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Studium

30. November 2011

Deutsches Studentenwerk: Hilfstruppe für Forschung und Lehre

 Von Torsten Harmsen
Ein Zimmer im Studentenheim „Georgenschloss“, Hannover 1923  Foto: STUDENTENWERK HANNOVER

Am Mittwoch feiert das Deutsche Studentenwerk in Berlin Geburtstag. Seit 90 Jahren sichert es die sozialen Bedingungen an den Hochschulen - doch was wurde aus der Politik, die die DSW-Geschichte prägte?

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Berlin –  

Markige Worte verbindet man eher nicht mit dem Deutschen Studentenwerk (DSW). Niemand beschwört heute das Schicksal der Nation, wenn er über die Versorgung an der Universiät redet. Anders Paul von Hindenburg. Für den deutschen Reichspräsidenten war dies eine patriotische Aufgabe.

„Das Deutsche Studentenwerk hat durch kameradschaftlichen Gemeinschaftsdienst und tatkräftige Selbsthilfe die schwere Notlage, die auch unsere akademische Jugend hart bedrückt, gelindert und so vielen Studierenden den Weg durch das Studium erleichtert“, schrieb er 1931 nach Dresden, wo das Studentenwerk seinen Sitz hatte. Es wurde damals zehn Jahre alt.

Am Mittwoch feiert das Studentenwerk in Berlin sein 90-jähriges Bestehen und blickt dabei auch auf die Historie zurück. Es war die nackte Not, die Professoren, Studenten und Förderer einst zusammenführte, um die Bedingungen für Studium und Lehre zu sichern. Wirtschaftskörper – so hieß die Urform für das heutigen Wirtschaftsunternehmen, dessen Einrichtungen Milliarden Euro umsetzen.

Lebenswichtige Dinge

Zunächst entstanden solche Wirtschaftskörper in Dresden, Tübingen und München. Andere folgten. 1921 schlossen sie sich auf einem Studententag in Erlangen zur Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft zusammen. 1929 gab man sich den Namen Deutsches Studentenwerk.

Es ging hier um ganz einfache Dinge, die für die Studenten jedoch lebenswichtig waren. Gut die Hälfte musste sich das Geld als Werkstudent verdienen, arbeitete nebenbei in Fabriken, in Bergwerken oder auf dem Land. Damit konnte man kaum überleben. In der Inflationszeit war das Geld dann so gut wie nichts mehr wert. Damit die Studenten im Hörsaal nicht vor Hunger umfielen, kochte die Reichswehr in Gulaschkanonen Suppe für sie. Unter der Regie des Studentenwerks entstanden Schusterwerkstätten, Gärtnereien, Wäschereien, Heime.

Für heutige Maßstäbe ist es erstaunlich, wie solidarisch die Studentenschaften jener Zeit handelten. Und zwar weit über die deutschen Grenzen hinaus. Die Europäische Studentenhilfe, ein Ableger der Weltunion Christlicher Studenten, stellte ein Startkapital von zwei Millionen Goldmark bereit. Mehr als 20 Millionen Goldmark kam aus Staatsmitteln dazu.

Essen, Schlafen, Wohnen waren höchst politische Dinge. Heute sind sie es gewiss immer noch, aber in den Zeiten von Inflation, Massenarbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise erhielten sie eine ganz andere Brisanz. Auch die Studentenwerke sahen sich nie als rein wirtschaftliche Institutionen an. „An der Rettung Deutschlands“ wollten sie mitarbeiten, sahen ihre Arbeit als „Antwort der Studentenschaft jeder Hochschule auf die drohende Vernichtung und die Not der Zeit“.

Ein prominentes RAF-Opfer

1933 wurden sie gleichgeschaltet, im Reichsstudentenwerk zusammengefasst und zu Instrumenten der Nazi-Herrschaft gemacht. So erließ das Reichsstudentenwerk 1936 Richtlinien zur Pflichtuntersuchung, um „eine einwandfreie Auslese der Studierenden“ zu gewährleisten. Bewerber mit Erbkrankheiten oder Behinderungen, aber auch Homosexuelle sollten vom Studium ausgeschlossen sein.

Die heutige Berliner Veranstaltung „Neunzig Jahre Deutsches Studentenwerk“ erinnert auch an die Rolle Hanns Martin Schleyers, der als Arbeitgeberpräsident eines der prominenten RAF-Opfer im Herbst 1977 wurde. Schleyer, Funktionär in der NS-Studentenschaft, hatte von 1937 bis 1943 die Studentenwerke in Heidelberg, Innsbruck und Prag geleitet. Zum Ende der Nazizeit war dann auch das Reichsstudentenwerk eine Trümmerwüste und wurde aufgelöst.

Mit den Studentenwerken, die nach 1945 in den Westzonen – zunächst in Braunschweig, Kiel, Bonn und Aachen – neu entstanden, habe man an den Geist von 1921 angeknüpft, heißt es im Jubiläumsrückblick. Im Osten Deutschlands, der späteren DDR, wurden dagegen die Hinterlassenschaften des Reichsstudentenwerks den Hochschulverwaltungen übergeben. Hier sei „ganz bewusst der Anteil der Nichtakademikerkinder unter den Studierenden mit vielen verschiedenen Fördermaßnahmen gesteigert worden“, heißt es. Fast neidisch scheint man auf billige Wohnheimplätze für 75 Prozent aller Studierenden zu blicken, auf garantierte Kita-Plätze oder Stipendien für alle. Natürlich sei die „ideologische Eignung“ immer Voraussetzung gewesen, lautet die klare Einschränkung. Und nicht nur das: Die geringe Zahl der Studenten war gar nicht zu vergleichen mit der in westlichen Massenuniversitäten, an denen bis zu 60 000 Studenten eingeschrieben waren.

Die westdeutschen Studentenwerke schlossen sich 1950 wieder zum Verband zusammen. Während seiner ersten Sozialerhebung 1952 gab ein Fünftel der Studenten an, den Vater verloren zu haben. Drei Prozent waren Doppelwaisen.

Politische Mahner

Das Deutsche Studentenwerk (DSW) ist heute das Dach von 58 autonomen Unternehmen mit riesigen Umsätzen. Fast 1,4 Milliarden Euro Einnahmen hatten sie im Jahre 2010. Davon wurden etwa zwei Drittel über Umsatzerlöse und Mieten selbst erwirtschaftet. Die Semesterbeiträge der Studierenden machen inzwischen fast 15 Prozent der Einnahmen aus, die Länderzuschüsse nur etwa zehn Prozent. 1992 waren es noch 24 Prozent.

Doch was wurde aus der Politik, die so intensiv die Geschichte des Studentenwerks mitprägte? Es war durchaus eine politische, bei manchen im Osten nicht unumstrittene Veranstaltung, als nach dem Fall der Mauer im Laufe des Jahres 1991 zehn Studentenwerke aus den neuen Bundesländern dem DSW beitraten.

Und spätestens nach dem Pisa-Schock von 2001 wurden die alle drei Jahre publizierten Sozialerhebungen des DSW zu politischen Dokumenten. Sie zeigen, wie es um die Teilhabegerechtigkeit in Deutschland bestellt ist. Den Daten des DSW zufolge schaffen es 80 von 100 Akademikerkindern an die Hochschule, aber nur 23 von 100 Kindern, deren Eltern keine Akademiker sind.

Regelmäßig tritt das DSW mahnend an die Öffentlichkeit, ob zur Bafög-Reform, zum Mangel an Wohnheimplätzen oder zu Studiengebühren. Immer geht es darum, jungen Menschen mit schlechteren Startchancen den Weg in die Hochschulen und zum Abschluss zu erleichtern.

Die Studentenwerke spielen dabei eine wichtige Rolle. So gaben bei einer Befragung im Jahre 2004 etwa 40 Prozent der Studierenden aus den unteren Herkunftsgruppen an, dass ihnen eine Studienfinanzierungsberatung den Zugang zur Hochschule erleichtert habe. Aus besser gestellten Herkunftsgruppen waren es nur 13 Prozent. Und 60 Prozent aller Studierenden teilten mit, dass Angebote wie kostengünstiges Wohnen oder die Versorgung in der Mensa für ihren Studienerfolg wichtig seien.

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