Herr Meyer auf der Heyde, was bedeutet das Studentenwerk für die Gesellschaft?
Wir sorgen dafür, dass Studierende aller Schichten den Zugang zur Hochschule finden und erfolgreich studieren können.
Das klingt sehr anspruchsvoll. Ob jemand studieren kann, hängt ja von vielem ab, unter anderem von der Herkunft und der Auswahl der Studenten.
Das ist völlig richtig. Aber wir garantieren die sozialen Rahmenbedingungen des Studiums. Während die Hochschulen für Forschung und Lehre zuständig sind, bespielen wir die Bühne des studentischen Lebens. Wir halten den Studierenden und Hochschulen den Rücken frei, damit sie sich möglichst sorgenfrei auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren können. Wir bieten Studienfinanzierung, Beratung, günstige Wohnheimplätze, preiswerte Versorgung, Kinderbetreuung, auch Hilfe in Krisen. Und wir unterstützen die Hochschulen bei ihrer Profilierung. Je besser die Service und Beratungsangebote sind, desto attraktiver die Hochschule.
Kann man den sozialen Effekt messen?
Wir haben vor ein paar Jahren in einer Hisbus-Befragung festgestellt, dass die Service- und Beratungsangebote den erfolgreichen Hochschulzugang und den erfolgreichen Studienverlauf sicherstellen. Vor allem Studenten mit schlechteren sozialen Startbedingungen profitieren davon.
Zurzeit ist allerdings der Wohnraum knapp. Durch die doppelten Abiturjahrgänge gibt es in diesem Jahr fast 516 000 Studienanfänger – 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Studenten leben sogar in Notunterkünften.
Hier bestätigen sich unsere Befürchtungen. Schon seit langem weisen wir die zuständigen Länderminister immer wieder darauf hin, dass man die sozialen Rahmenbedingungen nicht vernachlässigen darf, wenn man die Studienplatzzahlen erhöht. Der Ausbau der Wohnheimplätze erfolgte aber nur sehr schleppend. In den Hochschulpakten zwischen Bund und Ländern war er überhaupt nicht verankert. Und die Folgen sieht man jetzt.
Wie groß ist der Mangel?
Wir haben berechnet, dass man zusätzlich etwa 25 000 Wohnheimplätze bräuchte, um auf die Ausweitung der Studierendenzahlen zu reagieren. 10 000 sind jetzt im Bau. Die fehlenden 15 000 müssten dringend hinzukommen.
Inwieweit sind Sie als Studentenwerke an den Notmaßnahmen beteiligt?
Wir haben zum Teil Container aufgestellt, um zumindest in der Suchphase den Studienanfängern ein Dach über dem Kopf zu bieten, damit sie nicht völlig ohne Unterkunft dastehen.
Wie finanzieren sich die Studentenwerke?
Fast 15 Prozent der Gesamteinnahmen kommen aus dem Solidarbeitrag, den die Studierenden zahlen. Die Studentenwerke sind ja als Selbsthilfeorganisation von Hochschullehrern und Studierenden gegründet worden. Mehr als zwei Drittel stammen aus den Umsätzen, der Vermietung der Wohnheime, aus Cafeterien und Mensen. Lediglich zehn Prozent kommen aus den Haushalten der Bundesländer. 1992 waren es noch 24 Prozent. Der Bund zahlt gar nichts.
Warum reagiert die Politik so kurzsichtig? Immerhin fordert sie doch , dass immer mehr junge Menschen studieren sollen.
Manche Politiker spekulieren darauf, dass irgendwann die Studentenzahlen zurückgehen und man dann eine Überversorgung hätte. Das ist irreal. Selbst, wenn wir auf das Niveau von 2005 zurückgingen, hätten wir vielleicht eine Versorgungsquote von 14 Prozent der Studierenden, die die Chance auf einen Wohnheimplatz haben. Jetzt sind es neun Prozent.
Gibt es die Aussicht, dass sich die Situation verbessert?
Wir werden zum Jubiläum die Länder noch einmal daran erinnern, dass sie sich aus der öffentlichen Verantwortung nicht zurückziehen können. Hamburg zum Beispiel hatte geplant, die Zuschüsse auf Null zu reduzieren. Das wurde mittlerweile abgewendet. Inzwischen sehen auch manche Landesregierungen, etwa in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, dass die Studentenwerke besser ausgestattet werden müssen. Sie haben die Zuschüsse leicht erhöht. Man kann aber leider nicht von einer Trendumkehr sprechen. Unsere zentrale Forderung ist, dass die soziale Infrastruktur mit der Zahl der Studenten mitwachsen muss.
Das Gespräch führte Torsten Harmsen.
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