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Frankfurt Rödelheim: Viertel der sozialen Differenzen

Am Ufer der Nidda schätzen die Bewohner die gute Anbindung ans Zentrum und den dörflichen Charakter ihres Stadtteils. Doch im früheren Arbeiterviertel hat sich einiges verändert. Viele Geschäfte gibt es nicht mehr, und zwischen den Wohngebieten offenbaren sich große Unterschiede.

Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. In Rödelheim   hat die FR am Mittwoch, 30. November, 11.30 bis 13.30 Uhr,  einen Stand in der Radilostraße 1 vor dem Rewe. Von der Redaktion kommen Vanessa Wonka, Alexander Kraft und Timur Tinç.  Gäste sind unter anderem: Quartiersmanagerin Heike Hecker, ARG-Vorsitzender Robert Staffetius, Sozialbezirksvorsteherin Ingrid Kruske und  Bernhard Reichel.  (FR)
Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. In Rödelheim hat die FR am Mittwoch, 30. November, 11.30 bis 13.30 Uhr, einen Stand in der Radilostraße 1 vor dem Rewe. Von der Redaktion kommen Vanessa Wonka, Alexander Kraft und Timur Tinç. Gäste sind unter anderem: Quartiersmanagerin Heike Hecker, ARG-Vorsitzender Robert Staffetius, Sozialbezirksvorsteherin Ingrid Kruske und Bernhard Reichel. (FR)

Im morgendlichen Nebel stapfen die Menschen die grauen Betontreppen des Rödelheimer Bahnhofs rauf und runter. Absperrzäune, große Erdhügel und Bagger prägen seit über zwei Jahren die Grenze zwischen Rödelheim West und Rödelheim Ost. Im Mai hätte der Umbau des Bahnhofs eigentlich abgeschlossen sein sollen. Bis Mitte Dezember soll zumindest die Ostseite fertig werden, sagt ein Bahnsprecher. „Wenn es die Witterungsbedingungen zulassen.“ Wann die Westseite abgeschlossen werden könne, sei noch offen.

Nicht nur der Bahnhofsumbau, sondern auch die anschließende Gestaltung des Vorplatzes auf der Westseite wird im Stadtteil seit Monaten heftig diskutiert. Die Anwohner beklagen durch die verlegte Bushaltestelle in der Breitlacherstraße eine hohe Lärm- und Abgasbelastung. Ein Ende ist derzeit nicht in Sicht.

Bernhard Reichel war an der Diskussion vergangene Woche beteiligt. Er hat festgestellt, dass viele Rödelheimer „ihre Probleme nicht artikulieren“. Erst hinterher würden sie sich beklagen. Der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins hat noch ganz andere Zeiten in Erinnerung. „Ein Ruck“ sei durch den Stadtteil gegangen, als Rödelheim im Jahr 1988 sein 1200-jähriges Jubiläum feierte. „Dieser Aufschwung kommt nie wieder“, prognostiziert Reichel.

Rödelheim in Bildern

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Das liege unter anderem an der sozialen Struktur im Stadtteil. In den vergangenen Jahren hat sich sehr viel verändert im einstigen Arbeiterviertel. Speziell auf der Westseite gibt es große Differenzen. Die lange Westerbachstraße trennt zwischen sozial starken und sozial schwachen Wohngegenden. Das Gebiet zwischen dem Zentmarkweg und der Wolf-Heidenheim-Straße ist deshalb seit dem Sommer 2008 Bestandteil des Projektes Soziale Stadt Frankfurt. Von einem sozialen Brennpunkt will Quartiersmanagerin Heike Hecker vom Diakonischen Werk aber nicht sprechen. „Davon ist die Siedlung weit entfernt“, sagt Hecker, die in den vergangenen Jahren einiges bewegt hat.

Eines der wichtigsten Projekte war der Bau des Bolzplatzes in der Wolf-Heidenheim-Straße vor zwei Jahren. „Das war etwas ganz Besonderes“, findet Hecker. Nicht nur, dass alle bei der Realisierung an einem Strang gezogen haben, viel wichtiger sei es, dass die Jugendlichen sich selbst um die Erhaltung des Platzes kümmern. „Auch das Frauencafé, am dem viele Frauen mit Migrationshintergrund teilnehmen, wird sehr gut angenommen“, berichtet die Quartiersmanagerin. Interkulturelle Lesungen in der Stadtteilbibliothek, den Tag des Vorlesens und die in diesem Jahr erstmals veranstaltete Rödelheimer Musiknacht hat Hecker ebenfalls mitinitiiert. Das Brückenfest und die Eröffnung des „Blauen Stegs“ am Ende der Marquardstraße hat nach Beobachtungen Heckers die Leute näher zusammengebracht.

Straßenfest nur noch alle zwei Jahre

Über Brücken in Rödelheim könnte Barbara Neif stundenlang reden. Die Vorsitzende des Rödelheimer Vereinsrings ist heilfroh, dass die Brückenübergänge an der Nidda nach jahrelanger Verzögerung endlich fertiggestellt worden sind. Am Samstagmittag sitzt Neif auf dem Nikolausmarkt und stellt nüchtern fest, dass sich nur noch wenige Leute im Stadtteil engagieren, weshalb auch das Straßenfest in Zukunft nur noch alle zwei Jahre stattfinden wird. „Wir haben einen Nachwuchsschwund“, sagt Neif. Nur 18 Stände sind beim Nikolausmarkt aufgestellt. In früheren Jahren wurde für den Rödelheimer Nikolausmarkt die gesamte Radilostraße gesperrt. „Früher hat jeder vor seinem Geschäft einen Stand aufgebaut“, erinnert sich Reichel.

Doch in der Einkaufsstraße des Stadtteils gibt es kaum noch alteingesessene Geschäfte. Erst vor zwei Wochen machte das Schuhgeschäft „TipTap“ zu. Seit einigen Tagen sucht auch die Filiale von Kaffee- und Teespezialitätenhändler Eilles einen Nachmieter.

Daten
Geschichte
Brentanobad
Petrihaus
Antoniuskirche

Fläche: Rödelheim ist ein Stadtteil im Nordwesten Frankfurts, der 514,5 Hektar groß ist und in dem nach aktuellem Stand 17841 Menschen leben. Der Ausländeranteil liegt bei 27,4 Prozent.

Die Bevölkerung im Stadtteil nahm in den vergangenen Jahren zu. 2686 zogen im Jahr 2009 nach Rödelheim zu. Nur 2434 zogen weg. Die Geburtenrate und Sterberate gleicht sich hingegen mit 214 zu 205 aus.

Die Arbeitslosenquote liegt in Rödelheim bei 7,2 Prozent und damit über dem Durchschnitt in der Stadt (6,3).
Kinderbetreuung: Der Stadtteil besitzt 12 Kindergärten mit teilweise integriertem Hort, sieben Krippeneinrichtungen sowie drei öffentliche Schulen.

Geschichte: Erstmals erwähnt wurde „Radilenheim“ (Haus des Radilo) im Jahr 778. Im 12. Jahrhundert entsteht in Rödelheim eine Wasserburg. 1446 wird das Rödelheimer Schloss gebaut. Im zweiten Weltkrieg wird es zerstört.
Im Jahr 1461 fällt Rödelheim von den Kronbergern an die Grafen Solms, die den Ort über 300 Jahre prägen. 1910 wird der Vorort in Frankfurt eingemeindet.

Wirtschaft: Rödelheim war früher ein wichtiger Industriestandort. Bis in die 1970er Jahre waren Firmen wie die Torpedowerke im Stadtteil ansässig. Heute haben Hightech-Unternehmen wie die Deutsche Flugsicherung oder die Verkehrszentrale Hessen hier ihren Standort.

Jeder, der sich Rödelheimer nennt, war mindestens einmal in seinem Leben im „Brenner“ und jeder ältere Rödelheimer hat sich schon mal eine Schramme an dem steinernen Boden zugezogen. Seit das Freibad im Jahr 2006 saniert wurde, kann das aber nicht mehr passieren. Das unbeheizte Bad ist der Anziehungspunkt im Sommer für Jung und Alt im Stadtteil und weit darüber hinaus. Auf dem Gelände befinden sich neben dem 8 300 Quadratmeter großen Becken eine großflächige Liegewiese, ein Planschbecken und ein Kinderspielplatz, drei Beachvolleyball-Spielfelder sowie ein Open-Air-Kino. Geöffnet hat das 1930 erbaute Bad in der Regel zwischen dem 1. Mai und dem 31. August.

Idyllisch am Niddawehr gelegen steht das malerische Petrihaus. Dass es überhaupt wieder im alten Glanz erscheint, hat das letzte Relikt aus dem Besitz der Familie Brentano dem Förderverein Petrihaus zu verdanken. Im Jahr 2003 wurde das Mitte des 18. Jahrhundert erbaute Fachwerkhaus des Bäckers Petri, komplett saniert. Das Petrihaus ist Kulturdenkmal nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz. In den Besitz der Familie Brentano gelang es 1819, als Georg Brentano es erwarb und mit einer Bibliothek und einem Salon mit weißbirkenen Möbeln mit roten Bezügen ausstatte. Heute gibt es im ersten Stock ein Brentanomuseum. www.petrihaus.de (tim.)

Die denkmalgeschützte Kirche wurde zwischen den Jahren 1892 und 1894 von Johannes Röder gebaut. Durch Bomben wurde der Bau im Jahr 1944 weitgehend zerstört und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut. Der Kirchturm ist mit seiner Höhe von 49 Metern ein Wahrzeichen Rödelheims. Das dreischiffige neugotische Bauwerk ohne Querschiff wurde 1986 stilgerecht renoviert. Heute gibt es in der St.- Antonius-Kirchengemeinde zwei Kindertagesstätten, Kindergottesdienste, Jugendgruppen, vier Familienkreise, einen Seniorenkreis, Betreuung des Reha-Zentrums, das soziale Netzwerk CarHiN und den Chor. Die Orgel soll demnächst restauriert werden. (tim.)

Hayati Izgi ist einer der letzten Verbliebenen. „Ich erinnere mich noch an Zeiten, da gab es hier einen Juwelier, einen Pelzhändler, eine Lackfabrik, ein Hotel und die Post“, sagt der türkische Gemüsehändler und deutet auf das leere Bürogebäude neben dem Bahnhof, in dem früher die Post war. Seitdem viele Geschäfte und Bankfilialen zur großen Kreuzung hin verlagert oder ganz aufgelöst wurden, verschwinden auch die Kunden.

Wenn man aber die alten Strukturen erhalten wolle, dann müsse man auch in den Geschäften einkaufen gehen, findet Bernhard Reichel. „Durch den 60er und 72er Bus ist es bequem geworden, in die Nordweststadt zu fahren“, sagt Barbara Neif. „Früher hatten wir in Rödelheim alles. Ich erinnere mich noch gut an das Kaufhaus Zinner.“ Doch das gibt es seit 1993 nicht mehr. Auch der Wegzug von vielen großen Firmen aus der Westerbachstraße und der Rödelheimer Landstraße hat der Wirtschaftskraft des Stadtteils geschadet. Viele Bürogebäude stehen leer. Stattdessen wird der Stadtteil von insgesamt zehn Spielcasinos und drei Wettbüros überflutet. „Dadurch sinkt das Sicherheitsgefühl, vor allem für viele ältere Menschen“, hat Bernhard Reichel festgestellt.

Die Menschen fühlen sich wohl in Rödelheim

Trotz all der Probleme fühlen sich die meisten Menschen in Rödelheim wohl. Die Nahversorgung ist trotz schwindender kleiner Geschäfte mit sechs großen Supermärkten gegeben. Rödelheim ist bestens an das Verkehrsnetz angebunden. In jeweils 15 Minuten fahren U-Bahn und S-Bahn in die Innenstadt. Die Buslinien 55, 60 und 72 haben in Rödelheim ihre Endstation und fahren bis nach Höchst, Heddernheim und ins Nordwestzentrum.

Peter Höfer lebt gerne in Rödelheim. „Mir gefällt der Dorfcharakter“, sagt der 63-Jährige. Höfer wohnt in der Altenwohnheimanlage in der Alexanderstraße und fühlt sich dort pudelwohl. „Die Kombination aus Rehazentrum und Wohnheimanlage ist einmalig in Frankfurt“, sagt Sozialbezirksvorsteherin Ingrid Kruske. Auch das Auguste-Oberwinter-Haus sei eine wichtige Institution für die älteren Menschen im Stadtteil. Demnächst soll die Altenwohnheimanlage umgebaut werden. Wann genau das geschehen wird, ist noch offen. „Viele Bewohner befürchten, dass die Mieten höher werden“, sagt Kruse, die sich seit über 25 Jahren für Bedürfnisse der Rödelheimer engagiert.

Als großes Plus empfinden die Rödelheimer die reichlich vorhandenen Grünanlagen. Von der Kuhlmannswiese, auf der jeder kleine Junge im Stadtteil schon einmal gekickt hat, über den Brentanopark bis zum Solmspark gibt es zahlreiche Orte, an denen sich die Bürger erholen und die Kinder spielen können.

Engagiert in Rödelheim
        

Andreas Nöthen, 38, wohnt leidenschaftlich gern in Rödelheim und betreibt das Blog „Leben in Rödelheim“ unter www.roedelheimer.de
Foto: Privat
Auf der Suche nach Impulsen

Für mich ist Rödelheim einer der am meisten unterschätzten Stadtteile Frankfurts: Es gibt zunehmend Angebote in der Kinderbetreuung, viele kleine Läden und eine sehr gute Anbindung an die Stadt. Alteingesessene Rödelheimer, Studenten, Familien und Menschen aus verschiedenen Ländern leben hier recht friedlich miteinander. Auch mischen sich Künstler durch das Plattenlabel Hazelwood und die Fabrik Rödelheim darunter. In der Bar „Captain’s Inn“ gibt es regelmäßig Livemusik. Wir haben zwei Parks und die Nidda ist eine tolle Laufstrecke.

Natürlich gibt es einige Probleme wie die Spielhallen oder die Teilung des Stadtteils durch die S-Bahn. Viele sind engagiert und interessiert, aber es fehlt ein wenig daran, dieses gesamte Potenzial zu bündeln. Jeder wurschtelt so vor sich hin.

Mein Blog ist ein Versuch, das zu verbessern. Ich würde mich über mehr Impulse von den Rödelheimern freuen, bin immer auf der Suche nach Veranstaltungen oder Geschichten, über die ich berichten kann.

Andreas Nöthen, 38, wohnt leidenschaftlich gern in Rödelheim und betreibt das Blog „Leben in Rödelheim“ unter www.roedelheimer.de

Autor:  Timur Tinç
Datum:  29 | 11 | 2011
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