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Steuerfahnder-Affäre
Hessen entlässt seine besten Beamten. Was steckt hinter der Steuerfahnder-Affäre?

23. Januar 2011

Interview mit EU-Jurist Strack: "Wer Fehler aufdeckt wird abgestraft"

Guido Strack setzt sich im Netzwerk für den effektiven Schutz von Whistleblowern ein.  Foto: privat

Der Jurist und ehemalige EU-Beamte Guido Strack, der sich für den effektiven Schutz von Whistleblowern einsetzt, über Druck von Vorgesetzten und die Illusion, dass jeder Fall zum Skandal taugt.

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Zur Person

Guido Strack war als Jurist zunächst beim Bundeswirtschaftsministerium in Bonn tätig. Von 1995 bis 2005 war er Beamter bei der EU-Kommission in Luxemburg.

Unregelmäßigkeiten in seiner Dienststelle meldete er dem Amt für Betrugsbekämpfung (Olaf) − und erlebte vielfältige Gegenreaktionen. Schließlich stieg er aus dem aktiven Dienst aus. Seitdem setzt Strack setzt sich im Netzwerk für den effektiven Schutz von Whistleblowern ein. (thie)

Herr Strack, die Steuerfahnder kämpfen seit rund zehn Jahren um Ruf und Existenz, nachdem sie öffentlich aussprachen, dass sie an der Verfolgung von großen Steuerhinterziehern gehindert wurden. Ein furchteinflößendes Beispiel für Menschen, die Missstände publik machen wollen?

Es reicht oft schon, wenn man intern Rechtsbrüche von Führungskräften kritisiert, um auf die Abschussliste zu kommen. Die Vorgesetzten sitzen im Zweifel am längeren Hebel. Man braucht eine Menge Standfestigkeit, umso etwas über Jahre durchzustehen.

Stehen Mitarbeiter, die Rechtsbrüche anprangern, am Ende oft alleine da?

Viele geben irgendwann auf. Es ist eine enorme Drucksituation. Man findet gravierende Verstöße und weiß, dass das dem Chef nicht passen wird. Was macht man damit? Entweder man geht in die innere Kündigung, geht weg oder man gibt einen Hinweis auf die Missstände. Oft werden diese Menschen dann als zu widerspenstig angesehen und von der Organisation ausgesiebt.

Warum können Organisationen mit Kritik von innen so schlecht umgehen?

Organisationen neigen dazu, Mitarbeiter auf das für sie Wichtige zu reduzieren: das reine Funktionieren. Menschen werden dort nicht als Individuen gebraucht, die sich Gedanken machen, sondern als Maschinenteile, die im Sinne der Organisation funktionieren. Moralität hat in einem solchen System keinen Platz. Rechtswidriges oder unethisches Verhalten kann vom Einzelnen mit seinem atomisierten Aufgabenbereich oft kaum mehr beurteilt werden, weil jeder nur sein Schnipselchen sieht.

Warum sind die Sanktionen gegen Whistleblower oft so heftig?

Das Schlimmste, was einer Organisation passieren kann, ist nicht, dass jemand nicht mehr funktioniert. Dann wird er eben ausgetauscht. Das Schlimmste ist, wenn jemand die Organisation in Frage stellt, etwa die Rechtmäßigkeit ihres Handelns. Wer das wagt, muss abgestraft werden. Sichtbar muss an ihm ein Exempel statuiert werden, damit andere verstehen, dass sie dies auf keinen Fall tun dürfen.

Was lässt sich denn Positives über Geheimnisverrat sagen?

Whistleblowing ist eigentlich nichts anderes als ein Verbesserungsvorschlag. Es gibt ja in vielen Unternehmen ein betriebliches Vorschlagswesen für Verbesserungsvorschläge. Wenn man rechtswidrige Praktiken im Unternehmen entdeckt und benennt, die zu einem großen Schaden führen könnten, ist das eigentlich nichts anderes. Aber mit diesen Hinweisen wird ganz anders umgegangen. Es wird nicht gesagt: Das ist ein Innovationspotenzial, das uns hilft, besser zu werden. Wir danken Dir für den Hinweis. Sondern es wird gesagt: Das ist Kritik an uns, Du greifst unsere Machtstellung an und deshalb werden wir Dich abstrafen.

Manche Whistleblower verraten Interna aus hehren Motiven, andere aus egoistischen − sind alle gleich nützlich?

Stellen wir uns den stellvertretenden Sicherheitschef eines Kernkraftwerks vor, der weiß, dass sein Chef ihn mit seiner Frau betrügt. Der aber gleichzeitig auch weiß, dass in diesem Kernkraftwerk erhebliche Sicherheitsmängel bestehen, die für die Bevölkerung gefährlich sind und für die sein Chef verantwortlich ist. Jetzt kommt die Frage an Ihre Leser: Wollen wir, dass er auf die gefährlichen Sicherheitsmängel hinweist, oder wollen wir das nicht?

Vertrauen Whistleblower zu sehr darauf, dass die Öffentlichkeit sie rettet?

Die meisten vertrauen zu sehr darauf. Es ist ihre Hoffnung, dass, wenn „ihr Skandal“ bekannt wird, ein Aufschrei der Öffentlichkeit alles ändern wird. Das ist eine Illusion. Es gibt sehr viele Whistleblower, deren Geschichte kein Journalist nachverfolgt, weil sie etwa zu abstrakt ist, zu aufwendig zu recherchieren oder zu lokal. Es gibt viele Menschen, die ihr Leben ruiniert haben, und deren Mut zum Anprangern eines Missstands nichts verändert hat. Bei strukturellen Missständen, die vielleicht in Tausenden Dokumenten verborgen sind, oder in Prozessen über lange Zeit, versagen meistens die medialen Mittel der Darstellung. Damit spekulieren auch die Verantwortlichen. Sie wollen die Leute zermürben. Zum Glück beißen sich die hessischen Verantwortlichen aber an diesen vier Fahndern die Zähne aus.

Interview: Matthias Thieme

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