Studium

19. November 2011

Skandal an Eliteschule: Wie eine Versammlung des Ku Klux Klan

 Von Sebastian Moll
Düster: Das Geschehen an der US-Eliteschule in Riverdale, New York. (Symbolbild) Foto: Getty Images

Rassistische und sexistische Hasstiraden von New Yorker Elite-Schülern schockieren Eltern und Lehrer. Die Schulleitung ist in Schockstarre verfallen und hofft, dass die Geschichte versandet.

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New York –  

Man sieht der Horace Mann School in Riverdale, einem edlen Wohnbezirk in der New Yorker Bronx, schon von weitem an, worauf die Kinder hier vorbereitet werden. Der grüne, baumbewachsene Campus mit seinen putzigen georgianischen Schulgebäuden ist unmissverständlich den Elite-Universitäten des Landes nachempfunden. Benannt ist die Schule nach dem Politiker und Reformer Horace Mann aus dem 19. Jahrhundert, der als einer der Väter der öffentlichen Bildung in den USA gilt.

Man fühlt sich in der Horace Mann School wie in einer Mini-Version von Yale, Harvard oder Princeton. Die Schüler landen auch zu einem sehr hohen Prozentsatz in einer dieser Hochschulen – was praktisch eine Garantie für eine Führungsposition in der amerikanischen Wirtschaft und Gesellschaft ist. Deshalb zahlen die Eltern auch 38.000 Dollar Schulgeld pro Jahr.

"Ein Vorbild intakter Werte"

Horace Mann ist für die oberen Zehntausend von New York die Gewährleistung, dass die nächste Generation den Klassenerhalt schafft. Selbstverständlich behauptet die Schule von sich auch, dass die Kinder nicht nur zu Leistungsmaschinen sondern auch zu vorbildlichen Bürgern und guten Menschen erzogen werden. „Unsere Schule ist ein Vorbild traditioneller Exzellenz sowie intakter Werte in einer Gesellschaft, die beides benötigt“, verkündet der Schuldirektor Thomas Kelly auf der Website von Horace Mann. Um das zu unterstreichen, ist auf der Homepage eine eigene Rubrik den „Diversity“-Prinzipien von Horace Mann gewidmet. Sie propagiert, dass hier jedes Kind gleich behandelt werde, welcher Rasse es auch angehöre oder welcher Kultur es entstamme.

Dieses Selbstbild von Horace Mann als Brutstätte von Aufgeklärtheit und Toleranz wurde in der vergangenen Woche allerdings massiv erschüttert. Die Erziehung der künftigen amerikanischen Elite zu guten Bürgern, so stellte sich heraus, hinkt ihrer akademischen Ausbildung um Lichtjahre hinterher.

Eine Peinlichkeit sondersgleichen

Angefangen hat der Horace-Mann-Skandal, der auch der New York Times eine Schlagzeile wert war, mit dem scheinbar harmlosen Projekt eines Englischlehrers. Harry Bauld, der in der Oberstufe Lyrik unterrichtet, hatte zwei renommierte Dichterinnen eingeladen, um gemeinsam mit den Kindern „kollaborative Poesie“ zu erarbeiten. Dummerweise hatte Bauld es versäumt, sich darüber zu informieren, mit welchem Material die beiden Schriftstellerinnen Denise Duhamel und Maureen Seaton zu arbeiten gedachten.

Die Dichterinnen hatten eines ihrer Werke mitgebracht, das sich „Litany of the Father“ nennt. Es ist ein feministisches Gedicht, das sich gegen das misogyne, traditionelle Patriarchat wendet. Es enthält Zeilen wie „Vater, der Du uns Wörter wie Nigger, Schwuchtel und Nutte beigebracht hast, zahle uns zurück“ oder „Motherfucker, der Du unsere Mutter betrügst und Jungfrauen begehrst, lass’ uns in Ruhe“.

Hasstiraden gegen Frauen, Homosexuelle und Schwarze

Die Schüler sollten beim Hören des Gedichtes aufschreiben, was sich ihnen besonders einprägte und daraus eigene kleine Poeme basteln. Das Resultat war eine Peinlichkeit sondersgleichen. Aus dem Elite-Nachwuchs brachen ungefilterte Hasstiraden gegen Frauen, Homosexuelle und Schwarze heraus. Der Kontext des Gedichtes ging komplett verloren. Eine halbe Stunde lang wirkte die Aula von Horace Mann wie ein Versammlungssaal des Ku Klux Klan im Süden der 50er-Jahre. Direktor Thomas Kelly saß versteinert und gelähmt in der Ecke.

Erst am nächsten Tag schickte der Rektor der Oberstufe, David Schiller, eine E-Mail an die Eltern, in der er sich dafür entschuldigte, dass er nicht interveniert habe. Der Vorfall sei zu verurteilen und reflektiere nicht die Werte der Schule. Nun gelte es, sich in den nächsten Tagen und Wochen gegenseitig der Tatsache zu versichern, dass Horace Mann ein toleranter Ort sei.

Das dürfte allerdings nicht so einfach sein. In Leserbriefen an die Schulzeitung The Record haben bereits mehrere schwarze Schüler zu Protokoll gegeben, dass sie sich in Horace Mann nicht mehr wohlfühlen. „Ich kann das Wort ,Gemeinschaft’ nicht mehr verwenden, wenn ich an Horace Mann denke“, schrieb ein Elftklässler. „Die unübersehbare Tatsache, dass unter uns ein tiefsitzender Rassismus existiert, enttäuscht und deprimiert mich. Ich habe mich hier einst wohl und geborgen gefühlt. Das ist vorbei.“

Schockstarre in Riverdale

Esther Ademola, eine andere schwarze Schülerin, gab indes in der Schulzeitung zu Protokoll, dass sie die Ereignisse gar nicht überrascht hätten. „Ich höre solche Einstellungen und Bemerkungen auf dem Schulhof und in der Cafeteria ständig“, schrieb sie. „Doch in Zukunft werde ich nicht mehr stillhalten.“

Auf Hilfe von der Schulleitung kann Esther Ademola, Teil der gerade einmal zu fünf Prozent schwarzen Schülerschaft, allerdings kaum hoffen. Bis auf die vage Ankündigung der Selbstreflexion war von der Direktion nichts mehr zu hören. Man ist in Schockstarre in Riverdale und hofft, dass die Geschichte einfach wieder versandet.

Einige Eltern fordern immerhin eine klare Null-Toleranz-Politik gegenüber derlei Äußerungen und Einstellungen. Doch wie die Pädagogen haben auch sie bislang noch Schwierigkeiten, überhaupt nur zu fassen und zu akzeptieren, dass ihre ehrenwerten Kreise solche Hässlichkeiten hervorbringen. „Horace Mann ist sicher nicht alleine, was solche Dinge angeht“, sagte eine Mutter, die anonym bleiben wollte, im Interview. „Aber Horace Mann sollte besser sein. Diese Sache ist auf so vielen Ebenen einfach nur fürchterlich.“

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