Da büffelt und schwitzt man jahrelang, um seine Hochschulreife zu schaffen. Dann aber sagt man plötzlich: Studium? Nein, danke! In Deutschland tut das jeder dritte Schulabgänger. Die Bundesrepublik zählt zu den Ländern mit der geringsten Studierneigung weltweit. Woran liegt das? Und warum zieht es in Bayern 81 Prozent an die Hochschulen, in Brandenburg aber nur 58 Prozent? Damit beschäftigt sich erstmals eine Studie.
Die Gleichaltrigen reden mit
Die Forschergruppe des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), geleitet von den Soziologen Jutta Allmendinger und Marcel Helbig, untersuchte fast 400 Kreise der Bundesrepublik, weil sie vermutete, das die Gründe vor allem regional zu finden sind. Ihr Ergebnis: In Regionen, denen es wirtschaftlich gut geht, entscheiden sich mehr junge Menschen für ein Studium.
So ist die Studierneigung in Städten und Landkreisen mit besonders geringer Arbeitslosigkeit rund 5 Prozent höher als in Gegenden mit vielen Arbeitslosen. Ebenso wirken sich hohe Wirtschaftskraft und ein gutes Ausbildungsplatzangebot positiv aus. „Möglicherweise schätzen die Studienberechtigten in wirtschaftlich starken Regionen das Risiko eines nicht erfolgreichen Studiums geringer ein, da sie gegebenenfalls ja noch einen Ausbildungsplatz bekommen“, sagt der Soziologe Marcel Helbig. Anderswo suchten Schulabgänger schneller Möglichkeiten, Geld zu verdienen.
Die Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) wurde vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert. Dieses hatte sich gefragt, warum es mit gut 52 Prozent eines Altersjahrgangs besonders viele Studienberechtigte heranbildet, von denen aber am Ende 40 Prozent nicht studieren wollen.
Negativ-Ranking: In Brandenburg verzichten 42 Prozent der Studienberechtigten auf ein Studium. Im Saarland und in Sachsen sind es 31, in Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen 30, in Schleswig-Holstein 28, in Hessen 26, in Berlin 25, in Rheinland-Pfalz 23 und in Bayern nur 19 Prozent.
Gerade in Nordrhein-Westfalen wohnten viele Schüler in Kreisen mit geringer Wirtschaftskraft, erklären die Forscher. Dagegen verfügten Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz über viele reichere Gemeinden, was sich auch in einer höheren Studierneigung zeige. Die niedrigere Studierneigung in den neuen Bundesländern sei unter anderem auf die hohen Arbeitslosenquoten zurückzuführen.
Aber Hochschulreife ist nicht gleich Hochschulreife. Äußerst wichtig war, dass sich die Forscher genauer ansahen, wie sich die Gruppe der Schulabgänger zusammensetzt. Dabei fanden sie heraus, dass die Studierneigung klar von der Art der Hochschulreife abhängt. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel gehen mit mit 83 Prozent sogar überdurchschnittlich viele Abiturienten zum Studium. Den großen Einbruch gibt es bei den Schulabgängern mit Fachhochschulreife. Von ihnen beginnen nur 29 Prozent ein Studium. So riesig ist der Unterschied in keinem anderen Land. In Berlin studieren mit gut 70 Prozent bundesweit die meisten Schüler mit Fachhochschulreife. Vielleicht, weil das Fachhochschul-Angebot in der Hauptstadt besonders gut ist – und es ansonsten keinen großen regionalen Arbeitsmarkt gibt. In den meisten Ländern allerdings ist die Diskrepanz sehr groß.
Die Fachhochschulreife wird oft von Schülern abgelegt, die nicht aus einem Akademikerhaushalt mit Studientradition kommen. Hier wirkt also offenbar die soziale Herkunft. Wie die Forscher feststellten, nehmen Studienberechtigte „aus bildungsnahen und schichthohen Familien eher ein Studium auf als Studienberechtigte aus bildungsfernen und benachteiligten sozialen Schichten“.
Noch etwas Wichtiges: Ob man studiert, hängt auch von den Gleichaltrigen – der Peer Group – ab, wie die Forscher erstmals nachweisen konnten. Dabei ist der Anteil der Akademikerkinder in einer Klasse gar nicht so entscheidend, sondern vor allem, wie viele Schüler eines Jahrgangs studieren wollen. „Je mehr Schüler ein halbes Jahr vor Erlangen der Hochschulreife ein Studium anstreben, desto häufiger entscheiden sich Mitschüler auch nach dem Schulabschluss für ein Studium, die das vorher noch nicht geplant hatten“, erklären die Forscher. Dieser Effekt lasse sich vor allem in den südlichen Bundesländern, aber auch in Schleswig-Holstein und Sachsen beobachten. So entscheidet sich bundesweit fast jeder dritte Studienberechtigte, der zuvor kein Studium beginnen wollte, noch um.
Je mehr Freunde man trifft, die studieren, desto mehr bekommt man auch selbst Lust. Andererseits wollen 18 Prozent, die eigentlich ein Studium planten, nach dem Abi plötzlich nicht mehr studieren. Solch einen negativen Effekt beobachten die Forscher in den neuen Bundesländern außer Sachsen, in den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg, in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.
Wodurch diese Einstellung zustande kommt, konnten die Forscher nicht herausfinden. Die soziale Herkunft der Mitschüler und die Art der Schule wirken offenbar nur marginal. Dagegen steigt die Studierneigung, wenn die Schüler von der Schule auf ihren späteren Werdegang vorbereitet werden. Die Forscher fordern deshalb: Schulen und Hochschulen müssten viel früher über Studienangebote und mögliche Karrierewege informieren.
Mehr Frauen schrecken zurück
Sehr früh sollte auch die Förderung von Migrantenkindern einsetzen. Diese verzichten zwar selten aufs Studium. „Wer es von ihnen bis zum Abitur geschafft hat, nimmt die Chance auf einen Hochschulabschluss eher wahr als junge Menschen ohne Migrationshintergrund“, schreiben die Forscher. Leider aber bringen es viel zu wenige bis zur Hochschulreife. In Hamburg sind 23 Prozent der Studienberechtigten Migranten, in Hessen 18, in Berlin 15, in Bayern 14, in Brandenburg nur 3 Prozent.
Die Schule sollte vor allem auch auf die Entscheidung junger Frauen einwirken. Denn diese verzichten öfter auf ein Studium als junge Männer, haben die Forscher festgestellt. Ein besonders interessanter Effekt: „Frauen wollen umso seltener studieren, je mehr weibliche als männliche Studienberechtigte es in ihrem Bundesland gibt.“ Das liege aber nicht am Unterschied der Geschlechter, sagt die Studie. Denn bei gleichen und guten Studienvoraussetzungen unterschieden sich Frauen und Männer kaum, was den Studienwunsch betrifft. Auch unterschiedliche Berufs- und Lebensziele spielten kaum eine Rolle. Die häufige Annahme, „dass sich insbesondere Frauen einen sicheren Arbeitsplatz und Familie wünschen und daher eher auf ein Studium verzichten“, könne nicht bestätigt werden. In dieser Frage hätten sich die Geschlechter längst angeglichen.
Die Unterschiede ergeben sich laut Studie durch jene Gruppe von Frauen, die aus ungünstigeren sozialen Verhältnissen kommen. Ihr Anteil ist umso größer, je mehr weibliche als männliche Studienberechtigte es gibt. Sie lassen sich öfter von den Kosten eines Studiums abschrecken. Dagegen unterschätzen sie die Vorteile und Erträge eine Studiums sowie ihre Erfolgschancen. Auch wenn dies insgesamt öfter Frauen als Männer betrifft, sehen die Forscher darin kein Geschlechterproblem, sondern „ein Übergangsproblem von Studienberechtigten mit einer schwierigen Ausgangslage.“
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