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Stadtteil-Porträts
In welchem der 43 Frankfurter Stadtteil lebt es sich am besten? Wir stellen sie vor - vom hippen Nordend zum beschaulichen Nieder-Erlenbach.

13. Dezember 2011

Frankfurter Bahnhofsviertel: Bunt und ruhelos

 Von Felix Helbig
Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. Im Bahnhof hat die FR am Mittwoch, 14. Dezember, von 14 bis 16 Uhr einen Stand auf dem internationalen Winterbasar am Wiesenhüttenplatz. Von der Redaktion kommen Eva Marie Stegmann und Boris Schlepper. Als Gäste haben sich Schuhmacher Wolfgang Lenz, Weser 5-Leiterin Renate Lutz sowie Felix Nowak von der Bürogemeinschaft bb22 angekündigt. Foto: Michael Schick

Das Viertel rund um den Bahnhof verändert sich ständig. Es ist ein Anziehungspunkt für Künstler und Geschäftsleute, aber auch für Drogensüchtige und Obdachlose. Tatkräftige Menschen setzen sich für mehr Lebensqualität ein.

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Das Viertel rund um den Bahnhof verändert sich ständig. Es ist ein Anziehungspunkt für Künstler und Geschäftsleute, aber auch für Drogensüchtige und Obdachlose. Tatkräftige Menschen setzen sich für mehr Lebensqualität ein.

Vom Zentrum der Welt bis zum Kaffeehaus von Hannelore Kraus sind es nur ein paar Meter, dass dies immer noch so ist, dafür hat sie selbst gesorgt. Kraus, 72, promovierte Politologin, Besitzerin einer Pension und Kaffeehausbetreiberin, ist eine freundliche Dame, vielleicht haben ihr deshalb alle geglaubt, als sie vor ein paar Jahren begann, „eine kleine Studie zu machen“. All ihren amerikanischen Gästen habe sie erläutert, dass Europa ja in der Mitte liege, global betrachtet, in der Mitte von Europa dann Deutschland, in der Mitte davon Frankfurt, in der Mitte: der Hauptbahnhof. „Das Zentrum der Welt, das haben die eingesehen“, sagt Kraus. War ja auch gut argumentiert. Stringent, wie Hannelore Kraus sagen würde.

Wer das Bahnhofsviertel verstehen will, muss es verlassen, ein paar Schritte nur am Hauptbahnhof vorbei, in die Karlsruher Straße, genau genommen ist das schon Gutleutviertel im Kaffeehaus Nußknacker, bei Hannelore Kraus. Wer etwas lernen will über ein Viertel, das immerzu bedrängt wird, weil alle ständig etwas wollen, aber nur selten bereit sind, etwas zu geben, weil es um Geld geht, um Prestige, um Wählerstimmen; wer den Wandel im Zentrum der Welt durchschauen möchte, muss einen Kaffee bestellen im Nußknacker. Es kann dann sein, dass an einem Donnerstagmittag gerade die Therapeutin da ist und Hannelore Kraus die Füße hochliegen hat wegen einer Reflexzonenmassage, aber das macht nichts. Sie erzählt trotzdem. Gäste sind ohnehin eher selten. Werden sie eben mit hochgekrempeltem Hosenbein bedient. Sie sei da unkonventionell, erklärt Kraus dem Gast am Fenster. Und stellt einen Kakao vor ihm ab.

Gentrifizierung bringt Veränderung mit sich

Hannelore Kraus ist zur Heldin des Bahnhofsviertels geworden, weil sie Nein gesagt hat und dabei geblieben ist. Mehr als 20 Jahre ist das nun her, die Bahn wollte damals ein Hochhaus bauen an der Karlsruher Straße, dort, wo der Parkplatz ist, Hauptbahnhof Südseite. Acht Anwohner mussten ihre Einwilligung geben für „dieses Hochhaus, vulgo Campanile genannt“, wie Kraus sagt, sieben unterschrieben, eine nicht. „Es hätte die Struktur des Viertels zerstört“, sagt Kraus. Die Bahn bot ihr Millionen, es gab ein Riesentheater. Sie blieb stur.

Das Bahnhofsviertel hat sich vielen Trends widersetzt, ist dem Wandel mal gefolgt und hat ihm mal die kalte Schulter gezeigt. Frankfurts kleinster Stadtteil nach dem Flughafen hat gerade einmal 2125 Bewohner, er umfasst auch nur eine Handvoll Straßen zwischen Mainzer Landstraße, Gallusanlage, Untermainkai und Hauptbahnhof. Und trotzdem ist das Bahnhofsviertel mit seinen Bettlern und Künstlern, Prostituierten und Bankern, Junkies und Hipstern das spannendste Quartier der Stadt. Allerlei Banden haben hier regiert und allerlei Politiker haben versprochen, aufzuräumen und durchzugreifen, die Boulevardzeitung berichtete groß, aber am Ende geschah nichts.

Daten
Fakten
Merkez
Moseleck
Moulin Rouge

Gleich neben der Innenstadt liegt das Frankfurter Bahnhofsviertel auf gerade einmal 52 Hektar zwischen Hauptbahnhof, Mainzer Landstraße, Gallusanlage und Untermainkai. Bekannt ist es vor allem für seine drei Hauptachsen: die Münchener, die Kaiser- und die Taunusstraße.
Vor knapp 100 Jahren war das Quartier noch Frankfurts Renommierviertel: Der monumentale Hauptbahnhof war damals einzigartig in Europa, die Kaiserstraße war Frankfurts Pracht- und Einkaufsstraße, die Münchener Straße hieß damals noch Kronprinzenstraße.

Trotz des Milieus hat das Viertel viel von seinem Flair behalten. Das einzige privat geführte englischsprachige Theater Frankfurts etwa holt den Broadway und das Londoner Westend an die Gallusanlage. Rund um die Uhr ist in diesem Viertel „Betrieb“, und die unzähligen Restaurants, Cafés und Ladengeschäfte bieten die umfangreichste (und exotischste) Angebotspalette der ganzen Stadt.
Die Bewohnerstruktur unterscheidet sich ebenfalls von allen anderen Stadtteilen. So leben überhaupt nur 2125 Menschen im Bahnhofsviertel, der Ausländeranteil ist relativ hoch. Und: Es gibt nur sehr wenige Familien im Bahnhofsviertel. Das liegt vielleicht auch daran, dass es hier keinen Spielplatz gibt.
Zum Renommierviertel soll das Quartier wieder werden. So hat die Stadt beschlossen, den Bahnhofsvorplatz neu zu gestalten. Entschieden ist aber noch nichts.

Manche sagen, das Merkez in der Münchener Straße sei das beste türkische Restaurant der Stadt. Andere behaupten, es sei das Bayram direkt gegenüber. Wobei der Besitzer von Merkez auch Bayram heißt. Die Dinge sind also kompliziert im Bahnhofsviertel, zumal, wenn es um Döner geht. Man könnte nämlich auch für das Alanya in der Taunusstraße plädieren (Name des Besitzers nicht bekannt). Gut sind sie allesamt. Und allen dreien ist gemein, dass man von drinnen durch große Scheiben nach draußen auf den Trubel in den Straßen schauen kann. Im Bahnhofsviertel ist es das Wichtigste. Dazu einen Tee. Und ein Schwätzchen mit Bayram von Merkez. Oder Bayram von Bayram.

Man sollte Harry kennen. Mit 17 begann der Wirt vom Moseleck als Kellner im Bahnhofsviertel, damals fuhr schon einmal die Helga Matura vor, eine von Deutschland berühmtestem Maler gleich zweimal verewigte Edelprostituierte, die 1966 ebenso mysteriös ums Leben kam wie neun Jahre zuvor Rosemarie Nitribitt. Harry kennt das Viertel wie wahrscheinlich kaum ein anderer. Das Moseleck, das bereits 1900 eröffnete und die älteste Kneipe des Viertels ist, übernahm er 1995 und schraubte erst mal alles fest. Wie zu allen Zeiten gibt es dort frisches Pils bis zum Morgengrauen. Aber inzwischen fliegen keine Stühle mehr durchs Fenster. Weil es nicht geht. Sind ja festgeschraubt.

Von all den Animierbars, die mehr oder weniger effektvoll Kunden kobern, ist das Moulin Rouge in der Moselstraße in jedem Fall die, in die man sich am ehesten mal reintrauen kann. Auch wenn man solche Läden ansonsten natürlich nie besuchen würde (wirklich nie!). Einst eine Backstube, wurde einer der letzten Jugendstilaltbauten des Viertels aufwendig saniert, das sieht man schon von außen. Aber drinnen dann: Eine Bar aus Eichenholz, Separees mit schweren Vorhängen und Originalfliesen. Es ließe sich also hinterher immer noch behaupten, man habe nur aus historischem Interesse mal reingeschaut. Und natürlich nicht aus Lasterhaftigkeit. Würde man ja nie. Wirklich nie!

Stets geblieben sind die Fischhändler, die Banken, Drogen, Bordelle, Clubs, Kneipen, Schuhgeschäfte, Friseure, Moscheen – eine offene Bühne der Hoffnungsvollen und Gescheiterten, der Suchenden. Es ist eine unsichtbare Kraft, die neuerdings das Viertel regiert. Kein Frankfurter Stadtteil ist so stark von dem gezeichnet, was Soziologen als Gentrifizierung bezeichnen, einem Umstrukturierungsprozess urbaner Quartiere.

Durch eine unscheinbare Haustür in der Taunusstraße führt der Weg in die Fixiestube. Dieses Wortspiel funktioniert nur in einem Viertel, in dem es Fixerstuben gibt, aber auch immer mehr Menschen, deren Lifestyle es gebietet, auf Fahrrädern ohne Gangschaltung und Bremsen durch die Stadt zu fahren, auf Fixies eben. Jan-Frederik Stautz hat die Werkstatt vor drei Jahren im Kellergewölbe eines Wohnhauses eingerichtet, mit drei Kompagnons kümmert sich der ehemalige Fahrradkurier seither um die Fixies im Viertel.

Die Gentrifizierung sei wahrnehmbar, sagt Stautz, wohl wissend, selbst ein Teil davon zu sein. Immer mehr junge Menschen ziehen ins Quartier, füllen den in der Stadt seltenen billigen Wohnraum. Mit ihnen steigen die Ansprüche, verändern sich die Interessen, kommen die Investoren, die so lange „urbanes Leben“ mit Eigentumswohnungen entwickeln, bis die Mieterschaft, die gerade die alte verdrängt, selbst wieder verdrängt wird.

Verliererseite des Wandels

Bis unter die Decke stapeln sich Fahrradrahmen und Ersatzteile in der Fixiestube, bis Weihnachten noch, dann läuft der Mietvertrag aus, dann kommen entweder die Investoren oder es eröffnet mal wieder ein Pornokino. „So geht das hier andauernd“, sagt Stautz, „das Viertel wird aufgewertet, ist aber sehr unstet, denn viele Versuche scheitern auch. Wir sind im positiven Sinne Mietnomaden, wenn uns einer rausschmeißt, suchen wir uns was Neues.“ Einen Laden haben die vier in der Weißfrauenstraße aufgemacht, für die Werkstatt suchen sie noch eine Bleibe. „Vielleicht klappt es in der Kaiserpassage, vielleicht ziehen wir auch ins Gallus“, sagt Stautz.

Es gibt Geschäftsleute, die das weniger entspannt sehen, vielleicht, weil sie sich nicht auf der Siegerseite des Wandels wähnen. Schon im Morgengrauen erwacht das Leben auf der Münchener Straße, die Linie 11 rollt dann aus dem Osten der Stadt heran und bringt Junkies aus den Unterkünften an der Hanauer Landstraße ins Viertel, daneben hasten Angestellte in die Stadt, parken Lastwagen, die Schweinehälften liefern und Tomaten, Hülsenfrüchte, Mangos. Um die Ecke in der Weserstraße richtet Manor Kapoor seine Samosas auf der Theke.

Kapoor, 47, hat es eigentlich geschafft, er ist 1983 aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, hat den Punjabi Shop übernommen und versorgt seither auf 40 Quadratmetern die in Indien geborenen Frankfurter mit einer eigentümlichen Mischung aus Ingwerwurzeln, Bittermelonen und Bollywoodfilmen. Aber er hat Sorgen, seit die Mieten steigen. „Es wird bald nicht mehr viele Läden wie diesen hier geben im Viertel“, sagt Kapoor. „Vieles verändert sich, für die kleinen Händler ist dann irgendwann kein Platz mehr.“

Manches verändert sich dagegen nie. Hannelore Kraus ist in Amerika gewesen und hat in Afrika gelebt, als sie wieder zurückkam in das Viertel, in dem sie geboren wurde, hat sie es verteidigt, für sich und für Menschen, die auch mal in Afrika gelebt haben. Ein paar Schritte entfernt vom Zentrum der Welt gibt es in ihrem Hinterhof heute, dort, wo ihr Vater früher an Pelznäher vermietete, einen taoistischen Tempel.

Nur ein Hochhaus gibt es da noch immer nicht. Die Deutsche Bahn zieht nächstes Jahr in die Weserstraße. Die Pläne für den Campanile wurden begraben, erst mal.

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