Studium

14. Juni 2012

Eliteforscher Michael Hartmann: "Der Wettbewerb spaltet die Hochschulen"

Die Humboldt-Universität Berlin gehört ebenfalls zu den nun elf deutschen Elite-Hochschulen. Foto: dpa

Der Eliteforscher Michael Hartmann kritisiert im Interview die spaltende Wirkung der Exzellenzinitiative in der deutschen Hochschullandschaft und weist auf verheerende Folgen für Verlierer hin.

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Herr Hartmann, wie sehr hat die Exzellenzinitiative die Hochschulen in der Bundesrepublik verändert?

Für die meisten wäre es besser gewesen, es hätte die Exzellenzinitiative nicht gegeben. Dieser Wettbewerb führt zu einer Spaltung innerhalb der Hochschullandschaft. Wir erleben eine massive Hierarchisierung der Universitäten – mit einer relativ kleinen Gruppe an der Spitze und einer großen Gruppe von Universitäten, die immer mehr mit den Fachhochschulen konkurriert.

        

Michael Hartmann, 59, ist Eliteforscher und Soziologe an der TU Darmstadt.
Michael Hartmann, 59, ist Eliteforscher und Soziologe an der TU Darmstadt.
Foto: Privat

Heißt das, die chronisch unterfinanzierten Universitäten hätten auf knapp fünf Milliarden Euro vom Bund und von den Ländern lieber verzichten sollen zugunsten einer Gleichbehandlung?

Natürlich können die Hochschulen das Geld gut gebrauchen. Aber bei dem Wettbewerb waren die Chancen nicht fair verteilt. Es ist kein Zufall, dass der Osten mit Ausnahme der TU Dresden so gut wie leer ausging. Zwar hat es bei der jetzigen Entscheidung Veränderungen gegeben. Sie spielen sich aber innerhalb der bisherigen Spitzengruppe ab. Bei den Clustern haben die Medizin und die Naturwissenschaften sich unter anderem zu Lasten der Geisteswissenschaften weiter etabliert.

Darf Leistung nicht belohnt werden? Viele Unis können dank der Exzellenzinitiative den Nachwuchs fördern.

Dem Durchschnittsstudenten ist damit nicht geholfen. Im Gegenteil: Dadurch, dass viele Professoren in neu geförderte Projekte eingebunden sind, können sie sich noch stärker als zuvor auf die Forschung konzentrieren und aus der Lehre zurückziehen.

Die Spitzenforschung soll international wettbewerbsfähiger werden. Was spricht dagegen, dass Hochschulen sich diesem Wettbewerb stellen?

Ich befürchte, dass wir künftig zwar vielleicht mehr Spitzenforschung haben werden, aber spürbar Qualität in der Breite verlieren. Das wird sich auf Dauer auch in der Spitzenforschung negativ bemerkbar machen. Der Wettbewerb hat zudem dazu geführt, dass sehr spezialisierte Projekte gefördert werden. Oft geht es um Trends: Wenn irgendwo „Nanotechnologie“ draufsteht, erhöht das die Chancen deutlich. Wer nicht bei den Gewinnern ist, muss mit negativen Folgen rechnen.

Was heißt das?

In Hessen weiß man jetzt, dass die Unis in Frankfurt, Gießen und Darmstadt von der Exzellenzinitiative profitieren, während Marburg und Kassel leer ausgingen. Für das Image dieser Hochschulen ist das verheerend. Untersuchungen zeigen, dass Studierende aus akademischen Familien mit sehr guten Noten zu 50 Prozent die neuen Elite-Universitäten ansteuern.

Manche Hochschulen stellten ungewöhnliche Anträge. Freiburg etwa will die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Gleichstellung fördern.

Richtig ist, dass die überwiegend angelsächsischen Gutachter der Exzellenzinitiative den geringen Frauenanteil vor allem an den Technischen Universitäten kritisiert haben. Doch das hat nicht dazu geführt, dass dies bei der Beurteilung der Anträge eine entscheidende Rolle gespielt hätte.

Sind die Professoren zufrieden?

Das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung hat 2010 mehrere tausend Professoren gefragt. Nicht einmal ein Viertel von ihnen sagte, der Wettbewerb sei geeignet, den Wissenschaftsstandort Deutschland zu stärken. Über die Hälfte war gegenteiliger Meinung. Selbst jene Professoren, die bei der Exzellenzinitiative erfolgreich waren, haben mehrheitlich eine negative Haltung eingenommen. Die einzige Gruppe mit einer positiven Mehrheit waren jene Professoren, die ihre Stelle der Exzellenzinitiative zu verdanken haben.

Das Gespräch führte Katja Irle.

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