Jana Richter weiß sich keinen Rat mehr. Die 22-Jährige (Name geändert) hat in Leipzig Deutsch und Geschichte auf Lehramt studiert. Nun will sie in Berlin, wo sie aufgewachsen ist, ein Masterstudium absolvieren. Leider hat sie keine Chance. Die Freie Universität (FU) lehnte ihre Bewerbung kommentarlos ab. Von der Humboldt-Universität (HU) erhielt sie ein Schreiben: „Die Vorprüfung Ihrer Unterlagen hat ergeben, dass die Leipziger Struktur nicht kompatibel ist mit dem Berliner Modell der Lehrerbildung“. Man erklärte, dass sie laut der erweiterten Zugangsvoraussetzung der HU in den Fächern Deutsch und Geschichte je 60 Leistungspunkte nachweisen müsse. Sie habe aber nur je 50 Fach-Punkte. Der Rest seien fachdidaktische Inhalte, die leider in Berlin nicht mitbewertet würden. Es sei auch nicht möglich, in Berlin das Fehlende nachzuholen
Dies ist leider kein Einzelfall. „Es ist geradezu absurd“, empört sich der Münsteraner Rechtsanwalt Wilhelm Achelpöhler. „Man sagt: Wir schaffen einen europäischen Hochschulraum mit vergleichbaren Abschlüssen. Und dann kann man vom Lehramtsstudium Leipzig nicht zum Master nach Berlin wechseln oder von Bielefeld nicht nach Münster.“
Nach mehr als zehn Jahren Bachelor und Master sind die Hürden größer als zuvor. Während nach außen Mobilität und Flexibilität gepredigt wird, herrscht im Innern großenteils Kleinstaaterei.
Als 1999 in Bologna die Europäisierung der Hochschulen beschlossen wurde, führte auch Deutschland einen ersten und zweiten akademischen Abschluss ein. Der erste – der Bachelor – sollte als berufsqualifizierender Regelabschluss gelten. So erklärten es die Kultusminister im Jahre 2003. Nur Wenige, vor allem wissenschaftlich Interessierte, sollten zum Master wechseln. Eine Übergangsquote wurde nicht festgelegt. Die Länder handhaben es unterschiedlich. Etwa 50 bis 70 Prozent der Bachelorabsolventen wechseln in den Master.
Beim Zugang muss man zwischen Zulassungsbeschränkungen und besonderen Zugangsregelungen unterscheiden. Erstere sind in der Platzknappheit begründet. Zum Beispiel in Berlin. Hier herrscht großer Andrang. An der Freien Universität (FU) etwa bewarben sich im vergangenen Wintersemester 6 800 Bachelorabsolventen auf 2 300 Masterplätze. Für das kommende Semester werde es viermal so viele Bewerber wie Plätze geben, schätzt ein Studentenvertreter.
Was die Errichtung weiterer, besonderer Zugangshürden betrifft, haben es die Hochschulen Berlins schwerer als die in manchem anderen Bundesland, wo man oft „pure Manipulation“ finde, wie der Münsteraner Anwalt Achelpöhler sagt. Er erzählt vom BWL-Master in Paderborn. Dort habe man einfach für das Master-Studium „die Grenznote 2,4 festgelegt, als Zugangsvoraussetzung, egal wie viele Plätze am Ende gefüllt sind“. Einige Universitäten legten ihre Voraussetzungen – etwa den Nachweis von Leistungspunkten in ganz bestimmten Modulen – so fest, dass Auswärtige keine Chance hätten. Die Leitung der Universität Münster wird mit der Aussage zitiert: Käme es nur auf den Bachelor an, dann hätten Bewerber „aus Kleinkleckersdorf“ ja dieselben Chancen wie die eigenen Absolventen.
Der Widerstand gegen solche Hürden nimmt zu. In Münster gelang es Anfang des Jahres drei BWL-Studenten „aus Kleinkleckersdorf“, sich in den Master einzuklagen. Auch die Politik muss erkennen, dass die jungen Menschen nicht so handeln, wie sie es sich gedacht hatte. Der Bachelor wird von den meisten nicht als vollwertiger akademischer Abschluss akzeptiert, sondern als akademischer „Facharbeiterabschluss“. Drei Viertel aller Studenten wollen nach dem Bachelor weiterstudieren, wie eine Eurobarometer-Umfrage ergab. Für viele ist der Master auch unbedingte Berufsvoraussetzung, so für Lehrer, Psychologen oder Ingenieure.
Spätestens zum „Bildungsstreik“ 2009, an dem Studierende in etwa 60 Städten teilnahmen, hörte man bundesweit laut die Forderung, den Zugang zum Master zu erweitern. Eine radikale Öffnung will zum Beispiel eine Initiative, die sich am Montag dieser Woche in Berlin vorstellte. Ihr Sprecher ist Alexander Klute, ein 40-jähriger studierter Lehrer, der als Pflegeassistent für Behinderte arbeitet. Über ein Volksbegehren wollen er und seine Mitstreiter eine Änderung im Berliner Hochschulgesetz erreichen und eine bundesweite Welle auslösen. Sie sind dabei, 20 000 Stimmen zu sammeln, um den Antrag beim Berliner Senat einzureichen. Darin geht es um eine „freie Zulassung zum Masterstudium“. Jeder, der wolle, solle seinem Bachelor einen Master anschließen können. Um das zu erreichen, habe Berlin die Platzkapazität auszubauen. Die Kosten, so eine Schätzung des Senats, würden 44 Millionen Euro im ersten, 131 Millionen im zweiten und 175 Millionen ab dem dritten Jahr betragen.
Der Berliner Rechtsanwalt Marian Lamprecht erklärte dazu: „Die Allgemeine Zulassungsfreiheit von Masterstudiengängen ist schon allein aus finanziellen Gründen nicht durchsetzbar. Solange die Nachfrage nach den Masterstudiengängen die vorhandenen Plätze übersteigt, muss eine Auswahl stattfinden.“ Auch die Mehrheit der Parteien reagiert skeptisch. Es sei aus rechtlichen und praktischen Gründen problematisch, „den Anspruch auf einen Master-Studienplatz im eigenen oder einem verwandten Fach gesetzlich zu verankern“, erklärte die Linke.
Ein Masterstudium für alle wird es nicht geben. Denn die Einführung von Bachelor und Master ging auch einher mit der Absicht, an den Unis Geld zu sparen. Doch im Kampf um eine möglichst breite Öffnung können die Studenten eine Unterstützerin zitieren, die im Jahre 2009 sagte: „Der Übergang vom Bachelor zum Master muss problemlos möglich sein. Studierende sollten selbst entscheiden können, ob sie einen Master machen wollen oder nicht. Ich bin gegen eine Quote.“ Die Rede ist von der Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Ihre Sätze haben vor allem Appellcharakter, denn die Ausgestaltung der Studiengänge ist Länder- und Hochschulsache. Dennoch hofft mancher auf einen größeren Einfluss des Bundes bei der Lösung der Masterfrage. So forderte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im April dieses Jahres: Jeder Bachelorabsolvent müsse einen Anspruch auf einen Masterplatz haben. Dies solle über ein Bundesgesetz geregelt werden. Der Berliner Volksbegehren-Initiator Alexander Klute widerspricht: „Die Bundesregierung kann die freie Zulassung zum Masterstudium gesetzlich regeln. Jedes Bundesland hat jedoch das Recht, von dieser Regelung abzuweichen.“
Der „Master für alle“ sei nicht das Thema, sagte jüngst auch Kristina Kämpfer, die Bundesvorsitzende der Liberalen Hochschulgruppen (LHG), im Deutschlandfunk. Aber: „Zugangshürden, die restriktiv wirken könnten“, sollten abgebaut werden. Es sollte eher darauf ankommen, „ob die Gesamtnote stimmt und ob der Studierende das kann, was er für den Master mitbringen muss.“ Anwalt Achelpöhler billigt besondere Zugangsvoraussetzungen nur künstlerischen oder sportlichen Studiengängen zu.
Auch die Kultusminister selbst forderten eine Angleichung, zumindest verbal: „Um die Mobilität und Durchlässigkeit im deutschen Hochschulsystem zu sichern und im Interesse der Studierenden, ist die wechselseitige Anerkennung der erbrachten Studienleistungen und der erreichten Studienabschlüsse zwischen den Ländern zu gewährleisten.“
Sechs Jahre (!) nach dieser Erklärung hat die Bachelorabsolventin Jana Richter keine Chance, von Leipzig nach Berlin zu wechseln. Der Leiter der HU-Studienabteilung bestätigte die verzwickte Situation. Für den Master of Education gebe es fachübergreifende Rahmenordnungen, die alle beteiligten Fakultäten bänden. Die Voraussetzungen, was Module und Leistungspunkte betrifft, sollen unter anderem die „Einhaltung unserer Qualitätsstandards“ sichern. Aber offenbar ist der Leiter der HU-Studienabteilung selbst ein bisschen verzweifelt, wenn er schreibt: „Die Inkompatibilität von Studiengängen ist hauptsächlich dem politischen Willen, dass sich Hochschulen im Wettbewerb profilieren sollen, geschuldet.“ Hier konkurrierten die völlig gegensätzlichen Forderungen nach Exzellenz und Profil einerseits und freiem Masterzugang andererseits miteinander.
Da fragt sich nur, praktisch gedacht, ob in Leipzig ausgebildete Gymnasiallehrer überhaupt in Berlin unterrichten dürfen – wenn deren Standards so anders sind. Und ob umgekehrt Berliner Lehrer für Leipziger Gymnasiasten überqualifiziert sind.
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