Aktuell: Schicksal von Tugçe A. | Burger King | Polizeigewalt in Ferguson | Eintracht Frankfurt | Fußball-News

Studium

15. September 2011

Bundeswehr-Unis: Im Gleichschritt zum Studium

 Von Michael Billig
Bundeswehrsoldaten bei einer Parade in Munster.  Foto: DPA

Auch die Bundeswehr-Unis sind von der Abschaffung der Wehrpflicht betroffen. Eigentlich müsste auch hier abgebaut werden. Doch offenbar ist das Gegenteil der Fall.

Drucken per Mail

Die Reform der Bundeswehr (BW) geht nicht spurlos an ihren Universitäten in Hamburg und München vorüber. Werden die Streitkräfte reduziert, braucht es auch weniger Offiziere, die an den Hochschulen ausgebildet werden. Dennoch kursieren im Verteidigungsministerium Pläne, das Studium verstärkt als Lockmittel für Freiwillige einzusetzen. Dumm nur, dass gespart werden soll – und dass die Studierendenschaft mit reaktionärem Gedankengut und der rechten Szene in Verbindung gebracht wird.

Die Vorteile eines Studiums an einer Universität der Bundeswehr liegen auf der Hand. Während Offiziersanwärter in Bibliotheken stöbern, kassieren sie weiter ihren Sold. Sie logieren und speisen auf Staatskosten. Die Betreuung ist erstklassig. An der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg kommen auf 2 800 Studierende rund 900 Mitarbeiter. „Unsere Bundeswehr-Universitäten sind attraktiv. So attraktiv, dass manche hier studieren wollen, obwohl sie vorerst nicht das Ziel haben, Soldat zu werden. Das könnte auch in unserem Interesse liegen“, sagte Verteidigungsminister Thomas de Mazière Ende Juni.

Umstrittener schwarzer Rock

Hinter den Kulisssen wird derzeit ernsthaft diskutiert: Sollen sich die Hochschulen der Bundeswehr für junge Menschen öffnen, die nicht der Armee angehören? Manche Befürworter dieser Idee stellen sich vor, dass künftig Bundespolizisten und höhere Staatsdiener an einer BW-Uni studieren können. Für andere ist denkbar, dass sämtliche Staatsbedienstete und sogar Zivilisten Zugang erhalten. Das Studium sei ein Pfund, mit dem die Bundeswehr im Kampf um Freiwillige wuchern könne, argumentieren sie.

Einige Studierende in Hamburg starteten sogar eine Initiative zur Einführung einer Parade-Uniform. Repräsentativer soll sie sein und mehr Identität stiften. Die Initiatoren ließen einen Entwurf schneidern und erhitzten damit die Gemüter. Kritiker bezeichnen sie als Blendwerk, wollen in dem schwarzen Rock gar die Uniform der SS wiedererkennen. Der Uni-Senat distanzierte sich schließlich von der Initiative der Studenten.

Die behaupten, sich bei ihrem Entwurf am Lützower Freikorps zu orientieren, einem Freiwilligenverband, der gegen die Truppen Napoleons kämpfte. „Heute sind die Franzosen unsere Verbündeten“, sagt Alexander Schröder, Sprecher des studentischen Konvents in Hamburg. Er macht klar, dass auch er nicht viel von dem Vorstoß seiner Kameraden hält. Die jüngsten Vorkommnisse an der Schwester-Uni in München wollte er hingegen nicht kommentieren. Dort will die Hochschulleitung in den Reihen ihrer Studenten, allen voran dem Chefredakteur des Campus-Magazins, einen Vertreter der Neuen Rechten ausgemacht haben. Sie prangerte ihn in einem Rundschreiben und später öffentlich an. Auslöser war eine Anzeige im Studentenheft, die mit dem Institut für Staatspolitik einen Think Tank der Neuen Rechten bewarb. Die Debatten, die bis heute ohne personelle Konsequenzen blieben, bringen die BW-Hochschulen in Verruf und sind der Rekrutierung eher abträglich als dienlich.

Daher verwundert es nicht, dass Studentenvertreter Schröder lieber über andere Baustellen an der Hamburger BW-Uni spricht. Die Bibliothek etwa, die ein Personaldefizit aufweise. Oder das Sprachenzentrum, dem 80 Prozent seiner Stellen bis zum nächsten Jahr wegzufallen drohen.

„Wir rechnen mit Kürzungen im Haushalt“, sagt ein Sprecher der Hamburger Uni. Ob sich das auf Personal und Studienangebot auswirken werde, ließ er offen und verwies an das Ministerium. Wie weit dort die Gedankenspiele fortgeschritten sind, bleibt ein Geheimnis. „Das Ministerium will sich bei seinen Überlegungen nicht in die Karten gucken lassen“, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Frühestens im Oktober sei mit Entscheidungen zu rechnen.

Das studentische Konvent der Hamburger BW-Uni hatte Ende vergangenen Jahres schon einmal Protest geprobt. Damals machten Gerüchte die Runde, dass eine der beiden Hochschulen der Bundeswehrreform zum Opfer fallen könnte. Diese Lösung gilt mittlerweile als unwahrscheinlich. „Akademische Bildung stärkt den militärischen Führer. Sie bildet das Fundament für unabhängige, umfassende und konsequente Entschlussfassung in einer komplexen Welt. Ohne Bildung gibt es keine guten Offiziere“, sagte de Mazière im Juni in Hamburg und sprach den Hochschulen indirekt eine Art Bestandsgarantie aus.

Das Ministerium steht vor dem Problem, Kosten einzusparen, zugleich aber Studierende und vor allem neue Rekruten für die Freiwilligenarmee anzulocken. Man darf gespannt sein, wie es diesen Spagat meistern will.

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

comments powered by Disqus
Videonachrichten Wissen
Spezial
Blick in die Magellanwolke

Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

Schule
Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Spezial

Vor vierzig Jahren brachen mutige Männer auf, um einen Menschheitstraum zu erfüllen - die Landung auf dem Mond.