Zum ersten Mal können jetzt bundesweit Hochschullehrer aller Fächer sagen, was sie von der Umstellung des Studiensystems auf Bachelor und Master, dem sogenannten Bologna-Prozess, halten. Die von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) initiierte Online-Studie ist groß angelegt und wird vom Bundesbildungsministerium gefördert. Doch obwohl bereits etwa 10.000 Teilnehmer mitmachten, gibt es auch Kritik. So lehnen die Hochschulrektoren aus Mecklenburg-Vorpommern eine Teilnahme geschlossen ab. Sie hegen „sehr starke Bedenken“ gegen die Studie. Auch Sachsen-Anhalt beteiligt sich nicht.
Was ist dran an der viel geäußerten Kritik, die Reform bringe einen hohen bürokratischen Aufwand zulasten von Forschung und Lehre mit sich? Welche Ziele wurden erreicht? Welche nicht? Diese und Dutzende weitere Fragen wollen Wissenschaftler des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung der Universität Kassel (Incher-Kassel) klären. Die Studie „Wandel von Lehre und Studium an deutschen Hochschulen“ zielt nicht allein auf Bologna, sondern auf sämtliche Veränderungen im Hochschulwesen der vergangenen Jahre. Sie interessiert sich für die „Erfahrungen und Sichtweisen der Lehrenden“ – wohlgemerkt aller Lehrenden, von der wissenschaftlichen Hilfskraft und der Lehrbeauftragen bis hin zur Professorenschaft.
„Wir wollen erstmals überhaupt ein differenziertes Meinungsbild erfragen“, sagt Studienleiter Harald Schomburg. Etwa 40.000 Hochschullehrer und 120.000 wissenschaftliche Mitarbeiter, sogenannte Mittelbauer, gibt es deutschlandweit. Schomburg will möglichst viele davon erfassen. Er ist froh, dass inzwischen mehr als 80 Hochschulen unter ihren Mitarbeitern für die Studie trommeln.
Eine Studie dieser Größenordnung hat es bislang nicht gegeben. 2008 befragte das Hochschul-Informations-System (HIS) 850 Professoren aus den Bereichen Maschinenbau und Elektrotechnik nach ihrer Einstellung zum Bologna-Prozess. Die Ingenieurwissenschaftler bemängelten fehlende personelle und materielle Ressourcen, um eine Verbesserung der Lehre umsetzen zu können. Außerdem sollten sich Unternehmen stärker einbringen dürfen, auch, um Bachelor-Absolventen eine berufliche Perspektive zu bieten. Eine zweite HIS-Studie untersuchte 2009, wie Doktoranden und Habilitanden zur Studienreform stehen. Der wissenschaftliche Nachwuchs sah Reformbedarf, war jedoch skeptisch gegenüber Bologna. Vor allem die Prüfungslast habe zugenommen, so das Studienergebnis. Mehr als zehn Jahre nach dem Beginn der Bologna-Reform haben nun erstmals alle Lehrenden die Chance, angestautem Ärger Luft zu machen – wenn auch nur in Form von Klicks und Kreuzchen.
Doch nicht alle sind davon begeistert. „Gerade bei Fragen zur Verbesserung der Lehre geht der Fragebogen nicht in die Tiefe“, bedauert ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Münster, der an der Studie teilgenommen hat.
Die Landesrektorenkonferenz Mecklenburg-Vorpommerns verweigert die Teilnahme grundsätzlich. Die Gründe, die Rainer Westermann, Rektor der Universität Greifswald, für die Entscheidung anführt, werfen ein schlechtes Licht auf die Studie und die HRK als Auftraggeber. In einem Schreiben an die FR heißt es, der Fragebogen sei zu lang, thematisch überfrachtet und die Größe der Stichprobe nicht festgelegt. Rektor Westermann bezweifelt daher, dass sich überhaupt genügend Teilnehmer finden ließen.
Außerdem würden so detaillierte Auskünfte zu Person und Arbeitsverhältnis abgefragt, dass ihre Anonymität nicht gewährleistet sei – ein Kritikpunkt, der besonders schwer ins Gewicht fällt und manchen tatsächlich davon abhalten könnte, mitzumachen. Studienleiter Schomburg beteuert aber: „Wir achten darauf, dass die Individuen nicht identifiziert werden können.“
Westermann ist aber noch nicht fertig. Er behauptet, dass mit validen Ergebnissen nicht zu rechnen sei, diese „wahrscheinlich dennoch in der Öffentlichkeit präsentiert und im Sinne der eigenen Erwartungen fehlinterpretiert werden“. Letztlich spricht er der Untersuchung ihre Aussagekraft ab. Auch schwingt der Vorwurf mit, die Studie diene vorrangig der Profilierung von HRK und Wissenschaftlern.
Kritik dieser Schärfe an einer Studie, die noch nicht einmal abgeschlossen ist, ist ungewöhnlich. Warum sich Westermann so ablehnend positioniert, ob Mecklenburg-Vorpommern etwa genug von Studien hat, insbesondere von solchen, die den Nordosten als abgehängtes Schlusslicht in einem Bildungsranking präsentieren, wollte er nicht sagen. Auch Wolfgang Schareck, Rektor der Uni Rostock und Westermanns Nachfolger als Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz, wollte den Worten seines Amtskollegen nichts hinzufügen. Sein Sprecher übermittelte nur: „Der Wandel von Lehre und Studium vollzieht sich über Taten. Studien können dabei bestenfalls behilflich sein.“ Das soll wohl heißen: Sie können auch hinderlich sein.
Der HRK sollten die Worte aus Mecklenburg-Vorpommern zu denken geben. Immerhin ist die Studie Teil ihres Vorzeige-Projektes nexus, in dem es um „Konzepte und gute Praxis für Studium und Lehre“ geht. Studienleiter Schomburg wirbt trotz oder gerade wegen der Kritik für die Befragung. „Jeder, der Kenntnis davon hat, kann sich unabhängig von der Meinung seiner Hochschule beteiligen.“ Bis zum 31. März bestehe noch die Möglichkeit dazu, dann sei die Datenerhebung abgeschlossen. Mit Ergebnissen ist Schomburg zufolge frühestens im Mai zu rechnen.
Die Studie findet sich im Internet unter:www.lessi-2011.de
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