Studium

25. Januar 2012

Deutschlandstipendium: Stipendien mit Stolpersteinen

 Von Katja Irle

Förderung der Besten auf Niedrig-Niveau: Viel Schatten auf das schwarz-gelbe Lieblingskind Deutschlandstipendium gefallen.

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GELD FÜR DIE SPITZE

300 Euro monatlich erhalten die Stipendiaten (150 Euro von privaten Förderern, 150 Euro vom Bund). Mittelfristig sollen 160 000 Spitzenstudenten vom Deutschlandstipendium profitieren (rund acht Prozent aller Studierenden). 2011 konnte laut Aussagen der SPD jedoch nur die Hälfte der vorgesehenen Fördermittel ausgegeben werden, nämlich sieben statt 14 Millionen Euro.
Etwa drei Viertel der Hochschulen beteiligen sich laut dem Bundesforschungsministerium am Deutschlandstipendium. Der Rest macht nicht mit oder zögert noch.
Informationen über die Förderung
finden sich unter:
www.deutschlandstipendium.de

Gegenüber dem eigenen Nachwuchs sind Eltern meistens sehr nachsichtig. Man lobt das Kind über den grünen Klee, damit der Glanz auch auf die Erzeuger selbst falle. Beim Deutschlandstipendium verhält es sich ähnlich.

„Einfach sächsy“ findet Andreas Pinkwart (FDP) sein Baby. Der Rektor der Handelshochschule Leipzig in Sachsen hatte 2009 als Wissenschaftsminister in Nordrhein-Westfalen den kleinen Bruder der nationalen Spitzenförderung aus der Taufe gehoben. Deshalb fühlt Pinkwart sich auch als Vater des Deutschlandsstipendiums, das die Bundesregierung 2011 auf die Welt brachte.

Die FDP-Bundestagsfraktion gibt dem Initiator der Eliteförderung heute noch einmal ausreichend Gelegenheit, bei einer Veranstaltung in der Hauptstadt eine Erfolgsgeschichte zu verfassen. Fast zeitgleich bemüht sich Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) bei einer Stipendiatenfeier an der Universität Ulm, das Prestigeprojekt ins rechte Licht zu rücken.

Das scheint nötig, denn mit der ersten Bilanz zum Jahresanfang ist viel Schatten auf das schwarz-gelbe Lieblingskind gefallen: Gefördert werden bundesweit nur 5300 statt wie geplant 9000 Studierende. Das liegt vor allem daran, dass viele Hochschulen Probleme beim Anzapfen neuer Geldgeber haben. „Die vielbeschworene Stipendienkultur bleibt vielerorts reine Fata Morgana“, kritisiert der hochschulpolitische Sprecher der Grünen, Kai Gehring. Das Stipendium gehe an den Interessen der meisten Studierenden und Hochschulen vorbei.

Für Andreas Pinkwart ist die Kritik von Opposition und Studentenvertretern lediglich ein Zeichen dafür, dass „eine gute Sache“ kaputtgeredet werde. „Wir führen mal wieder eine typisch deutsche Debatte“, regt sich der ehemalige FDP-Vize auf: „Anstatt sich über die neue Säule der Studienfinanzierung zu freuen, wird nur wieder gemäkelt.“

Von der „neuen Säule“ sollen laut Planung einmal rund acht Prozent aller Studierenden profitieren – bislang sind es gerade mal 0,2 Prozent. Während Universitäten in strukturstarken Regionen mit Fundraising-Erfahrung wie Frankfurt am Main, Darmstadt, Mannheim, Duisburg-Essen oder München erfolgreich um Geldgeber werben, zum Teil sogar mehr Sponsoren finden, als Stipendien vorgesehen sind, putzen andere vergeblich Klinken.

„Die Idee ist richtig, eine neue Stifterkultur zu entwickeln. Aber wir tun uns dennoch sehr schwer, genügend Sponsoren zu finden“, sagt Ulrich Stadtmüller, Vizepräsident der Universität Ulm. Das will er auch der Forschungsministerin sagen, wenn sie heute die neuen Stipendiaten begrüßt.

Hilfe für Kröten

Obwohl Schavan im Herbst persönlich bei einer Veranstaltung für das Deutschlandstipendium in Stuttgart geworben habe, sei der Erfolg spärlich gewesen. „Da kam nix raus“, sagt Stadtmüller. Um alle 34 Stipendien vergeben zu können, haben schließlich universitätsnahe Gesellschaften mitgeholfen – sie übernahmen rund 50 Prozent der benötigten Mittel.

Solche „Lösungen“ gibt es auch an anderen Hochschulen. Zwar ist das kein Nullsummenspiel, weil ja der Bund die Hälfte der Kosten übernimmt. Dennoch trägt das Prinzip „rechte Tasche raus, linke Tasche rein“ auf Dauer nicht, denn das Budget der Hochschul-Töchter ist meistens begrenzt: Was sie für das Deutschlandstipendium neu ausgeben, sparen sie an anderer Stelle wieder ein.

Nach diesem Prinzip verfährt auch so manches kleine oder mittelständische Unternehmen, hört man aus den Hochschulen: Sie unterstützen zwar die Hochschulen gern bei dem neuen Projekt, reduzieren aber dann ihre Förderung an anderer Stelle.

„Der Verwaltungsaufwand ist für manche Hochschulen enorm“, sagt der Rektor der Hochschule Neubrandenburg, Michael Teuscher, Sprecher der deutschen Fachhochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Seine Hochschule hat mit Mühe neun Stipendien an Land gezogen – allerdings nur mit Hilfe der Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern, die 22 Stipendien einwarb und an die Hochschulen im Land verteilte. Dennoch hält der Ökonom das Stipendium prinzipiell für eine gute Sache.

Davon ist auch der Ulmer Student Jan Bechler, 23, überzeugt, einer von 34 Stipendiaten, denen Schavan heute die Hand schütteln wird: „Das ist ein richtiger Schritt – sofern nicht nur einseitig Fächer wie BWL oder die Ingenieurswissenschaften gesponsort werden“, sagt er. Bei ihm trifft dieses Förder-Muster jedenfalls nicht zu: Bechler ist Jahrgangsbester in Biologie mit dem Schwerpunkt Ökologie. Die Bildungsministerin dürfte sich auch über sein soziales Engagement freuen: Bechler hilft in seiner Freizeit bedrohten Krötenarten am Bodensee über die Straße. Vielleicht ein gutes Omen dafür, dass auch das Deutschlandstipendium nicht ganz unter die Räder gerät.

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