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Stadtteil-Porträts
In welchem der 43 Frankfurter Stadtteil lebt es sich am besten? Wir stellen sie vor - vom hippen Nordend zum beschaulichen Nieder-Erlenbach.

21. Mai 2014

Frankfurt-Sindlingen: Feldhamster beinahe ausgestorben

 Von George Grodensky
Senckenberg-Forscher Tobias Erik Reiners auf dem Feld in Sindlingen.  Foto: Andreas Arnold

Die Feldhamster auf den Feldern Am Welschgraben im Stadtteil Sindlingen sind die letzten im Frankfurter Westen. Die Tiere sind vom Aussterben bedroht. Dabei ist der Schutz der Hamster von der EU aus vorgeschrieben.

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Frankfurt. –  

Frankfurts Fauna hat es schwer. Je mehr die Stadt wächst, desto weniger Platz bleibt den Tieren. Der Feldhamster etwa ist vom Aussterben bedroht. Früher zeigte sich der possierliche Nager mit dem schwarzen Brustfell und den weißen Bäckchen in vielen Stadtteilen. Das ist vorbei. Die Bockenheimer, Bonameser und Harheimer haben 2001 letztmals Hamsterbauten im Feld gefunden, die Höchster und Unterliederbacher 2006. Heute gibt es nur noch Exemplare in Bergen-Enkheim und in den Feldern zwischen Sindlingen und Zeilsheim, zwischen Ferdinand-Hofmann-Siedlung und der Autobahn A 66.

Dabei ist der Schutz der Hamster von der EU aus vorgeschrieben. Das sagt Tobias Erik Reiners, Biologe und Forscher der Senckenberg-Gesellschaft. Der 30-Jährige steht im Sindlinger Feld und misst ein Loch aus. „Eindeutig ein Feldhamsterbau“, sagt er zufrieden. Bis zu zwei Meter tief könne der buddeln, um dem Bodenfrost zu entgehen, „das macht sonst kein Kleinsäuger“. Ebenfalls typisch: das senkrechte Fallrohr. Bei Gefahr springt der Feldbewohner kopfüber in die Tiefe und ist so blitzschnell verschwunden.

Dennoch muss Reiners feststellen: „Feldhamster sterben nicht an Altersschwäche.“ Sie sind ein typisches Beutetier. Fuchs, Rotmilan, Dachs, Eule, Katze, Hund, Wiesel, alle haben sie es auf ihn abgesehen. Auch der Mensch trägt zum Schwund bei. Straßen und Siedlungen schneiden die Feldhamster von der Außenwelt ab. Die Tiere verliert zusehends an Nahrungsquellen und Möglichkeiten, in Deckung zu gehen.

Den Hamster umzusiedeln ist langwierig, teuer und überhaupt eine „traurige Angelegenheit“, findet Reiners. Einen geeigneten Standort zu finden ist schwierig, ob der Hamster den Umzug überlebt fraglich. Selbst wenn, seien die Tiere verwirrt und leichte Beute auf dem fremden Feld.

Tierfreundliche Methoden

Seit 2010 forscht Reiners vor Ort. 2013 hat er 140 Baue gezählt. 2014 ist das Ergebnis noch offen. „Es sieht aber aus, als hätten viele überlebt.“ Reiners freut das doppelt. Einmal ist er dem Hamster aus beruflichen Gründen zugetan. Schon als angehender Biologe an der Uni Gießen war Reiners interessiert. „Ich kannte den aber nur aus Heinz Sielmann-Filmen.“ Dann bot ihm sein Professor an, er könne über den Hamster seine Abschlussarbeit schreiben. Reiners winkte zunächst ab. „Ich dachte, ich sollte nach Kasachstan fahren.“ Sollte er nicht. „Ich bin mit dem Fahrrad direkt raus aufs Feld.“

Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Reiners forscht mit neuen, tierfreundlichen Methoden. Seine Haarfalle ist in Fachkreisen beachtet, dank ihr braucht er keine Tiere mehr einzufangen und festzuhalten. Er schickt einfach Haarproben ins Labor. Die Zuneigung geht so weit, dass Reiners sich in der Freizeit ehrenamtlich für den Hamsterschutz einsetzt.

Feldhamster  Foto: Imago

In Sindlingen sind die Bedingungen noch ideal. „Es gibt viele Zusatzstrukturen“, also Kleingärten, Böschungen, Obstbäume. Außerdem arbeitet Reiners mit dem Umweltamt und den Landwirten zusammen, um die Population zu schützen. Hilfreich sei etwa, wenn nach der Ernte der Bauer das Feld nicht gleich wieder umpflüge. So hat der Hamster Zeit, einen neuen Unterschlupf zu finden. Noch besser allerdings: Der Landwirt lässt einen Streifen Getreide stehen. „Wir sehen schon Erfolge“, sagt Reiners über den Hamsterschutz.

Der Forscher ist also schwer beschäftigt, genau wie sein Forschungsobjekt. „Die Saison ist kurz.“ Der Hamster steht von Mai bis September eigentlich unter Dauerstress. Erst muss er den Bau reinigen, dann ausbauen, dann ein Weibchen suchen, meistens sind es mehrere. Die Weibchen wiederum ziehen den Nachwuchs auf. Dann gilt es, Nahrung zu sammeln und den Bau winterfest zu machen. Damit der Forscher auch im nächsten Jahr wieder etwas zu zählen findet.

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