Studium

06. Juli 2012

Adama-Universität Äthiopien: Masse statt Klasse

 Von Astrid Ludwig
Die Adama-Universität in Äthiopien.  Foto: Adama-Foto

Die Adama-Universität in Äthiopien sollte eine Uni nach deutschem Vorbild werden. Doch jetzt richtet man sich lieber nach Südkorea aus.

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Eigentlich hätte Peter Langfeldt seinen Ruhestand genießen können. Doch nach Ruhe war dem Professor für Pädagogische Psychologie der Frankfurter Goethe-Universität am Ende seiner aktiven Lehrzeit so gar nicht zumute. Äthiopien faszinierte ihn schon länger. Als die Ausschreibung des Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) kam, griff er zu. Die Aussicht als Gründungsdekan am Aufbau der neuen Universität von Adama, einer nach deutschem Vorbild geplanten Modell-Universität, mitzuwirken „elektrisierte“ ihn.

Heute, rund zweieinhalb Jahre später, ist er wieder zurück aus Afrika –und reichlich ernüchtert. „Es war eine fantastische Zeit und manchmal habe ich sogar Heimweh nach Äthiopien“, sagt der 68-Jährige. Doch es war für ihn auch ein „negatives Lehrstück in Sachen Entwicklungshilfe“. Eineinhalb Jahre Arbeit hat er in den Aufbau einer Einrichtung investiert, die das Zentrum der Berufsschullehrer-Ausbildung in Äthiopien werden sollte – zumindest nach ursprünglichen Plänen der äthiopischen Regierung. Doch es kam anders.

Ein Zentrum für Berufsschullehrer an der University of Adama ist heute nicht mehr vorgesehen, es soll auch keine Modell-Uni mehr geben. Der vormals deutsche Gründungspräsident ist von einem Professor aus Südkorea abgelöst, und drei von fünf deutschen Dekane sehen sich mit der Kündigung durch die Hochschulleitung und den äthiopischen Hochschulrat der Uni konfrontiert – angeblich, weil sie die ihnen vorgegebenen Ziele nicht erreicht haben. Sie werden wohl noch im Juli das Land verlassen.

Langfeldt hat wegen der geänderten Pläne für das Berufsschullehrer-Zentrum seinen Vertrag bereits im vergangenen Jahr von sich aus nicht verlängert.

Der Hochschulrat hat entschieden

Um das Wirtschaftswachstum Äthiopiens anzukurbeln und Ausbildung und Beschäftigung der Bevölkerung zu verbessern, startete im November 2005 das deutsch-äthiopische „Engineering Capacity Building Programme“. Die Reform der äthiopischen Hochschullandschaft ist ein Teil davon. Das Programm „Kapazitätsaufbau im Bildungswesen“ wird vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit finanziert. Ein modernes Konzept der Entwicklungshilfe, das Bildung „exportieren“ will. Das Projektvolumen beträgt allein von 2012 bis 2014 rund sechs Millionen Euro – Geld, das auch in die Universität in Adama fließt.

Die Rekrutierung der Professoren und Dekane für die neue afrikanische Modell-Uni Adama übernimmt seit 2006 der Deutsche Akademische Austauschdienst. Dort ist man „etwas verwundert über die Situation“, so die Gruppenleiterin für Afrika und die Subsahara, Martina Schulze. Zumindest nach außen gibt man sich jedoch gelassen. Die Rede ist von einem „interkulturellen Konflikt“ zwischen dem südkoreanischen Präsidenten und den deutschen Dekanen, die offen Kritik am neuen Kurs der Uni geäußert haben sollen.

Schulze und ein Kollege flogen Ende Mai nach Adama. „Der Präsident darf den Dekanen nicht einfach so kündigen“, sagte Schulze vor der Reise. Sah der DAAD zuvor Hochschulpräsident Lee Choong-sin als Grund für die personellen Querelen an, so ist nach dem Besuch in Afrika klar, „dass der Hochschulrat das so entschieden hat“, so Schulze. Das Gremium, in dem auch äthiopische Minister sitzen, sei unzufrieden mit der Arbeit dreier Dekane. Ihnen wurde zu Ende Juli gekündigt. Einsicht in die Beurteilungs-Akten hat der DAAD, wie gefordert, nicht erhalten. „Wir haben den Kollegen jedoch geraten, auf die Kündigung einzugehen“, sagt Schulze. Sie geht davon aus, dass sich an der gegenwärtigen Situation nichts ändern lässt.

Unzufrieden sind die Afrikaner offenbar mit dem Tempo der Reformen. Sie wollen bis 2015 landesweit die Zahl der Studenten in allen rund 20 Universitäten von ursprünglich geplanten 150.000 auf 450.000 steigern. Eine Massifizierung, gegen die sich die Dekane gewehrt hatten.

„Da stoßen zwei Linien aufeinander“, sagt Schulze. „Klein und fein oder viele und gut“. Das Gründungs-Team sei unter der damaligen Prämisse angetreten, eine Modelluni aufbauen zu sollen. In der Zwischenzeit hätten sich aber die politischen Machtverhältnisse und Ansprechpartner in Äthiopien geändert. Vielleicht sei nicht rechtzeitig genug erkannt worden, „dass man der Regierung entgegenkommen muss, die nun schnell und viele Studenten ausbilden will“, sagt Schulze.

In kurzer Zeit erfolgreich

Herbert Eichele, vormals Rektor der Nürnberger Georg-Simon-Ohm Hochschule, war 2006 vom DAAD angefragt worden, das ehemalige College in Adama in eine Modell-Uni nach deutschem Vorbild aufzubauen. Zwei Jahre lang erstellte der Professor in Absprache mit äthiopischen Regierungsvertretern und Dozenten ein Konzept für den Aufbau einer technischen Uni nach deutschem Vorbild. „Das war die Grundlage für mein Mandat als Unipräsident dort“, sagt er. Vier Ziele wurden damals vereinbart: der Fokus sollte auf der Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes liegen, ein Pfeiler war die Exzellenz in Lehre und angewandter Forschung und die Internationale Vernetzung war ebenso Ziel wie die Schaffung eines Zentrums für die Berufsschullehrer-Ausbildung. Drei Jahre dauerte Eicheles Vertrag. Eine Verlängerung kam nicht zustande. „Wir waren in kurzer Zeit unter schwierigen Bedingungen äußerst erfolgreich“, findet er.

Als Eichele nach Adama kam, gab es für 6500 Studenten und 200 Dozenten fünf Computer. Heute hat die Uni rund 24.000 Studenten, 800 Dozenten und 2000 Computer. Moderne Gebäude, Verwaltungs- und Studienstrukturen seien geschaffen worden. Die Pläne der Regierung, die Zahl der Studenten schnell in die Höhe zu schrauben, hält Eichele für „nicht realistisch“.

Der Frankfurter Professor Peter Langfeldt wird jetzt daheim seinen Ruhestand genießen. Er spricht jedoch von „einem entwicklungspolitischen Skandal, in dem der DAAD eine äußerst fragwürdige Rolle spielt“. Er findet, dass „auch Entwicklungshilfeprojekte und deren Management evaluiert werden sollten“.

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