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Studium

06. Januar 2011

Ärzteausbildung: Was macht die Verdauung?

 Von Michael Billig
Wo könnte das Problem liegen? Studenten der Uni Münster üben an einem Krankenhaus-Dummy.  Foto: ddp

In immer mehr Studiengängen simulieren Ausbilder mit ihren Studenten den Ernstfall. Im Studienhospital sollen künftige Ärzte lernen, sich auf Patienten einzustellen – bei der klassischen Visite wie im Umgang mit Dementen.

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Es geht ihm nicht gut. Man sieht das sofort. Der Mann im Krankenbett spürt ein Stechen in der Brust. Seine Schmerzen sind ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben. Marcella Bauer, die junge Frau im weißen Kittel, nimmt sich einen Stuhl und rückt näher zu ihm heran.

Geduldig hört sie dem Mann zu, erkundigt sich nach seinen Beschwerden und Lebensumständen, stellt Fragen, wie sie Ärzte nun einmal stellen: „Was machen Sie beruflich? Wie geht es mit der Verdauung?“ Er sei Tischler, erzählt ihr der Patient noch, ehe er jäh von einem Hustenanfall unterbrochen wird. Bauer aber bleibt gelassen. Schließlich ist der Mann Schauspieler und die Szene nur inszeniert. Relevant ist sie dennoch: Schließlich soll die vermeintliche Ärztin, die eigentlich Medizinstudentin im vierten Semester ist, wissen, was im Notfall zu tun ist. Wenn eine echte Visite ansteht.

Beide Darsteller nehmen ihre Rollen entsprechend ernst. Für die 24-jährige Marcella Bauer ist die Übung fester Bestandteil ihres Studiums an der Uni Münster. Handlungsort ist das eigens für Lehrzwecke eingerichtete Studienhospital. Vier Kranken- und zwei Intensivzimmer, das grelle Licht im Gang und der beißende Geruch von Desinfektionsmitteln – all das sorgt für eine täuschend echte Kulisse und eine realitätsnahe Lernumgebung.

Insgesamt rund 50 Schauspieler und in manchen Wochen weit mehr als 100 Studierende verwandeln das Studienhospital in einen hektischen Betrieb, wie man ihn wohl auch in einem richtigen Krankenhaus erlebt. Diese Authentizität ist in gewisser Weise das, was die Approbationsordnung seit nunmehr rund acht Jahren von einem Medizinstudium in Deutschland verlangt. So lange schon fordert sie einen höheren praktischen Anteil und eine größere Nähe zum Berufsalltag von Ärzten.

Beziehung zum Patienten

Die bundesweit 35 medizinischen Fakultäten erfüllen diese Anforderungen bislang auf unterschiedlichem Niveau. Tatsächlich gibt es schon vielerorts Angebote, die sich mit dem in Münster vergleichen lassen. Schon am Namen lässt sich ablesen, wie groß die Einrichtungen angelegt sind. Sie heißen entweder Trainingszentrum, vielfach Skills Lab oder einfach nur Lernstudio. Kaum eines ist dabei aber so umfangreich und modern ausgestattet, wie das aus Eigenmitteln, Spenden und Studiengebühren finanzierte Studienhospital.

Die Ausbildungsziele sind überall gleich: Neben dem notwendigen handwerklichem Geschick – angefangen beim Blutabnehmen und Katheterlegen – müssen die angehenden Ärzte ganz neue Fähigkeiten erlernen. Es geht um eine gute Beziehung zum Patienten.

Dessen durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Krankenhaus sei rückläufig. Umso wichtiger sei eine gute Kommunikation mit dem behandelnden Arzt, sagt Hendrik Friederichs, der Leiter des Studienhospitals in Münster. „Wir wissen, dass Ärzte den Patienten schon nach ungefähr 20 Sekunden ins Wort fallen“, so der Allgemeinmediziner. „Ein gutes Gespräch mit Patienten aber ist die Grundlage für alle diagnostischen und therapeutischen Aspekte“, sagt auch die Internistin Jana Jünger. Sie leitet an der Uni Heidelberg ein Projekt, das ähnlich wie in Münster den Medizinernachwuchs in Gesprächsführung schult. Auch Jünger versucht, das Einfühlungsvermögen ihrer Studierenden zu verbessern.

Rollenspiel für die Praxis

Zurück zu Marcella Bauer. Während sie sich an die Geschichte ihres Patienten herantastet, hocken fünf andere Studierende in einem Nachbarraum. Es ist ein bisschen wie bei der Kripo. Die Kommilitonen verfolgen das Geschehen durch eine verspiegelte Glasscheibe und hören über Kopfhörer mit.

Bauer weiß, dass sie unter Beobachtung steht. Sie ist ein bisschen nervös. Nach einer Viertelstunde gehen ihr die Fragen aus und sie verabschiedet sich von dem hustenden Patienten. Damit fällt der Vorhang. Zwei Minuten Pause. Dann zeigt sie auf zwei Kommilitonen. Sie sollen sagen, was ihnen an der Anamnese gefallen hat. Auch das Empfinden des Schauspielers, der eine Lungenentzündung simulierte, ist gefragt. Für den Lerneffekt bekommt Marcella Bauer eine Videoaufzeichnung ihres Auftritts mit nach Hause. Geprüft wird die Visite – anders als an anderen medizinischen Fakultäten – nicht.

„Die meisten Studenten wünschen sich klare Anweisungen dafür, was sie den Patienten fragen und wie sie mit ihm reden sollen“, sagt Janina Sensmeier, Psychologin am Studienhospital in Münster. Nur: Den Königsweg gebe es nicht. Da muss sie die Studierenden immer wieder enttäuschen. „Sie müssen lernen, die Perspektive zu wechseln und sollen ihre Fragen aus dem ziehen, was ihnen die Patienten erzählen“, so Sensmeier. Bevor die angehenden Ärzte auf echte Patienten losgelassen werden, sollen sie bestimmte Situationen wenigstens einmal durchgespielt haben. Je höher das Semester desto komplexer sind die Szenarien gestrickt.

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