Wenn Renate Lieckfeldt über das Promotionsrecht für Fachhochschulen (FH) spricht, wird es erst einmal historisch. Die Rektorin der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig erzählt, wie die Technischen Hochschulen im 19. Jahrhundert um das Recht kämpften, Doktortitel zu verleihen. Die ehemaligen Techniker- und Ingenieurschulen scheiterten dabei immer wieder an den hochnäsigen Universitäten. Erst in den 1890er-Jahren fiel das Privileg der Alma Mater, als Kaiser Wilhelm II auch den preußischen Hochschulen das Promotionsrecht gab – und zeitgleich den akademischen Grad des „Dipl.-Ing.“ einführte. „Heute passiert das gleiche wieder“, sagt Renate Lieckfeldt, die sich für das Promotionsrecht der FH stark macht. Doch viele Universitäten bremsen – ganz vorn mit dabei die Technischen Universitäten. Deshalb erinnert Lieckfeldt sie gern an ihre eigene Geschichte.
Die Frage, ob Fachhochschulen selbst Doktoranden ausbilden dürfen, treibt den deutschen Wissenschaftsbetrieb seit langem um. Aus einem „Nein“ ist mittlerweile ein „Jein“ geworden: Zwar haben die Fachhochschulen nach wie vor kein eigenes Promotionsrecht, aber die Zahl der Kooperationen zwischen FH und Universitäten, in denen Absolventen beider Hochschultypen den Doktor erwerben können, steigt seit Jahren. Viele FH hoffen, dass dieser Mittelweg irgendwann doch noch zum Ziel führt: der Promotion ohne den abschließenden Segen einer Universität.
Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) ist zwar zurzeit vor allem mit der eigenen Doktorarbeit beschäftigt, hatte sich aber im vergangenen Jahr für ein FH-Promotionsrecht stark gemacht. Später ruderte sie jedoch zurück und wollte ihre Aussage nicht als Ad-hoc-Forderung verstanden wissen. Bund und Länder setzen stattdessen auf das Kooperationsverfahren. Hier sind die Unis mit im Boot und haben bei der Promotion das letzte Wort.
Mittlerweile ist jeder dritte der rund zwei Millionen Studenten in Deutschland an einer FH eingeschrieben. Die praxisorientierten Hochschulen verzeichneten laut Bundesforschungsministerium von 1999 bis 2011 einen Zuwachs von 66 Prozent – bei den Universitäten waren es weniger als 30 Prozent. Deshalb steigt das Selbstbewusstsein der „kleinen“ Uni-Schwester – und damit ihr Wunsch nach Gleichberechtigung.
In Sachsen schlägt sich die Gleichstellung von FH- und Uni-Absolventen seit diesem Jahr erstmals im Hochschulgesetz nieder. Mussten Promotions-Aspiranten der FH früher ein aufwendiges Anerkennungsverfahren durchlaufen, fällt dies nun weg. In Paragraf 40 des Hochschulfreiheitsgesetzes heißt es über den Zugang zur Promotion: „Bei der Zulassung sind Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen gleich zu behandeln.“
Die Zahl der Fachhochschul-Absolventen mit Doktortitel steigt seit Jahren. Nach der letzten Erhebung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) aus dem Jahr 2009 wurden zwischen 2006 und 2008 rund 570 FH-Studierende mit Diplom von einer Universität promoviert. Vergleicht man die Zahlen mit den Jahren 2003 bis 2005, dann entspricht das einer Steigerung von 41 Prozent. Der Trend dürfte sich nach Schätzungen von Fachleuten bis heute noch verstärkt haben, doch die aktuelle Erhebung der HRK liegt noch nicht vor.
An der Spitze der FH-Doktoren stehen die Ingenieurswissenschaften. Aber auch in den Gesundheitswissenschaften und der Medizin boomt die Promotion von FH-Absolventen.
Bei der Zulassung von Promotionen sind die ostdeutschen Unis traditionell offener als die westdeutschen, die weniger FH-Studierenden den Zugang ermöglichen.
Blickt man auf die Gesamtzahl der abgeschlossenen Promotionen (2007: 23 843), spielen die Fachhochschulen jedoch eine marginale Rolle: Der Anteil der FH-Absolventen mit Doktortitel betrug 2009 trotz steigender Promotionszahlen nur etwa ein Prozent.
Gesetze geändert
Auch andere Länder wie Sachsen-Anhalt (2010) und Hessen (2009) haben ihre Hochschulgesetze geändert und dort die kooperative Promotion aufgenommen. Die Universitäten müssen diese Neuregelungen nun auch in ihren eigenen Promotionsordnungen festschreiben.
„Das ist ein Fortschritt“, sagt Renate Lieckfeldt, die FH-Rektorin aus Leipzig. Denn sie erinnert sich an Zeiten, „als FH-Absolventen an benachbarten Universitäten gnadenlos rausgeprüft wurden“. Im Streit um den Doktortitel schlägt sie vor, dass FH-Professoren sich künftig an der Fakultät einer Universität einmalig akkreditieren und dann gleichberechtigt wie ein Uniprofessor Promotionsverfahren durchführen dürfen.
Damit wäre das Privileg der Universitäten durchlöchert. Doch bislang stoßen Vorschläge dieser Art auf wenig Gegenliebe bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), deren Präsident Horst Hippler den FH nicht entgegenkommen will. Im Gegenteil: „Promotionen kriegt man nicht zum Nulltarif, denn Forschung braucht Geld und Zeit“, sagte er bei seiner Amtseinführung dem Nachrichtenmagazin Spiegel. Die FH-Professoren hätten ein doppelt so hohes Lehrdeputat wie die Professoren an den Universitäten und deshalb viel weniger Zeit für die Forschung.
Bund und Länder wissen um die Brisanz des Themas – und agieren deshalb zurückhaltend. Sie wollen es sich weder mit den FH noch mit den forschungsstarken Universitäten verscherzen und fördern deshalb die kooperativen Promotions-Kollegs.
Auf gutem Weg
Auch viele Fachhochschulen halten das für einen guten Weg. „Das ist nicht nur für die FH-Absolventen eine gute Sache, sie bringen auch die Wissenschaftslandschaft insgesamt voran“, sagt der Sprecher der FH-Landesrektorenkonferenz in Nordrhein-Westfalen, Martin Sternberg. Ein generelles Promotionsrecht für die Fachhochschulen hält der Rektor der FH Bochum für unnötig.
Aber die Promotionskollegs, die in der Regel auf drei Jahre befristet sind, sollten länger laufen, fordert Sternberg. „Man darf diese guten Ansätze nicht einfach beenden“, sagt er und plädiert für eine kooperative Graduiertenschule mit einer Lebensdauer von zehn bis zwölf Jahren, wenn es der Forschungsschwerpunkt hergebe.
„Wenn die Kooperationsverbünde gut funktionieren, dann brauchen wir kein eigenes Promotionsrecht für alle Fachhochschulen“, sagt auch der Rektor der forschungsstarken FH Aachen, Marcus Baumann. Sie arbeitet ganz frisch mit der benachbarten Elite-Uni RWTH Aachen zusammen. Der Verbund „Alternative Nutzfahrzeugantriebe für LKW und Bus“ gehört zu einer Reihe von kooperativen Promotionsprojekten, für die die rot-grüne NRW-Landesregierung in den nächsten drei Jahren neun Millionen Euro bereitstellt.
„Die ursprünglich restriktive Haltung der Universitäten bei den Promotionen bröckelt“, beobachtet Baumann. Er wünscht sich künftig dennoch „eine scharfe Evaluation“. Wenn eine FH über Jahre hinweg gute wissenschaftliche Arbeit leiste und Absolventen promoviere, warum sollte sie dann nicht ein eigenes Promotionsrecht bekommen?, fragt der Professor für Biotechnologie. „Und wenn umgekehrt eine Uni das nicht mehr hinkriegt, dann sollte man ihr das Promotionsrecht auch wegnehmen dürfen.“
Diesen Affront wagt zurzeit kein Bildungspolitiker. Dafür erinnern sie die Universitäten aber immer wieder an ihre Hausaufgaben. „Der Wissenschaftsrat spricht vor dem Hintergrund der exklusiven Ausstattung der Universitäten mit dem Promotionsrecht sogar von einer Pflicht zur Kooperation“, sagt Thomas Rachel, Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, der Frankfurter Rundschau. Vor der Tür stehen lassen dürfen sie einen potenziellen „Dr.-FH“ also nicht.
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