Eine neue brisante Krisenmeldung kommt über den Ozean. In den USA droht eine neue private Schuldenblase zu platzen: die der Studenten. Schon jetzt stecken amerikanische Studenten tiefer in den roten Zahlen als alle Kreditkarteninhaber ihres Landes zusammen. Noch dieses Jahr, so die New York Times, werden die Schulden aus Studienkrediten die bedrohliche Schwelle von einer Billion Dollar (1150 Milliarden Euro) erreichen. Zuletzt fragte der Chronicle: „Wann wird die Bildungsblase platzen?“
Die Studienschulden wachsen, weil der Staat selbst hoch verschuldet ist und in allen sozialen Bereichen kürzt. Die Bildungsausgaben sanken seit 2008 USA-weit um acht Prozent, im Hochschulbereich sogar um bis zu 14 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Studienkosten rasant. Allein die University of California erhöhte ihre Gebühren in den letzten zwei Jahren um 32 Prozent. Da immer mehr Absolventen keinen Job finden, kann inzwischen jeder dritte seine Kredite nicht oder nicht mehr pünktlich bedienen.
Die Analogie zur Immobilienblase liegt nahe: Private Bildungsanbieter drängen Studenten und Familien zu Ausbildungen, die sie sich nicht leisten können. Seit 2005 konnten die vier großen Bildungskonzerne in den USA ihre Gewinne verfünffachen. Diese stammen zu fast 100 Prozent aus Steuermitteln, das heißt aus Stipendien und bezuschussten Studienkrediten. Ein Viertel der nationalen Studienförderung landet bei den Konzernen, obwohl nur zehn Prozent der Studenten bei ihnen studieren. Apollo, der größte der Konzerne, konnte seinen Umsatz 2009 um 833 Millionen Dollar steigern – in die tatsächliche Ausbildungsleistungen flossen davon nur neun Prozent. Vor allem die Ärmeren werden zu teuren Studiendarlehen gedrängt, denn sie haben den höchsten Anspruch auf staatliche Hilfen.
Hoch verschuldet sind Amerikas Studenten. Die meisten Absolventen verlassen die Universität mit einem Schuldenberg von 60.000 bis 80.000 Dollar.
In Großbritannien hat erstmals ein Absolvent die Rekordsumme von 66.000 Pfund (75.500 Euro) angehäuft. Die 20 meistverschuldeten Studenten stehen zusammen mit einer Million Pfund (1,15 Millionen Euro) in der Kreide.
Von den deutschen Studenten nimmt jeder zwanzigste einen Studienkredit in Anspruch. Bei voller Ausschöpfung drohen Schulden von mehr als 50.000 Euro, warnt das Deutsche Studentenwerk.
Wie auf dem Hypothekenmarkt ist hier kein unsichtbarer Marktmechanismus im Gang, denn die Überschuldung ist handgemacht. Bevor Banker und Manager zum Zuge kommen, bereiten Lobbyisten und Wissenschaftler das Terrain. Sie sorgen dafür, dass die staatliche Aufsicht immer schwächer wird, damit soziale Bereiche Profite abwerfen. Der US-Finanzmanager Steve Eisman sagt, dass die Bildungskonzerne, „jeden Lobbyisten in Washington D.C. angeheuert haben. Ein Beispiel ist Sally Stroup. Sie war von 2001 bis 2002 die Cheflobbyistin der Apollo-Gruppe. 2002 wurde sie Staatssekretärin für Hochschulen unter Präsident Bush.“
Auch in Europa verschulden sich Studenten mehr und mehr. Beispiel Großbritannien: Hier hat erst im Juli dieses Jahres die konservativ-liberale Regierung ein Papier abgesegnet, das der Privatisierung im Hochschulbereich Tür und Tor öffnet. Unter anderem werden damit private und öffentliche Bildungsanbieter in vielerlei Hinsicht gleichgestellt. Vor allem eins erfreut die Privaten: Zum ersten Mal dürfen ihre Studenten staatlich subventionierte Kredite in Anspruch nehmen.
Genau das – öffentliche Mittel, die in private Profite fließen – hat zur Bildungsblase in den USA geführt. Malcolm McVicar, Vizekanzler der University of Central Lancashire, kommentierte in der Financial Times: „Es soll ein aufgetakelter Markt geschaffen werden, der nichts zu höherer Bildungsbeteiligung oder besseren Standards beitragen wird. Ebensowenig kann er die Mängel der Sparpolitik in der Lehre bei gleichzeitig steigenden Studiengebühren beheben.“ Ist es ein Zufall, dass die neue, frisch mit dem Universitätsstatus geadelte Privathochschule BBP University College in London der amerikanischen Apollo-Gruppe gehört?
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