Ilse Glowacki an, die ebenfalls in der Siedlung wohnt und mit Scheurich zusammenarbeitet.

Teilsieg über den Schließungswahn

Einen Teilsieg über den Schließungswahn haben die Kuhwälder vor knapp fünf Jahren errungen: Als Anfang 2007 die Schließung der beiden Rewe-Filialen in der Friedrich-Naumann-Straße drohte, konnte nach monatelangem Kampf mit Demonstrationen und zähen Verhandlungen eine Lösung gefunden werden: Dilek Koc und ihr Mann Vehbi haben zumindest eine der beiden Filialen übernommen: Als „Nahkauf“ besteht sie jetzt weiter. Für Dilek Koc, die damals von einer Frankfurter Zeitung als „Engel der Kuhwaldsiedlung“ bezeichnet wurde, war das wie nach Hause kommen: „Ich bin hier aufgewachsen, kenne die ganze Umgebung aus meiner Kindheit.“ Auch jetzt wohnt sie wieder um die Ecke – im angrenzenden Rebstockviertel.

Dörflicher Charakter und viel Grün

Doch auch die Kuhwaldsiedlung lockt junge Familien: „Es ist ein Gerücht, dass hier nur alte Leute wohnen“, sagt Scheurich. „Das läuft eben in Wellen – wenn die Kinder groß werden, ziehen die meisten erstmal weg. Aber viele kommen auch wieder zurück und gründen selbst Familien.“

Die Argumente für den Zuzug springen bei einem Spaziergang durch die Straßen förmlich ins Auge: Die kleinen Häuschen aus den 20er-Jahren unterstreichen mit ihren Satteldächern und gewachsenen Gärten den dörflichen Charakter. Doch auch die Bewohner der größeren Wohnblöcke müssen nicht ohne Grün auskommen. So findet man etwa an der Ecke Philip-Reis-Straße und Am Dammgraben eine weitläufige Rasenfläche zwischen den Häusern. Mit Beeten, Sträuchern und vielen Bäumen, kleinen Wegen und einem Sandkasten ein echtes Kinderparadies.

Im Norden der Siedlung ist sogar eine Kleingartenkolonie zwischen die Häuser gequetscht. Und der subjektive Eindruck täuscht nicht – ein Blick auf GoogleEarth zeigt: Soviel Grün wie im Kuhwald findet man auch aus der Vogelperspektive in kaum einem anderen Wohngebiet der Stadt. Zumindest nicht in derart zentraler Lage.

Kuhwälder gehen auf die Barrikaden

Die Kuhwälder selbst wären wohl ein ganz friedliches Völkchen, würden sie nicht ständig gezwungen, gegen irgendetwas auf die Barrikaden zu gehen. Sei es nun der Abbau wichtiger Infrastruktur oder der Parkplatzkampf während Messezeiten. Überhaupt die Messe: Immer weiter ist sie vorgerückt in Richtung Kuhwaldsiedlung und immer größer wurde auch die Hassliebe, die die Kuhwälder ihr entgegenbrachten.

So können viele Bewohner lukrativ an Messegäste vermieten, aber der mächtige Nachbar bringt eben auch Ungemach mit sich: „Früher haben sich die Leute während Großmessen nicht getraut, ihr Auto zu benutzen, aus Angst keinen Parkplatz mehr zu bekommen“, erzählt Scheurich. „Das war ein verückter Verkehr“.

Mittlerweile gibt es Zufahrtserlaubniskarten für die Anwohner und die Situation hat sich beruhigt. Die Karten gelten aber auch für Anlieger, zu denen die Aussteller zählen. Und die seien ein so ganz anderer Schlag Mensch als die Kuhwälder, findet Anneliese Scheurich: „Sehr hochnäsig.“

Zu solchen Konflikten muss es ja kommen, wenn man eine Stadt um ein Dorf herumbaut.

Autor:  Alicia Lindhoff
Datum:  20 | 2 | 2012
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