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Stadtteil-Porträts
In welchem der 43 Frankfurter Stadtteil lebt es sich am besten? Wir stellen sie vor - vom hippen Nordend zum beschaulichen Nieder-Erlenbach.

29. September 2014

Oberrad: Mitte ohne Charakter

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Das Eiscafé von Mario Russo ist ein Treffpunkt für die Anwohner  Foto: Andreas Arnold

Leblos, betonlastig, ohne Grün und Toiletten - auch ein Jahr nach seiner Fertigstellung ist der Buchrainplatz bei den Oberrädern unbeliebt. Das Planungsdezernat will noch nachbessern, versteht die Kritik der Bürger aber nicht ganz.

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Grauer Asphalt dominiert die Oberräder Ortsmitte. Die Schienen der Straßenbahn durchschneiden den Buchrainplatz. Eine kleine Rasenfläche folgt, bevor sich die Offenbacher Landstraße vorbeiwindet. Mehr als ein Dutzend Menschen stehen beisammen – doch sie warten lediglich auf die Tram. „Hier hält sich niemand lange freiwillig auf“, sagt Anwohnerin Elke Stehr, an der Haltestelle. „Der Platz ist steril und verlassen.“ Ganz früher habe sich hier am Dalles das halbe Viertel getroffen. Es wäre schön, wenn sich die Bezeichnung Gärtnerdorf in seiner Gestaltung widerspiegeln würde.

Lange mussten die Oberräder auf ihre neue Ortsmitte warten. Vergangenes Jahr war sie nach dreijähriger Bauzeit fertig geworden. Rund vier Millionen Euro hat die Stadt investiert. Die Kritik, dass der Platz zu kahl und betonlastig sei, ist noch nicht verstummt. Anwohner Heinz Wingerter sitzt auf einer der Bänke und ruht sich auf seinem Einkaufsspaziergang aus. Schön findet er den Platz trotzdem nicht. „Der hat keinen Charakter.“ Er verstehe nicht, warum die Stadt nicht besser geplant habe. Auch von Nachbesserungen keine Spur. „Das sieht doch furchtbar aus“, sagt er und zeigt auf die kahle Pergola am nördlichen Rand.

Rosita Jany (SPD) wünscht sich, dass der Platz mehr angenommen wird  Foto: Andreas Arnold

Zumindest die soll noch dieses Jahr begrünt werden, verspricht Mark Gellert vom Planungsdezernat. Mehr Zusagen macht er nicht. Er kann die Kritik der Anwohner nicht ganz teilen. Die Umgestaltung habe den Platz überhaupt erst erlebbar und attraktiver gemacht. Schließlich muss er funktional sein. Der Kritik am mangelnden Grün, gehe man nach.

Der zuständige Ortsbeirat 5 hatte das gefordert, was den Bürgern noch fehlte. Neben dem Bepflanzen der Palisaden, wünschen sich die Oberräder öffentliche Toiletten, mehr Beleuchtung und Bänke. „Die Toiletten sind ausgeschrieben und es werden zusätzliche Bänke aufgestellt“, sagt Ortsvorsteher Christian Becker (CDU). Der Bürgerverein will Skulpturen stiften.

Bis auf ein paar Blumen an der Wasserpumpe ist der Platz recht kahl  Foto: Andreas Arnold

Der Ortsbeirat setzt sich darüber hinaus dafür ein, dass im Depot Oberrad wieder ein Restaurant einzieht – mitsamt Außengastronomie; um den Platz zu beleben. Schon lange sind die Rollläden heruntergelassen. „Das Problem sind die hohen Renovierungskosten“, sagt Rosita Jany, Ortsbeiratsmitglied und Vorsitzende der SPD Oberrad. Früher, zu Jusozeiten, sei dort ihre Stammkneipe gewesen. Wer gehe schon in Räumlichkeiten, wo er erstmal 200000 Euro investieren muss. Zur Zeit laufen Gespräche mit Interessenten, auch die Wirtschaftsförderung will die Eigentümer bei der Nachfolgersuche unterstützen.

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Jany hat sich etwas an Neugestaltung gewöhnt. Gut sei, dass samstags wieder der Wochenmarkt stattfindet. Von den anfänglichen zehn Ständen seien jedoch nur noch vier oder fünf übrig geblieben. Sie hofft, dass der Platz noch mehr angenommen wird. Vielleicht durch Veranstaltungen. Der Weihnachtsmarkt etwa, sei gut besucht. Ein Vorschlag des Ortsbeirats ist, einzelne Stände wie den Fischwagen nicht nur an Markttagen kommen zu lassen, um den Platz zu beleben. Denkbar wäre auch ein Flohmarkt von Vereinen.

Ein wenig Leben soll auch der Bücherschrank bringen, der im Juli aufgestellt wurde. Den hat der Ortsbeirat aus seinem Budget gestiftet. Eine junge Frau stellt zwei Bücher hinein und sucht nach neuen. „Eine gute Idee“, findet sie. Auf den Platz setze sie sich allerdings nicht, die Bücher nehme sie mit nach Hause.

Lange Bauarbeiten

Neben dem Depot betreibt die WOFA, der Verein Wohnen ohne Fluglärm und Absturzgefahr, einen kleinen Kiosk. An der Ecke zur De-Neufville-Straße steht ein Geschäft leer. Bevor ein Setka-Laden Elektroartikel verkaufte, war ein Reformhaus drin. „Es wäre toll, wenn ein Bioladen hineinkommen würde, das haben wir in Oberrad noch nicht“, sagt Anwohnerin Susanne Buchenberger. Sie schleppt gerade ihre Einkaufstüten vom Rewe nach Hause. Jany hat andere Pläne für den leeren Laden. „Hier könnte ein Hort einziehen.“ Schließlich habe Oberrad einen Mangel an Hortplätzen. Sie wird einen Antrag auf den Weg bringen.

Wirkt der Buchrainplatz verlassen, so ist im Eissalon Dolce Vita am südlichen Rand des Platzes einiges los. Inhaber Mario Russo macht einen Cappuccino nach dem anderen. „Die langen Bauarbeiten waren eine schwierige Zeit für mein Geschäft.“ Jetzt könne er nicht klagen. Allerdings herrsche während des Berufsverkehrs Chaos auf der Offenbacher Landstraße. „Die Neugestaltung hat ein Haufen Geld gekostet. Da fragt man sich wofür das verwendet wurde.“ Der Eissalon ist Treffpunkt der Oberräder, sagt ein Gast. In großen Runde sitzt er an einem der Tische zusammen.

„Wir kommen beinah jeden Tag.“ Der Buchrainplatz sei öde, erklärt die Gruppe fast unisono. Vor allem Toiletten fehlten, die sollten doch schon längst kommen. „Die Leute gehen schon in die Ecken.“ Auch an den Bänken treffe man sich nicht. „Wir nenne die nur Hartz IV- oder Säufer-Bank.“ An der Haltestelle vermissen sie eine Uhr und eine Anzeigentafel. Etwas leiser bemerkt einer: „Optisch sieht er gar nicht so schlecht aus, aber er hat eben seine Mängel.“ Zustimmung erhält er nicht.

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