Josephine galt mir als das Inbild einer hoffnungsvollen Karriere. Ihre Studie über die napoleonische Verwaltungsreform war bereits in vier Sprachen übersetzt worden, nun aber guckte sie deprimiert. „Was kann ich für dich tun?“, erkundigte ich mich fürsorglich. „Nichts! Aus und vorbei! Diese Gremienqualle am Institut hat zugeschlagen.“ Sie meinte eine Frau Professor Bürzel-Odiosa. Sie habe Beziehungen ohne Ende; ihre Mitarbeiter, darunter ihr Ehemann, seien ihr sklavisch ergeben. „Worum geht es?“, fragte ich ungeduldig und erhielt die Auskunft: „Die Bürzel-Odiosa hat meine Habilitationsschrift mit einem vernichtenden Gutachten auf den Müllhaufen der Wissenschaft befördert.“
Sie bemängelte vor allem, die Arbeit sei zu schnell, zu flüssig, also unwissenschaftlich geschrieben und überhaupt zu eigenwillig. Damit entspreche sie nicht den Regeln „differenzierter penibler Forschung, die nur in der offenen wissenschaftlichen Kommunikation zu leisten“ sei, „nicht jedoch im monologischen Durchmarsch“. Diese Bürzel-Odiosa, die noch nie einen eigenen Gedanken zu Papier gebracht hatte, warf Josephine vor, sie habe ihre in mühevollster Kleinarbeit erstellten, von zahlreichen Stiftungen geförderten Sammelbände und den dahinterstehenden „forschenden Verbund“ einfach übergangen, sich nicht in den „wissenschaftlichen Disput der Netzwerke“ eingereiht.
„Reg dich nicht auf“, empfahl ich, „bitte doch den Universitätspräsidenten um eine Überprüfung.“ Das habe sie schon versucht. Zwar schreibe der Präsident, wie Josephine wusste, Zeitungsartikel darüber, wie die akademische Welt in Deutschland verbessert werden könne, kusche aber vor der Bürzel-Odiosa wie ein alter rheumatischer Dackel und habe ihr, Josephine, schmallippig bedeutet: „Die fachlichen Gründe für die Ablehnung seitens der Kollegin Bürzel-Odiosa vermag ich als Germanist nicht zu bewerten.“ – „Hör endlich auf“, unterbrach ich, „du Jammerlappen! Diese üblichen Langweiler und Postenschleicher halten dich von der Arbeit ab. Du brauchst sie nicht!“
Damit sie sich beruhige, verordnete ich ihr die Lektüre der Kurzgeschichte „Eine Teufeliade“. Darin erzählt Michail Bulgakow von einem sowjetischen Funktionär aus den 1920er-Jahren namens Unterhoser. Dessen eiförmiger Kopf saß auf einem gedrungenen Hals, „genauso unbehaart wie ein Ei und glänzt dermaßen, dass auf dem Schädel beständig Lichter spielten“. Unterhoser genoss die Macht. Er sprach „rasch, abgehackt und gewichtig“, diente allen, die mächtiger waren als er und entfernte all jene, die es besser machten als er, zuallererst Genossen Korotkow, den angesehenen und allseits geachteten Leiter eines wichtigen Betriebes: „‚Genosse!‘, heulte der nichts hörende Unterhoser wie eine Sirene, wandte sich im Laufen um und schrie: ‚Ergreifen Sie Maßnahmen, damit ich nicht aufgehalten werde!‘“
Die Leute stöhnten über diesen ewig glatt rasierten, grünlichen Kerl. Doch irgendwann stürzte Unterhoser die Treppe hinunter, brüllte mit „dünner Stimme“ „Hilfe!“ und Genosse Korotkow, schaute ungläubig hinterher: „Er lachte lauter und immer lauter, bis seine anhaltenden Gelächtersalven das ganze Treppenhaus erfüllten.“ Nun endlich lachte auch Josephine und beschloss, das zu machen, was sie für richtig hielt.
Götz Aly ist Historiker.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

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