Das Viertel rund um den Bahnhof verändert sich ständig. Es ist ein Anziehungspunkt für Künstler und Geschäftsleute, aber auch für Drogensüchtige und Obdachlose. Tatkräftige Menschen setzen sich für mehr Lebensqualität ein.
Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen.
Im Bahnhof hat die FR am Mittwoch, 14. Dezember, von 14 bis 16 Uhr einen Stand auf dem internationalen Winterbasar am Wiesenhüttenplatz. Von der Redaktion kommen Eva Marie Stegmann und Boris Schlepper. Als Gäste haben sich Schuhmacher Wolfgang Lenz, Weser 5-Leiterin Renate Lutz sowie Felix Nowak von der Bürogemeinschaft bb22 angekündigt. Foto: Michael Schick
Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen.
Im Bahnhof hat die FR am Mittwoch, 14. Dezember, von 14 bis 16 Uhr einen Stand auf dem internationalen Winterbasar am Wiesenhüttenplatz. Von der Redaktion kommen Eva Marie Stegmann und Boris Schlepper. Als Gäste haben sich Schuhmacher Wolfgang Lenz, Weser 5-Leiterin Renate Lutz sowie Felix Nowak von der Bürogemeinschaft bb22 angekündigt. Foto: Michael Schick
Vom Zentrum der Welt bis zum Kaffeehaus von Hannelore Kraus sind es nur ein paar Meter, dass dies immer noch so ist, dafür hat sie selbst gesorgt. Kraus, 72, promovierte Politologin, Besitzerin einer Pension und Kaffeehausbetreiberin, ist eine freundliche Dame, vielleicht haben ihr deshalb alle geglaubt, als sie vor ein paar Jahren begann, „eine kleine Studie zu machen“. All ihren amerikanischen Gästen habe sie erläutert, dass Europa ja in der Mitte liege, global betrachtet, in der Mitte von Europa dann Deutschland, in der Mitte davon Frankfurt, in der Mitte: der Hauptbahnhof. „Das Zentrum der Welt, das haben die eingesehen“, sagt Kraus. War ja auch gut argumentiert. Stringent, wie Hannelore Kraus sagen würde.
Vor mehr als 120 Jahren wurde der Frankfurter Hauptbahnhof eröffnet - und auf den ehemaligen Gleisanlagen zu den alten Westbahnhöfen, die nun nicht mehr gebraucht wurden, wuchs ein Stadtviertel empor: das Bahnhofsviertel.
Foto: dpa
Jetzt könnte man meinen, dass der Hauptbahnhof zum Stadtteil Bahnhofsviertel gehört - aber so einfach sind die Dinge in Frankfurt ja nie. Schließlich steht auch der "Ginnheimer Spargel" in Bockenheim, das "Funkhaus am Dornbusch" vom HR im Nordend, das "Bürgerhaus Bornheim" im Ostend. Der Frankfurter Unlogik folgend, gehört daher der Hauptbahnhof nicht zum Bahnhofsviertel, sondern zum Gallus.
Das Bahnhofsviertel ist Frankfurts kleinster Stadtteil, wenn man den Flughafen nicht mitzählt. Gerade einmal etwas mehr als 2000 Menschen leben zwischen Gallusanlage (Im Vordergrund), Mainzer Landstraße, Untermainkai und Hauptbahnhof (im Hintergrund). Und zwischen Bankentürmen, Laufhäusern und alten Gründerzeitbauten.
Foto: Christoph Boeckheler
Das Quartier ist ein Milieu der Kontraste, das beginnt schon bei der Bebauung. Viele Häuser der Jahrhundertwende werden inzwischen aufwendig wieder hergerichtet, aber auch die Hochhäuser müssen saniert werden. In den Silver Tower der Dresdner Bank zieht 2012 die Deutsche Bahn ein.
Foto: Michael Schick
Fast zwei Jahren lange wurde das Hochhaus dafür Etage für Etage saniert, was zeitweilig besondere Einblicke ermöglichte. Mit dem neuen Sitz der Bahn haben sich die Pläne für den "Campanile" am Hauptbahnhof wohl endgültig erledigt. Zumindest die Bahn wird nicht noch ein Hochhaus brauchen.
Foto: Christoph Boeckheler
Die Stadt will wieder mehr Bewohner ins Bahnhofsviertel lotsen, sie fördert deshalb die Sanierung von Altbauten wie hier in der Weserstraße, Die Kundschaft ist allerdings eine andere als früher, zahlungskräftiger, anspruchsvoller. Im Viertel treibt das die Gentrifizierung voran.
Foto: Christoph Boeckheler
Aus diesem Gründerzeithaus in der Moselstraße, in dem auch das Lokal "Moulin Rouge" untergebracht ist, wurde etwa mit Millionenaufwand ein Schmuckstück. Noch vor ein paar Jahren war das Haus mitten im Rotlichtbezirk vom Verfall gezeichnet.
Foto: dpa
Die alten Fassaden sind ein Markenzeichen des Bahnhofsviertels, manche erinnern nach der Wiederherstellung an den Glanz der Gründerjahre, als die Kaiserstraße eine Prachtallee war. In diesem Haus an der Münchener Straße wird heute im Erdgeschoss Frankfurts längste Pizza verkauft. "Pazza Pazza" ist der neuen Kundschaft gemäß nicht ganz billig, aber ziemlich gut.
Foto: Christoph Boeckheler
Fast nirgendwo sonst in der Stadt ist Altbau-Wohnraum so günstig zu haben wie im Bahnhofsviertel, obwohl die Mieten mittlerweile auch dort kräftig steigen. Manch einer aber schafft sich eine kleine Oase hoch oben über dem täglichen Trubel der Händler und Pendler, der Trinker und Junkies, der Künstler und Makler. Wer hier wohnt, kann auf ein Haushaltsgerät jedenfalls verzichten: den Fernseher: Runtergucken reicht.
Foto: Christoph Boeckheler
Die offene Bühne liegt unten auf der Straße. Hier suchen Menschen aus allen Ländern der Erde ihr Glück, das gute Geschäft, ein klein wenig Abwechslung und manchmal auch einfach nur den nächsten Schuss. In der Münchener Straße dominieren die internationalen Lebensmittelgeschäfte. Es gibt nichts, das es nicht gibt auf dieser Meile.
Foto: dpa
Riesig ist die Gemüseauswahl in und vor den zahlreichen Geschäften. Die beste Zeit für den Einkauf ist der frühe Abend, kurz vor Ladenschluss. Dann gehen ganze Stiegen mit Tomaten oder Kohlköpfen zum Kampfpreis über den Tresen. Aber das wissen natürlich auch andere.
Foto: Christoph Boeckheler
Manche nennen ihn den heimlichen Chef der Münchener, auf jeden Fall aber ist Alim Cosgun ziemlich gut im Geschäft. Ihm gehört der Fischladen mit Schnellrestaurant und daneben auch noch der Supermarkt. Abends, wenn die Kampfpreise aufgerufen werden, steht Alim auch gerne mal selbst auf dem Bürgersteig und preist sein Gemüse persönlich an. Den Fisch hat er dann in aller Regeln schon verlauft.
Foto: Alex Kraus
Schräg gegenüber von Alims Geschäften findet sich ein anderer Klassiker des Einzelhandels im Bahnhofsviertel: die Schuhmacherei Lenz. Wolfgang Lenz (links) hat die Geschäfte zwar inzwischen übergeben an die jüngere Generation, im Laden steht er aber immer noch fast jeden Tag.
Foto: Rolf Oeser
Und wo Wolfgang Lenz ist, kann Oskar Mahler nicht weit sein. In die Schuhmacherei integriert ist Mahlers Hammermuseum, das jederzeit besichtigt werden kann. Der Künstler erklärt auch gerne seine Exponate, während unten die Stiefel neu besohlt werden.
Foto: Georg Kumpfmüller
Zur Heldin ist sie geworden, als sie dem Viertel ein weiteres Hochhaus ersparte. Aber Hannelore Kraus mag das eigentlich gar nicht gerne hören. Schließlich hat sie einfach nur für ihr Recht gekämpft, als sie die Gelegenheit dazu hatte. Im Café Nußknacker, einst ein Fischgeschäft, kann man sich die ganze Geschichte von ihr selbst ganz genau erzählen lassen.
Foto: Michael Schick
Auf 40 Quadratmetern hat Manor Kapoor in seinem Punjabi Shop eine indische Warenwunderwelt versammelt, die man von außen niemals erwarten würde. Neben Bollywoodfilmen und Bittermelonen gibt es Hülsenfrüchte, Currys und Samosas. Und draußen an der Wand einen Kaugummi-Automaten. Auch nicht mehr überall zu finden, die Dinger.
Foto: Michael Schick
Im Bahnhofsviertel hat sich einst eine Entwicklung vollzogen, die überall sonst umgekehrt lief. Die Kaufhalle wurde verdrängt von vielen kleinen Geschäften. Nach jahrelangem Leerstand wurde das Gebäude auf der Kaiserstraße gerade abgerissen. Es entstehen hochwertige Geschäfte und Eigentumswohnungen, die wieder andere verdrängen.
Foto: dpa/dpaweb
Nicht nur als Schmelztiegel vor Menschen aus aller Welt hatte das Viertel schon früh seine Bestimmung, sondern auch als Rotlichtmilieu. Rosemarie Nitribitt war wohl die erste und bislang einzige Berühmtheit unter den Prostituierten. 1957 wurde sie erdrosselt in ihrer Wohnung aufgefunden. Aufgeklärt ist der Fall bis heute nicht.
Foto: dpa
Der Glanz ist etwas weniger geworden, aber das Geschäft mit der nackten Haut kennt kaum Krisen. In unzähligen Etablissements entlang der Taunus-, Mosel- und Elbestraße locken junge Frauen zahlungskräftige Kunden in die Bars. Das geht immer noch am Besten mit wenig Kleidung.
Foto: Andreas Arnold
Sie gehört zu den ewigen Konstanten im Viertel: die "Pik Dame". Seit Jahrzehnten erfreuen sich die Gäste hier an täglichen Travestieshows, Kaberetts und Tabeldance. In letzter Zeit lockt die Pik auch wieder vermehrt jüngere Menschen an, vor allem zu den Partys am Wochenende.
Foto: Rolf Oeser
Nebenan ließen bis vor einiger Zeit auch im "Riz" junge Damen die Hüllen fallen. Zu den regelmäßigen Gästen zählte dort auch Manuela Mock, als Inhaberin von "Transnormal" eine weitere Größe des Viertels. Das "Riz" hat allerdings inzwischen zugemacht.
Foto: Andreas Arnold
Auch ein Highlight des Viertels: das "Moulin Rouge". Jahrzehntelang war das stolze Gebäude im Rotlichtmilieu vom Verfall gezeichnet. Jetzt hat die Besitzerin daraus mit Millionenaufwand ein Schmuckstück gemacht.
Foto: dpa
Um die Männer in die Laufhäuser zu locken, ist keine Werbung zu aufwendig: Auf den Balkonen des "Crazy Sexy" halten Schaufensterpuppen rund um die Uhr Ausschau nach Freiern. Und werden selbst zum Blickfang in der Elbestraße.
Foto: Michael Schick
Wer heller leuchtet, hat gewonnen. Manchmal wirken die Fassaden in der Taunus- und Elbestraße wie große Schaufenster, die nach Aufmerksamkeit schreien. Und zu jedem Fußballturnier wird natürlich auch die Deutschland-Fahne rausgehängt. Kann ja auch nicht schaden.
Foto: dpa
Die klassischen Koberer sind eher selten geworden, doch das "Bistro 91" in der Taunusstraße hat noch einen: Marc Schildberger steht den ganzen Abend vor dem Laden und versucht, die Kunden hineinzulocken. Um einen Spruch ist er dabei nie verlegen. Und oft genug gelingt es ihm ja auch.
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Stets gut gefüllt sind die Laufhäuser, die beinahe rund um die Uhr geöffnet haben. Im Bahnhofsviertel der Bankenstadt arbeiten nach Schätzung der Hilfsorganisation für Prostituierte "Donna Carmen" rund 1000 Frauen.
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Aber auch die Polizei kommt immer wieder vorbei. So wurden etwa im Vorfeld der Fußball-WM 2006 zahlreiche Bordelle durchsucht, um auszuschließen, dass es dort zu Zwangsprostitution kommt. Und auch sonst ist die Polizei immer wieder zu Razzien vor Ort. Sehr zum Unmut der Bordellbetreiber, die betonen, nur Frauen mit ordentlichen papieren zu beschäftigen.
Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb
Dramatischer waren da schon die Ereignisse bei der Bahnhofsviertelnacht im vergangenen Jahr. Damals wurde ein Mann bei einer Schießerei schwer verletzt. Die Elbestraße musste gesperrt werden, die Ermittlungen konnten nie ganz aufklären, worum es damals genau ging.
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Weniger Sorgen scheinen der Polizei die Kehrseiten des Rotlichtmilieus zu bereiten. Sie hat allerdings auch wenig Chancen, dem Problem mit Betrunkenen oder Drohgenabhängigen, die auf der Straße herumliegen, beizukommen. Das Viertel bleibt so weiterhin verrufen, auch wenn die Stadt ihr "Eingangsportal" immer mal wieder aufwerten möchte.
Foto: Alex Kraus
Geschafft wurde indessen etwas, das andere europäische Großstädte bis heute nicht in den Griff kriegen: Die offene Drogenszene wurde auf ein Minimum reduziert. Mit Druckräumen für Abhängige, wie hier das "La Strada", änderte sich das Bild etwa in der Taunusanlage, wo früher Junkies über Monate campierten, grundlegend.
Foto: FRFOTO
Trotzdem bleibt die Abhängigkeit ein Problem, noch immer sterben jährlich mehr als 20 Menschen in Frankfurt an ihrem Konsum. "Tot ist nur der vergessen ist, doch in Gedanken derer die Dich kannten und liebten wirst Du ewig weiter leben!" steht auf einem Zettel, mit dem Freunde im "Cafe Fix" im Bahnhofsviertel um ihren verstorbenen Freund Stefan trauern
Foto: dpa
Beim nationalen Gedenktag für verstorbene Drogenkonsumenten erinnern jedes Jahr auch im Kaisersack vor dem Hauptbahnhof Freunde und Hinterbliebene den Opfern. Sie legen Kreuze und Rosen auf den Boden - und manchmal auch einfach nur die Schuhe der Toten, die ihnen geblieben sind.
Foto: Michael Schick
Im normalen Trubel etwa beim Kaiserfest ist von alledem nur wenig zu spüren. Auch das ist eine Besonderheit des Bahnhofsviertel. Zwischen ausgelassener Freude und bodenlosem Elend liegt oft nur eine Straßenecke.
Foto: Rolf Oeser
Da treffen normale Reisende schon einmal mitten auf der Kaiserstraße auf den Osterhasen...
Foto: dpa
...und im nächsten Moment fahren Menschen auf riesigen Fahrrädern vorbei.
Foto: Christoph Boeckheler
Und schon hinter der nächsten Straßenecke schläft ein Betrunkener im Sitzen. Das alles ist das Frankfurter Bahnhofsviertel, das Milieu der Gegensätze.
Nackte Haut, kleines Geld, große Hoffnungen - all das passt in Frankfurts kleinsten Stadtteil. Eine offene Bühne für Menschen aus aller Welt, für Glückssucher und Gescheiterte, für Banker und Bohemiens, für Jedermann.
Wer das Bahnhofsviertel verstehen will, muss es verlassen, ein paar Schritte nur am Hauptbahnhof vorbei, in die Karlsruher Straße, genau genommen ist das schon Gutleutviertel im Kaffeehaus Nußknacker, bei Hannelore Kraus. Wer etwas lernen will über ein Viertel, das immerzu bedrängt wird, weil alle ständig etwas wollen, aber nur selten bereit sind, etwas zu geben, weil es um Geld geht, um Prestige, um Wählerstimmen; wer den Wandel im Zentrum der Welt durchschauen möchte, muss einen Kaffee bestellen im Nußknacker. Es kann dann sein, dass an einem Donnerstagmittag gerade die Therapeutin da ist und Hannelore Kraus die Füße hochliegen hat wegen einer Reflexzonenmassage, aber das macht nichts. Sie erzählt trotzdem. Gäste sind ohnehin eher selten. Werden sie eben mit hochgekrempeltem Hosenbein bedient. Sie sei da unkonventionell, erklärt Kraus dem Gast am Fenster. Und stellt einen Kakao vor ihm ab.
Gentrifizierung bringt Veränderung mit sich
Hannelore Kraus ist zur Heldin des Bahnhofsviertels geworden, weil sie Nein gesagt hat und dabei geblieben ist. Mehr als 20 Jahre ist das nun her, die Bahn wollte damals ein Hochhaus bauen an der Karlsruher Straße, dort, wo der Parkplatz ist, Hauptbahnhof Südseite. Acht Anwohner mussten ihre Einwilligung geben für „dieses Hochhaus, vulgo Campanile genannt“, wie Kraus sagt, sieben unterschrieben, eine nicht. „Es hätte die Struktur des Viertels zerstört“, sagt Kraus. Die Bahn bot ihr Millionen, es gab ein Riesentheater. Sie blieb stur.
Das Bahnhofsviertel hat sich vielen Trends widersetzt, ist dem Wandel mal gefolgt und hat ihm mal die kalte Schulter gezeigt. Frankfurts kleinster Stadtteil nach dem Flughafen hat gerade einmal 2125 Bewohner, er umfasst auch nur eine Handvoll Straßen zwischen Mainzer Landstraße, Gallusanlage, Untermainkai und Hauptbahnhof. Und trotzdem ist das Bahnhofsviertel mit seinen Bettlern und Künstlern, Prostituierten und Bankern, Junkies und Hipstern das spannendste Quartier der Stadt. Allerlei Banden haben hier regiert und allerlei Politiker haben versprochen, aufzuräumen und durchzugreifen, die Boulevardzeitung berichtete groß, aber am Ende geschah nichts.
Daten
Fakten
Merkez
Moseleck
Moulin Rouge
Gleich neben der Innenstadt liegt das Frankfurter Bahnhofsviertel auf gerade einmal 52 Hektar zwischen Hauptbahnhof, Mainzer Landstraße, Gallusanlage und Untermainkai. Bekannt ist es vor allem für seine drei Hauptachsen: die Münchener, die Kaiser- und die Taunusstraße. Vor knapp 100 Jahren war das Quartier noch Frankfurts Renommierviertel: Der monumentale Hauptbahnhof war damals einzigartig in Europa, die Kaiserstraße war Frankfurts Pracht- und Einkaufsstraße, die Münchener Straße hieß damals noch Kronprinzenstraße.
Trotz des Milieus hat das Viertel viel von seinem Flair behalten. Das einzige privat geführte englischsprachige Theater Frankfurts etwa holt den Broadway und das Londoner Westend an die Gallusanlage. Rund um die Uhr ist in diesem Viertel „Betrieb“, und die unzähligen Restaurants, Cafés und Ladengeschäfte bieten die umfangreichste (und exotischste) Angebotspalette der ganzen Stadt. Die Bewohnerstruktur unterscheidet sich ebenfalls von allen anderen Stadtteilen. So leben überhaupt nur 2125 Menschen im Bahnhofsviertel, der Ausländeranteil ist relativ hoch. Und: Es gibt nur sehr wenige Familien im Bahnhofsviertel. Das liegt vielleicht auch daran, dass es hier keinen Spielplatz gibt. Zum Renommierviertel soll das Quartier wieder werden. So hat die Stadt beschlossen, den Bahnhofsvorplatz neu zu gestalten. Entschieden ist aber noch nichts.
Manche sagen, das Merkez in der Münchener Straße sei das beste türkische Restaurant der Stadt. Andere behaupten, es sei das Bayram direkt gegenüber. Wobei der Besitzer von Merkez auch Bayram heißt. Die Dinge sind also kompliziert im Bahnhofsviertel, zumal, wenn es um Döner geht. Man könnte nämlich auch für das Alanya in der Taunusstraße plädieren (Name des Besitzers nicht bekannt). Gut sind sie allesamt. Und allen dreien ist gemein, dass man von drinnen durch große Scheiben nach draußen auf den Trubel in den Straßen schauen kann. Im Bahnhofsviertel ist es das Wichtigste. Dazu einen Tee. Und ein Schwätzchen mit Bayram von Merkez. Oder Bayram von Bayram.
Man sollte Harry kennen. Mit 17 begann der Wirt vom Moseleck als Kellner im Bahnhofsviertel, damals fuhr schon einmal die Helga Matura vor, eine von Deutschland berühmtestem Maler gleich zweimal verewigte Edelprostituierte, die 1966 ebenso mysteriös ums Leben kam wie neun Jahre zuvor Rosemarie Nitribitt. Harry kennt das Viertel wie wahrscheinlich kaum ein anderer. Das Moseleck, das bereits 1900 eröffnete und die älteste Kneipe des Viertels ist, übernahm er 1995 und schraubte erst mal alles fest. Wie zu allen Zeiten gibt es dort frisches Pils bis zum Morgengrauen. Aber inzwischen fliegen keine Stühle mehr durchs Fenster. Weil es nicht geht. Sind ja festgeschraubt.
Von all den Animierbars, die mehr oder weniger effektvoll Kunden kobern, ist das Moulin Rouge in der Moselstraße in jedem Fall die, in die man sich am ehesten mal reintrauen kann. Auch wenn man solche Läden ansonsten natürlich nie besuchen würde (wirklich nie!). Einst eine Backstube, wurde einer der letzten Jugendstilaltbauten des Viertels aufwendig saniert, das sieht man schon von außen. Aber drinnen dann: Eine Bar aus Eichenholz, Separees mit schweren Vorhängen und Originalfliesen. Es ließe sich also hinterher immer noch behaupten, man habe nur aus historischem Interesse mal reingeschaut. Und natürlich nicht aus Lasterhaftigkeit. Würde man ja nie. Wirklich nie!
Stets geblieben sind die Fischhändler, die Banken, Drogen, Bordelle, Clubs, Kneipen, Schuhgeschäfte, Friseure, Moscheen – eine offene Bühne der Hoffnungsvollen und Gescheiterten, der Suchenden. Es ist eine unsichtbare Kraft, die neuerdings das Viertel regiert. Kein Frankfurter Stadtteil ist so stark von dem gezeichnet, was Soziologen als Gentrifizierung bezeichnen, einem Umstrukturierungsprozess urbaner Quartiere.
Durch eine unscheinbare Haustür in der Taunusstraße führt der Weg in die Fixiestube. Dieses Wortspiel funktioniert nur in einem Viertel, in dem es Fixerstuben gibt, aber auch immer mehr Menschen, deren Lifestyle es gebietet, auf Fahrrädern ohne Gangschaltung und Bremsen durch die Stadt zu fahren, auf Fixies eben. Jan-Frederik Stautz hat die Werkstatt vor drei Jahren im Kellergewölbe eines Wohnhauses eingerichtet, mit drei Kompagnons kümmert sich der ehemalige Fahrradkurier seither um die Fixies im Viertel.
Die Gentrifizierung sei wahrnehmbar, sagt Stautz, wohl wissend, selbst ein Teil davon zu sein. Immer mehr junge Menschen ziehen ins Quartier, füllen den in der Stadt seltenen billigen Wohnraum. Mit ihnen steigen die Ansprüche, verändern sich die Interessen, kommen die Investoren, die so lange „urbanes Leben“ mit Eigentumswohnungen entwickeln, bis die Mieterschaft, die gerade die alte verdrängt, selbst wieder verdrängt wird.
Verliererseite des Wandels
Bis unter die Decke stapeln sich Fahrradrahmen und Ersatzteile in der Fixiestube, bis Weihnachten noch, dann läuft der Mietvertrag aus, dann kommen entweder die Investoren oder es eröffnet mal wieder ein Pornokino. „So geht das hier andauernd“, sagt Stautz, „das Viertel wird aufgewertet, ist aber sehr unstet, denn viele Versuche scheitern auch. Wir sind im positiven Sinne Mietnomaden, wenn uns einer rausschmeißt, suchen wir uns was Neues.“ Einen Laden haben die vier in der Weißfrauenstraße aufgemacht, für die Werkstatt suchen sie noch eine Bleibe. „Vielleicht klappt es in der Kaiserpassage, vielleicht ziehen wir auch ins Gallus“, sagt Stautz.
Es gibt Geschäftsleute, die das weniger entspannt sehen, vielleicht, weil sie sich nicht auf der Siegerseite des Wandels wähnen. Schon im Morgengrauen erwacht das Leben auf der Münchener Straße, die Linie 11 rollt dann aus dem Osten der Stadt heran und bringt Junkies aus den Unterkünften an der Hanauer Landstraße ins Viertel, daneben hasten Angestellte in die Stadt, parken Lastwagen, die Schweinehälften liefern und Tomaten, Hülsenfrüchte, Mangos. Um die Ecke in der Weserstraße richtet Manor Kapoor seine Samosas auf der Theke.
Kapoor, 47, hat es eigentlich geschafft, er ist 1983 aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, hat den Punjabi Shop übernommen und versorgt seither auf 40 Quadratmetern die in Indien geborenen Frankfurter mit einer eigentümlichen Mischung aus Ingwerwurzeln, Bittermelonen und Bollywoodfilmen. Aber er hat Sorgen, seit die Mieten steigen. „Es wird bald nicht mehr viele Läden wie diesen hier geben im Viertel“, sagt Kapoor. „Vieles verändert sich, für die kleinen Händler ist dann irgendwann kein Platz mehr.“
Manches verändert sich dagegen nie. Hannelore Kraus ist in Amerika gewesen und hat in Afrika gelebt, als sie wieder zurückkam in das Viertel, in dem sie geboren wurde, hat sie es verteidigt, für sich und für Menschen, die auch mal in Afrika gelebt haben. Ein paar Schritte entfernt vom Zentrum der Welt gibt es in ihrem Hinterhof heute, dort, wo ihr Vater früher an Pelznäher vermietete, einen taoistischen Tempel.
Nur ein Hochhaus gibt es da noch immer nicht. Die Deutsche Bahn zieht nächstes Jahr in die Weserstraße. Die Pläne für den Campanile wurden begraben, erst mal.
Wenn Kunden am Telefon fragen, wo die Schuhmacherei ist, und ich antworte ihnen, das ist im Bahnhofsviertel, schrecken viele erst mal auf. Der Bahnhof wird stets in Verbindung gebracht mit Kriminalität und dunklen Gestalten. Ich sage es Ihnen: Hier kann man unbekümmert nachts rumlaufen. Ich hab so einige Mädchen ausgebildet, es ist nie etwas passiert. Hier ist immer etwas los, man ist nie alleine. Anderswo, in Fechenheim, werden nachts die Gehsteige hochgeklappt, da wird man vielleicht eher überfallen. Was mich am meisten stört, ist die Arbeit der Politiker. Alle vier Jahre wird neu gewählt, und etwas Neues angefangen. Dann übernehmen sie eine andere Aufgabe und was mit den Häusern, die gebaut wurden, passiert, interessiert nicht mehr. Die ziehen lieber eine Schau ab beim Grundsteinlegen als kontinuierlich zu arbeiten. Ich bin im Gewerbeverein und beim Treffpunkt Bahnhofsviertel. Wir versuchen das in den Griff zu kriegen mit den Obdachlosen und Drogendealern. Was mich ärgert ist, dass die Fixräume um 10 Uhr schließen. Als ob die Sucht dann Feierabend machen würde. (ems)
Wolfgang Lenz (69) ist Alt-Meister der Schuhmacherei Lenz. Er leitete den Betrieb mehr als vier Jahrzehnte und ist immer noch täglich dort.
Foto: Ilona Surrey
Vielfalt statt Armut
Wenn ich über die Münchner Straße gehe, sehe ich es täglich: Viele unterschiedliche Menschen leben in diesem Viertel harmonisch miteinander. Hier im Bahnhofsviertel klappt das sehr gut. Durch die Förderprogramme der Stadt und des Landes kommen neue Leute hierher. Die Sanierung der Häuser und die Verschönerung einzelner Plätze hat viele Künstler angezogen. So erwarb die Initiative Basis 2005 Ateliers für Kreative in der Elbestraße. Ich wünsche mir, dass die Entwicklung weiter so positiv verläuft. Dass nicht nur Armut herrscht, sondern auch Wohlhabendere zuziehen. Gerade jetzt, wo die schönen Altbauwohnungen renoviert werden. Was mir auffällt, sind die vielen Wohnungslosen. Seit Jahren habe ich befürchtet, dass die Anzahl zunimmt. Die Reformen von Grünen und SPD und die Einführung von Hartz IV zeigen jetzt ihre Wirkung. Zu Problemen in der Obdachlosenszene führt aktuell die Einreise armer Menschen aus Osteuropa, die hier ihr Glück suchen und natürlich auch die Wohnungsloseneinrichtungen nutzen möchten – das führt zu Geschubse nach unten. (ems)
Renate Lutz (59) ist seit 12 Jahren Leiterin des Diakoniezentrums Weser 5 . Als Sozialarbeiterin war sie viele Jahre lang selbst Streetworkerin .