Es klingt unspannend und ist doch brisant: Der britische Globalisierungsexperte David Held, 62, ist von seinem Job als Professor für Politikwissenschaften und Co-Direktor des Center for the Study of Global Governance an der London School of Economics (LSE) zurückgetreten. Ab Januar wird er weiter nördlich Master des ältesten Colleges der Universität Durham und Chef des dortigen Politik-Departments.
Das würde normalerweise allenfalls die wissenschaftliche Fachwelt interessieren, wäre er nicht der Profiteur einer libyschen Millionen-Spende an die LSE gewesen: Damit entstand erst das Zentrum für das er zuletzt Co-Direktor war.
Plagiate sind kein neues Phänomen. Thomas Mann etwa bekannte sich offen dazu, abgeschrieben zu haben. In seinen "Buddenbrooks" stirbt am Ende der junge Hanno an Typhus. Dafür bediente sich der Schriftsteller aus einem medizinischen Fachbuch. Dadurch, dass er die nüchterne Beschreibung des Krankheitsverlaufs im Kontext seines Romans wiedergibt, wirkt diese jedoch völlig anders - nämlich zutiefst schockierend
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Foto: dapdDie Universität der 40.000-Einwohnerstadt Durham im Norden Englands verbreitete die Nachricht universitätsintern, nachdem sie der Guardian bereits publik gemacht hatte. In der Professorenschaft herrscht nicht nur über diese Informationspolitik, sondern auch über die Sache an sich Unmut.
Aber die Uni preist Helds breiten Publikationskanon und lobt seine Mitgliedschaft in renommierten Vereinigungen, etwa dem World Economic Forum. Was sie verschweigt: Der Neuzugang aus London zieht eine peinliche Vergangenheit in puncto Libyen hinter sich her. Der Verdacht liegt damit nicht fern, dass der Stellenwechsel ein Geschmäckle hat: Die LSE dürfte jedenfalls froh sein, mit Helds Abgang einen Image-Schädling los zu werden.
„Saif sucht im Grunde seines Herzens nach Demokratie, Bürgergesellschaft und tiefen liberalen Gedanken“, hatte Held noch im Mai 2010 verkündet. In diesem Frühjahr gab er zu, sich geirrt zu haben. Die Daily Mail sprach daraufhin von der London School of Useful Idiots: An der Top-Uni habe man Gaddafi seiner Millionen wegen hofiert.
Dazu muss man die Geschichte einer geldgeilen wie naiv-gutgläubigen Forschungselite zurückverfolgen. Die LSE-Wissenschaftler ließen sich vor zwei Jahren für ihr Nordafrika-Programm auf eine 1,5 Millionen-Pfund-Schenkung durch eine Stiftung des Gaddafi-Sohns Saif al-Islam ein – ein Geschenk, das man heute natürlich am liebsten ungeschehen machen würde. Die Financial Times berichtete im Frühjahr, die LSE versuche bereits, ihre offizielle Website von Libyen-Kontakten rein zu waschen.
Pikanterweise fand die Schenkung im Jahr 2009 statt – und damit ein Jahr, nachdem Saif al-Islam Gaddafi an der LSE promoviert worden war. Doch nicht nur, dass in seiner Doktorarbeit etliche Schönheitsfehler entdeckt wurden: So hatte Saif eine amerikanische Beratungsfirma angeheuert, die ihn bei der Doktorarbeit unterstützte. Mindestens 40 Interviews wurden von externen Beratern geführt, Gaddafi führte kein einziges selbst.
Darüber hinaus sind inzwischen etliche Absätze der Arbeit als Plagiate entlarvt. Eine Behauptung der Daily Mail, die auch noch in der deutschen Wikipedia abgedruckt ist, dass nämlich Held Betreuer dieser Doktorarbeit gewesen sei, bestreitet der Professor allerdings gegenüber dieser Zeitung: „Das ist unwahr. Der Doktorand wurde in einem anderen Department betreut.“ Allerdings habe er ihn „gelegentlich beraten“. Aber nicht nur das: Er schwang sich, als es an der LSE um die strittige Frage ging, ob man die Schenkung annehmen solle oder nicht, zum größten Fürsprecher des Gaddafi-Sohns auf und setzte sich damit gegen skeptische Kollegen, die das Geschenk ablehnten, durch.
Folgerichtig wurde Held am 28. Juni 2009 zum Co-Direktor jenes neuen Forschungszentrums befördert: kurz nachdem die LSE das Millionengeschenk akzeptiert hatte. Seit Ende Juli diesen Jahres ist das Zentrum wieder geschlossen. Als Äquivalent für die bereits ausbezahlten 300.000 Pfund an Stiftungsgeldern spendete die LSE eine gleich hohe Summe an nordafrikanische Studenten.
Ein Akt der Wiedergutmachung, dem der Rücktritt des LSE-Direktors Howard Davies folgte und der mit dem Abgang Helds nach Durham wohl kaum beendet sein wird. Denn in Kürze soll ein unabhängiger Bericht erscheinen, der so genannte „Woolf Untersuchungsreport“, von dem Insider erwarten, dass er die engen Verbindungen zwischen der LSE und dem Gaddafi-Regime anprangern wird.
Doch noch immer waschen sich alle Beteiligten die Hände in Unschuld: Die LSE lässt über einen Sprecher ausrichten, dass „Schenkungen akademische Forschungsinhalte grundsätzlich nicht beeinflussen“. Die Presseabteilung der Universität Durham äußert sich zu Helds Gaddafi-Verbindungen erst gar nicht, sondern beteuert nur, dass Held sich „einem strengen Auswahlprozess mit etlichen Mitbewerbern“ habe unterziehen müssen und er „einer der weltweit bekanntesten und renommiertesten Sozialwissenschaftler“ sei.
Held selbst bezeichnet die bestehenden Anwürfe als „Missverständnisse“ auf FR-Anfrage: Er verlasse die LSE „aus positiven Gründen“: Durham sei eine „herausragende Uni und ein exzellentes Forschungsumfeld“.
Das mag schon stimmen, aber die LSE schneidet mit Platz sechs im Fach Politikwissenschaft beim Times-Ranking besser ab als Durham (Platz zehn).
In jedem Fall bleibt die Frage, inwieweit sich Forscher von heiklen Drittmittelgebern umgarnen lassen dürfen. Und was passiert, wenn die Sache in die Hose geht. So weitermachen wie bisher? Angesichts schrumpfender Etats könnte die Gefahr, sich zu dubiosen Geschäften hinreißen zu lassen, sogar eher steigen als sinken – nicht nur in England.
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