Nied ist in vielerlei Hinsicht ein historischer Stadtteil. Hier wurden jungsteinzeitliche Siedlungen um 3000 vor Christus entdeckt, die keltische Besiedlung bis 800 vor Christus nachgewiesen. Doch die Nieder sind auf eine andere historische Begebenheit stolz.
„Wissen Sie, wer über diese Brücke gelaufen ist?“, werden Stadtteilfremde gefragt, wenn sie auf der Brücke in Alt-Nied stehen, unter der die Nidda fließt und wenige hundert Meter später in den Main mündet. Wolfgang Lampe blickt immer wieder in erstaunte Gesichter wenn er ihnen eröffnet, dass Napoleon dort hinübergeritten ist. Der Übergang hatte schon für die Römer, die rund 350 Jahre lang vor Ort waren, eine wichtige strategische Bedeutung. „Nied hat viele Geschichten zu erzählen“, findet Lampe, der Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins ist. Der beklagt sich allerdings über fehlende Resonanz. Als Lampe mit seinem Verein im November eine Ausstellung zur Geschichte zum Fall der Berliner Mauer organisiert hatte, fand diese außer am Eröffnungstag kaum Anklang. „Das war schon sehr schade. Wir hatten alle Schulen selbst angeschrieben, weil die Stadt es vergessen hatte“, erzählt Lampe.
Das Gefühl, vergessen und nicht wahrgenommen zu werden, beschäftigt viele Nieder Bürger. „Nied wird immer vertröstet, bekommt gesagt, es sei kein Geld da“, beklagt Wolfgang Wels. Der Vermessungsingenieur engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft „Ideen für Nied“, der sich nach einer Ortsbegehung im Jahr 2008 gegründet hat. Für seinen Stadtteil engagiert sich Wels aber schon seit Anfang der 1970er Jahre. „Wir haben lange Jahre für eine Verkehrsberuhigung gekämpft“, erzählt der 63-Jährige. Autos, die von der Mainzer Landstraße kamen, mussten früher immer durch Alt-Nied fahren. Und die Griesheimer hätten sich auch immer durch die Straße gequetscht. „Nach langen Verhandlungen hat man endlich den Gegenverkehr an der Kreuzung Nied Kirche/Mainzer Landstraße zugelassen und die Autos können seitdem direkt nach Höchst fahren“, erinnert sich Wels.
Ruhig ist es deshalb noch lang nicht in Alt-Nied. Denn drei Busse schlängeln sich Tag für Tag durch die enge Straße. An ein reges Geschäftsleben, gar Flanieren ist nicht zu denken. „Im siebten Himmel schlafen“ steht auf der Matratzenwerbung vor dem Möbelhaus Ling. Lächelnd blickt eine Frau vom Plakat und lässt auf ein warmes Ambiente hoffen. Wer sich dem Schaufenster aber nähert, merkt schnell, dass im Erdgeschoss des Hauses nur einige alte Möbel stehen. Es ist nicht nur das leerstehende Möbelhaus, das der Straße einen trostlosen Eindruck verleiht. „Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer“, findet Wolfgang Wels. „Geschäfte, die neu kommen, haben praktisch keine Überlebenschance.“
Bauprojekte lassen in Nied auf sich warten
Deshalb hat der Ortsbeirat einen entsprechenden Antrag gestellt, die Straße in das Programm „Schöneres Frankfurt“ aufzunehmen. In der Liste der Maßnahmen bis 2014 steht Alt-Nied nur auf Platz 32. Für viele unverständlich.
Die Straße ist nicht das einzige Bauprojekt, das auf sich warten lässt. So sollen etwa die Straßenbahnschienen in der Mainzer Landstraße bis zur Birminghamstraße in Mittellage versetzt werden. Baukosten: 6,5 Millionen Euro. Baubeginn ungewiss. Denn zuvor wird im Magistrat noch die Neugestaltung des „Nieder Tores“ und der Einführung eines Kreisverkehrs an der Kreuzung Mainzer Landstraße/Nied Kirche geplant. Ein Kreisverkehr ist auch im Einmündungsbereich Bolongarostraße/ Mainzer Landstraße vorgesehen.
Auf das Verschwinden des beschrankten Bahnübergangs an der Oeserstraße warten vor allem die Anwohner schon seit Jahren. Knapp 200 Züge rollen täglich über die Schienen und zwingen die Autofahrer, teilweise bis zu 20 Minuten zu warten. „Der Lärm der Autos ist dabei das Allerschlimmste“, schimpft eine Anwohnerin. Die Bauvorhaben könnten jedoch frühestens im Jahr 2014 beginnen.
Gearbeitet wird hingegen schon im Ferdinand-Scholling-Ring und im Neubaugebiet am Niedwald – dem Wilhelm-Koppel-Weg. Viele neue Häuser sind im Gebiet des ehemaligen Lok-Ausbesserungswerks und der Signalmeisterei entstanden, weitere werden folgen. Bis zu 3000 Beschäftigte arbeiteten einst in dem Großbetrieb.
Im Mündungsdreieck von Main und Nidda liegt Nied zwischen Höchst und Griesheim.
Schon zu römischer Zeit war die Siedlung von Bedeutung, weil es hier eine Ziegelei und eine Brücke über die Nidda gab.
Urkundlich erwähnt wird Nied erst im Jahr 1218.
Die Trasse der Taunuseisenbahn wurde bereits 1838 durch die Nieder Gemarkung geführt. 1918 eröffneten dann die Eisenbahnwerkstätten im Gelände vor dem Niedwald.
Heute leben auf einer Fläche von 381,7 Hektar 17829 Einwohner.
Die Bevölkerung ist etwas jünger als in der Gesamtstadt. Der Anteil an Kindern und Jugendlichen beträgt 17,8 Prozent. Im Stadtdurchschnitt sind es 15,8 Prozent.
Auffallend hoch ist auch der Anteil an Personen mit Migrationshintergrund. Mit 46,1 Prozent liegt er deutlich über dem der Gesamtstadt (38,2 Prozent).
Mit einem Anteil von 20,4 Prozent gibt es in Nied doppelt so viele Sozialwohnungen wie in der Gesamtstadt (9,1 Prozent).
Idyllisch, ruhig und umgeben vom Niedwald liegt die Eisenbahnersiedlung nördlich der Oeserstraße. Die Siedlung wurde auf einem hufeisenförmigen Grundriss im Sinne der Gartenstadtidee für die Arbeiter der 1918 eröffneten Königlich-Preußischen-Lokomotivhauptwerkstätte begonnen und bis 1930 zu Ende gebaut. Zuerst entstanden die Häuser an den Straßen Grüne Winkel und Faulbrunnenweg , ehemaliger Roter Hof mit rückwärtig angebauten Kleinviehställen und anschließenden Gartenparzellen. Anschließend die Straßen Am Selzerbrunnen, Vorm Wald und Taunusblick. 1921 folgte der Bau des Tores am Neumarkt.
Der Selzerbrunnen ist ein schwefelhaltiger Mineralbrunnen im Niddawäldchen östlich der Eisenbahnersiedlung. Das Wasser riecht leicht nach Schwefelwasserstoff, weshalb nicht empfohlen wird, aus dem Brunnen zu trinken. Im Jahre 1927 war der Selzerbrunnen auf einer Tiefe von 32,55 Meter erbohrt und die Quelle mit einem gusseisernen Standrohr gefasst worden. Der Bildhauer Franz Schranz gestaltete den Brunnen im Jahre 1939 neu. Das Wasser tritt aus einer tiefen Schicht Tertiärkalks zutage. Es ist ein Mineralwasser mit wenig Nitrat, hart, eisenhaltig und chloridreich. 13,1 Grad warmes Wasser wird von dem Brunnen ausgeschüttet.
Als Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1909 zweimal durch Nied fuhr – er war auf dem Weg zum Frankfurter Sängerfest – blickte er auf ein ockerfarbenes Nieder Rathaus. Dank einer Komplettsanierung im Jahr 2008 sieht das 1840 erbaute Rathaus heute wieder so aus wie vor hundert Jahren. Kostenpunkt: 250000 Euro. Im Jahr 1910 war es sogar erweitert worden. „Das hebt die Selbstständigkeit der Nieder Gemeinde hervor“, findet Wolfgang Lampe, der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins. Vor der Renovierung war die Hälfte der Frontseite von Efeu überdeckt und gelblich angestrichen. Das Rathaus wird mittlerweile als Polizeiposten genutzt.
Direkt gegenüber liegt die idyllische und denkmalgeschützte Eisenbahnsiedlung. „Die schönste Siedlung Frankfurts“, findet Sozialbezirksvorsteher Friedrich Willems. „Und sie ist von sehr viel Grün umgeben.“ Ohnehin sind mehr als 40 Prozent des Nieder Gebiets Grünfläche. Geschätzt wird von den Niedern auch die gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit Straßenbahn, S-Bahn und Bussen ist man schnell in der Innenstadt oder am Flughafen. Der Nachteil: Die vielen Schienen zerschneiden den Stadtteil in mehrere Teile.
Cafés sind rar in Nied
Vor allem der südliche Teil bereitet Sorgen: „Im Verlauf der letzten Jahre hat die Einkommensarmut bei Jugendlichen und Familien zugenommen“, berichtet Dagmar Thiel von der Projektgruppe Kind. Die Diplom-Pädagogin engagiert sich seit über 30 Jahren in Nied und ist täglich mit den sozialen Problemen konfrontiert. Durch den Neubau des Jugendhauses vor drei Jahren konnte ein wichtiger Anlaufpunkt geschaffen werden. „Es gibt aber kaum Freizeitangebote für Jugendliche“, sagt Thiel. Früher habe es ein Kino und ein Schwimmbad gegeben. Doch die gibt es schon lange nicht mehr. Auch Cafés sind rar.
Dass es nur drei Grundschulen, aber keine weiterführenden Einrichtungen gebe, trage außerdem dazu bei, dass sich die Jugendlichen im Stadtteil nicht verwurzelt fühlten, findet Wolfgang Wels.
Werner Dreste ist deshalb dankbar und froh, dass es Aktionen wie den Frühjahrsputz gibt. „Bis zu 100 Leute und die Schulen helfen mit, den Stadtteil sauberzumachen“, sagt der Vorsitzende des Regionalrats. „15 Vereine machen immer mit“, freut sich Helmut Grohmann. Am vergangenen Samstag war der Chef des Vereinsrings wieder im Auftrag der Sauberkeit unterwegs. Jeden ersten Samstag im Monat zieht Grohmann mit dem Arbeitskreis Soziales mit Müllbeuteln los. Genügend Leute, die sich in Nied engagieren, gibt es immer.
In Nied ist in den vergangenen Jahren einiges geleistet worden. Viele sagen, dass sich in Nied nichts tut, doch das stimmt nicht. In diesem Jahr konnten wir zum Beispiel die neue Schule für Praktisch Bildbare eröffnen und die Wiedereröffnung und Neusanierung des Nieder Saalbaus feiern – eines der meist genutzten Bürgerhäuser in ganz Frankfurt.
Der Spielplatz im Niedwald wurde saniert und ein schönes Baumhaus errichtet. Für die Kinder gibt es in Nied ausreichend Kindergartenplätze . Das Engagement der Vereine ist großartig und es gibt ein großes Freizeitangebot. Nied ist ein Stadtteil im Grünen. Durch den Rückschnitt der Büsche und Bäume am Mainufer zwischen der Schwanheimer Brücke und der Niddamündung ist für die Spaziergänger eine freie Sicht auf den Main entstanden.
Natürlich gibt es in der Straße Alt-Nied Riesenprobleme, und viele große Baumaßnahmen stehen noch aus. Doch da können wir wenig ausrichten und nur auf die Entscheidungen des Magistrats warten. Wir haben aber alles Nötige schon in die Wege geleitet.
Friedrich Willems, 71, ist kürzlich als Stadtbezirksvorsteher für Nied-Nord wiedergewählt worden und saß lange für die CDU im Ortsbeirat 6.
Ein großes Problem in Nied ist der Vandalismus. Auf den Spielplätzen wurden mehrfach Spielgeräte zerstört, der Teich am Anglerheim verschmutzt. Aber auch die Texttafeln, die der Vereinsring an verschiedenen Stellen im Stadtteil hat anbringen lassen, wurden des Öfteren kaputt gemacht. Die Leidtragenden sind die Vereine, die die Kosten dafür tragen müssen.
Nied hat eine sehr schwache Sozialstruktur. Deshalb fordern wir seit Jahren, dass es in Nied-Süd und in Nied-Mitte ein Quartiersmanagement geben muss. Die Stadt hat das auch erkannt, tut jedoch nichts dafür. Als Begründung wird immer angegeben, dass es Stadtteile gebe, die es nötiger haben. Das finde ich sehr bedauerlich. Nied wird immer auf die lange Bank geschoben. Das gilt auch für die Straße Alt-Nied, die in das Programm Schöneres Frankfurt an hinterer Stelle aufgenommen wurde. Wegen der vielen Sparmaßnahmen ist es zweifelhaft, dass sich da überhaupt etwas tut.
Man muss sich nur mal die Geschäfte in Alt-Nied anschauen. Die brauchen Unterstützung. (Aufgezeichnet von Timur Tinc)
Helmut Grohmann, 69, ist Vorsitzender des Nieder Vereinsrings, Mitglied des Regionalrats und des Arbeitskreises Sozialstruktur.