Beim Plausch am FR-Stand geht es neben krakeelenden Jugendlichen auch um die Zukunft des Quartiers.
Infobörse im Nordwestzentrum: Die FR zu Gast vor dem Zeitungsladen Trudrung.
Foto: Christoph Boeckheler
Infobörse im Nordwestzentrum: Die FR zu Gast vor dem Zeitungsladen Trudrung.
Foto: Christoph Boeckheler
Natürlich will Dieter Schneider die Entwürfe sehen, die seit Mittwoch in der Neuen Mall des Nordwestzentrums aushängen. Doch bevor er sich ein Bild mache über die Pläne von insgesamt 43 Architektenbüros zur Nordweststadt, wolle er mal ein paar Dinge am Stand der Frankfurter Rundschau loswerden.
Ihn stören „die Banden von Jugendlichen, die die ganze Nacht krakeelen“. Drogendeals, Gewalt und sogar illegale Einwanderer, die in Hausfluren schlafen – das alles sei Normalität. „Sehr runtergekommen“ sei das Umfeld, dennoch lebe Schneider gerne in der Nordweststadt und wolle auch nach 47 Jahren mit seiner Frau nicht umziehen.
Auch das „Kleine Zentrum“ in der Thomas-Mann-Straße sei inzwischen „erdbodengleich“. Früher, so erinnert sich Schneider, gab es dort mal ein gutes jugoslawisches Restaurant. Einen Supermarkt hätte er dort gerne – ein Vorschlag, der sich auch im Ideenwettbewerb der Stadt mit seinen 43 Entwürfen findet. Am Dienstagabend hatte die Stadt die vier Sieger-Pläne erneut vorgestellt; auch darum drehen sich die Gespräche am FR-Stand.
Bilder aus der Nordweststadt
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Bilder aus der Nordweststadt
Viel eher schaut man ja auch weg von der Nordweststadt. Dann sieht man unweigerlich hie die bekannte (für manchen gar verlockende) Skyline. Oder Natur.
Foto: FR/Rolf Oeser
Dabei machte die Nordweststadt noch vor ihren Anfängen (und sogar lange danach wie hier 1983) groß von sich reden als Eldorado für Schatzsucher. Besser gesagt: für Hobby-Archäologen, die auf dem ausgewiesenen Bauland die Überreste der römischen Siedlung Nida suchten. Heute ist das alles längst überbaut; was gefunden werden konnte, liegt in Museen oder wenigen Privatsammlungen. Ein paar Plaketten innerhalb der Nordweststadt und einige Namen erinnern an die alte Siedlung.
Foto: FR/Luigi Ungarisch
Die Römer sind nur noch Geschichte und wer sich in die Nordweststadt begibt, wird erstmal erschlagen - von der Architektur. Internationaler Stil gepaart mit sozial gedachtem Wohnungsbau. 1965 als todschick empfunden (auch wenn die ersten Mieter größtenteils nur Baustellen um sich hatten), hatte die Attraktivität sehr schnell abgewirtschaftet. Mit den 70ern kamen WGs und Landhäuser in Mode. Bewohnbare Schubladentürme waren dann nur noch in Ordnung.
Foto: FR/Georg Kumpfmüller
So bleibt heute oft nur ein schneller Blick auf grauen Asphalt und graue Wände. Das ist zwar auch die Nordweststadt - aber bei weitem nicht alles.
Foto: FR/Rolf Oeser
Denn es ist ja auch dort oben im einstmals nur ländlichen Norden Frankfurts nicht alles für die Ewigkeit gebaut.
Foto: FR/Luigi Ungarisch
Rumms. Das war es, das einstige marode Studentenwohnheim im Nordwestzentrum. Für die Schaulustigen blieb das Finale in einer Staubwolke...
Foto: FR/Rolf Oeser
... für die Bauarbeiter ein recht ansehnlicher Haufen Trümmer zum Wegkarren.
Foto: FR/Luigi Ungarisch
Und später gab es dann wieder neu aufzubauen in der Nordweststadt, wo einst die Fachhochschule Gebäude hatte. Baulärm hatte man da in der Hochhaussiedlung schon gut 25 Jahre nicht mehr so intensiv gehört.
Foto: FR/Monika Müller
Aber in den allermeisten Fällen bleibt es doch ruhig und verschlossen, das Bild der glatten Fassaden der Nordweststadt. Selbst wenn wie bei diesen Bauten der Deutschen Annington hinter der Fassade der Kampf der Mieter gegen die Vermieter tobt.
Foto: FR/Rolf Oeser
Die Nordweststadt ist eben in die Jahre gekommen; wenn nicht um die eigene Wohnung, ums eigene Haus, um die Nachbarschaft gekämpft wird, dann passiert eben das, was beispielsweise über Jahre hinweg sich rund ums "Kleine Zentrum" (dezentrale Nahversorgungsstützpunkte zwischen den Wohnbauten weiter weg vom großen Nordwestzentrum) entwickelte: ein vergessenes und irgendwann auch teilweise verlassenes und verwahrlostes Quartier. Die Nachbarschaft und die Stadt brauchten lange, das Ruder rumzureißen.
Foto: FR/Rolf Oeser
Nicht alles konnte funktionieren rund ums Kleine Zentrum, aber vieles wurde probiert. Auch ein Wochenmarkt, anderswo ein fast schon sicherer Magnet für Menschen und Garant für eine neue Stadtteil-Atmosphäre.
Foto: FR/Rolf Oeser
Andere Nordweststädter leben dagegen gerne zurückgezogen, bei sich und bitteschön auch ohne große Veränderungen um sie herum. Was Wunder, dass kaum jemand sehr viel davon hielt, als die katholische Kirche St. Matthias, eine der Kleinod-Bauten des Riesenprojekts Nordweststadt, 2006 verkauft werden sollte.
Foto: FR/Rolf Oeser
Verkauf, Abriss, Sanierung... vieles von der Geschichte der Nordweststadt ging über die Jahre verloren, vieles wurde kaum wahrgenommene Selbstverständlichkeit. Plötzlich war "NWS" für viele fremd. Und damit wieder interessant. da wurde dann auch Nordwest-Architekt Tassilo Sittmann gerne rekrutiert, zu erläutern wie so "die Grundsätze des Bauens" in der Siedlung einst waren.
Foto: FR/Monika Müller
Wobei man natürlich zugeben muss. Die meisten Bewohner haben sich in ihre Heime eingefunden. Gerade unter Einwanderern, die zuerst vielleicht im Bahnhofsviertel unterkommen, gilt NWS als eine "echte Verbesserung". Wer dort ankommt, hat es geschafft.
Foto: FR/Georg Kumpfmüller
Und natürlich führt der demografische Wandel in Deutschland auch in NWS zu einem Alltagsbild, das sich die originalen Planer und Erbauer nicht zu träumen gewagt hätten. Eine Jugend zwischen den Kulturen (oder gleich mit mehreren) trifft auf Eltern, aus den schon eine Großelterngeneration wird.
Foto: FR/Georg Kumpfmüller
So wird die Nordweststadt von tag zu Tag älter. Die Bedürfnisse der Bewohner ändern sich, eine immer komplexer scheinende Welt ruft einen erhöhten Wunsch nach mehr Sicherheit hervor. Dann patrouillieren irgendwann auch Freiwillige Polizeihelfer zwischen den Hochhäusern.
Foto: FR/Diana Djeddi
Aber genug von den Wohntürmen und hin zu anderen Türmen. Zu überhaupt "dem" Turm der Nordweststadt: dem Schornstein der Müllverbrennungsanlage, bemalt mit dem Drachen "Fessi", Kindersymbolfigur des Frankfurter Entsorgungsservices FES.
Foto: FR/Luigi Ungarisch
Bevor aber wer denkt, man könnte Nordweststadt mit Müllkippe gleichsetzen: In der Anlage ist ein Heizkraftwerk integriert. Da ist so viel los auf dem Gelände, dass die FES immer gerne ihre dortigen Tore der Öffentlichkeit öffnet und sich von ihrer besten Seite präsentiert.
Foto: FR/Rolf Oeser
Es gibt ja dann auch immer wieder was neues zu sehen: eine top-moderne Abfallverbrennungsanlage...
Foto: FR/Georg Kumpfmüller
... deren Inneres, ein neuer Silo, noch verdammt viel interessanter aussieht.
Foto: FR/Georg Kumpfmüller
Wo es ständig was Neues zu sehen gibt (und wo es lange Jahre auch immer neue Probleme gab, bis Polizei und Handel nach und nach die Oberhand gewannen) ist das Nordwestzentrum, in einem ständigen Konkurrenzkampf begriffen mit den anderen Malls "auf der grünen Wiese", zuvorderst dem gar nicht fernen Maintaunuszentrum.
Foto: FR/Thomas Rohnke
Da muss man sich im NWZ dann auch immer mal was einfallen lassen: wie Rund-um-die-Uhr-Shopping zum 40. Geburtstag 2008. Da guckste, gell?
Foto: FR/Rolf Oeser
Und weil man sich immer gerne in NWS wie NWZ an die ollen Römer erinnert, lädt man auch mal ein paar Gladiatoren vom Verein "Lebendige Antike" ein für ein paar Schaukämpfe. Die Jungs machen sich aber auch prima als Konsumenten. Mal ehrlich: Sieht doch besser aus als 20 Kilo Übergewicht in Sportklamotten.
Foto: FR/Michael Schick
Sind keine Zweibeiner zur Hand, um das NWZ zu einem besonderen Ort zu machen, greift man auch auf Mehrbeiner zurück. Rieseninsekten zum Beispiel. Und wir meinen RIESEN. Der alljährliche Horror der Deutschen wäre einmal gerechtfertigt, wenn eine Wespe diesen Formats auftauchen würde.
Foto: FR/Rolf Oeser
Oder der Horror der "Monster der Tiefe". Ist aber schon vorbei. Hier hat unser Fotograf gerade noch ein Krokodil beim Abtransport erwischt.
Foto: FR/Christoph Boeckheler
Horror ist natürlich etwas, mit dem man Kids immer anziehen kann. Daneben wartet das NWZ aber auch mit dem Kinder-und Jugendtheater Frankfurt auf. Die spielen gerne Klassiker (Schneekönigin wie hier und so...) und finden damit ein fröhliches glückliches und unheimlich aufgedrehtes Publikum.
Foto: FR/Monika Müller
Die Bedürfnisse von Kindern stehen bei vielen Entwürfen mit im Vordergrund. Spielplätze sollen in das neue "Kleine Zentrum" integriert werden.
Foto: FR/Rolf Oeser
Oder der örtliche Abenteuerspielplatz wird ein Jahr später wiedereröffnet. Konnte ja auch nicht ernsthaft lange geschlossen bleiben.
Foto: FR/Monika Müller
Das mit den Kids geht sogar soweit, dass ein Kleingartenveren (!), nämlich der eigene der Nordweststadt einer örtlichen Kita zwei Parzellen überlässt. Damit die Jugend zur Natur findet.
Foto: FR/Sascha Rheker
Für die Älteren gibt es dann so Sachen wie Mitternachtsfußball in der Ernst-Reuter-Schule. Und wer nicht kicken will, aber schon Kicks gern hat, geht rüber zum renommierten Schultheaterstudio und macht da Bühnenarbeit. da lernt man auch was fürs Leben. Wobei... weder gestrecktes Bein, geschicktes Foulen noch Fairplay. Aber andere tolle Sachen.
Foto: FR/Michael Schick
Und so merkt man dann nach und nach: Eine Stadtteilidentität entwickelt sich stets dynamisch, immer aufs Neue. Also müssen sich immer wieder Leute engagieren. Aber die gibt's auch immer. So wie Fotografin und "Stadtteilbotschafterin" Raffaela Ahrendt, die 2010 die Parole ausgab: "Gib der Nordweststadt dein Gesicht." Kann man nur sagen: Tut das, Leute!
Foto: FR/Chris Hartung
Was dann nämlich bleibt, ist eine gute Erinnerung und ein noch viel besseres Bild von der Nordweststadt. Selbst wenn man nur den großen Schornstein in der Abenddämmerung sieht.
Foto: FR/Rolf Oeser
Wer die Nordweststadt nicht kennt, bleibt ihr in aller Regel auch gerne fern: Die Silhouette (wie hier vom Riedberg aus) wirkt nicht so wie die Frankfurter Skyline und das Neue Bauen, wie es seinerzeit in den 60ern auf der grünen Wiese praktiziert wurde, trifft schon lange nicht mehr den Zeitgeschmack. Auch wenn damals die Siedlung Nordweststadt zwischen Heddernheim und Niederursel eine richtig gute Idee war, hatte Frankfurt doch Wohnungsnot und zig junge Familien, für die es nirgends brauchbaren Wohnraum gab. All das sieht von weitem natürlich keiner.
Foto:
FR/Rolf Oeser
Fotostrecken Frankfurt
Fotostrecken Frankfurt
Fotostrecken Frankfurt
Fotostrecken Frankfurt
Fotostrecken Frankfurt
Fotostrecken Frankfurt
Quartiersmanagerin Annette Püntmann hätte sich dazu „mehr Diskussion“ gewünscht. Auch Wulf Raether vom Verein „Brücke 71“, der für eine schönere und lebenswertere Nordweststadt kämpft, sieht das so: „In der Heinrich-Lübke-Siedlung in Praunheim hat man die Menschen auch gefragt, was sie wollen. Hier ist das nicht der Fall.“
Zumal viele Punkte zwar relevant für den Planungsprozess, aber sonst noch unklar sind. „Die Eigentumsfragen sind völlig offen“, so Püntmann. Wege und Straßen sind öffentlich, das heißt städtisch. Doch die Wohnungsbaugesellschaften sind Eigentümer der Häuser und somit auch Wohnhöfe, die ebenfalls umgestaltet werden sollen. Auch der Inhaber des „Kleinen Zentrums“, ein privater Investor, müsste den Plänen für ein neues Einkaufszentrum mit Flanierzone erst zustimmen. Doch die Stadt will die Bürger bis August zunächst nachdenken und diskutieren lassen.
Eines steht für Bruni Freyeisen, die seit 64 Jahren in der Nachbarschaft lebt, schon fest: Die Fußgängerbrücken müssen bleiben. Einige der Entwürfe sehen vor, die Brücken, unter denen die Tiefgaragen sind, abzubauen. Die Übergänge seien „schon immer ein Segen“, wie Freyeisen sagt, weil „die Mütter ihre Kinder ohne Angst vor dem Autoverkehr zur Schule schicken können“.
Die „Sanierung der öffentlichen Flächen“, mehr soziale Einrichtungen und vielleicht „die alte Idee“, ein Café im Martin-Luther-King-Park zu etablieren – dies alles sei zweifelsohne wichtig. „Erst muss das Bestehende funktionieren, dann kann man mit Visionen kommen“, sagt Freyeisen. Überhaupt sollten die Planer von vorne herein mit den Bürgern reden: „Wir wollen über unsere Bedürfnisse sprechen.“
Auch Püntmann appelliert am FR-Stand an die Menschen, bis August dabei zu sein: „Die Nordweststädter müssen diese Chance nutzen und sich einbringen.“