Studium

11. April 2012

Studenten: Eine Generation von Angsthasen

 Von Torsten Harmsen
Welche Identität sollen sich heutige Studenten eigentlich bewahren? Das Plakat entstand 2010 im Rahmen des 24. Plakatwettbewerbs des Deutschen Studentenwerks „Studium Digitale – Chancen und Risiken“.  Foto: Marie-Claire Nun / Deutsches Studentenwerk

Die Zeiten, in denen an den Universitäten gestreikt, geträumt und wild gefeiert wurde, ohne an morgen zu denken sind vorbei. Die Studenten von heute sind eine fleißige paukende Masse, die sich den Weg in eine solide gesicherte Zukunft ebnet.

Drucken per Mail

Die Zeiten, in denen an den Universitäten gestreikt, geträumt und wild gefeiert wurde, ohne an morgen zu denken sind vorbei. Die Studenten von heute sind eine fleißige paukende Masse, die sich den Weg in eine solide gesicherte Zukunft ebnet.

Wir stehen im Hörsaal der Universität Köln, mein Vater und ich“, erzählt die 23-jährige Nasanin Kamani. „Eigentlich wollte er mir nur schnell die Autopapiere vorbeibringen. Aber dann lässt die Aura seiner ehemaligen Universität ihn einfach nicht mehr los.“ Die Medizinstudentin im sechsten Semester berichtet, wie sich ihr Vater begeistert an seine Uni-Zeit erinnert, ans Feiern, Streiken, Lesen, Träumen – ohne einen Schein in der Tasche, ohne einen Plan für morgen.

„Wovon um Himmels Willen redet er?“, fragt sich Nasanin Kamani. Sie erkennt in ihrer eigenen Generation nichts von der Begeisterung ihres Vaters wieder. „Wir sind eine Generation der Angsthasen“, sagt sie und schildert eine fleißige paukende Masse, die sich den Weg in eine solide gesicherte Zukunft ebne. Die Uni sei kein Ort der Selbstfindung. „Und geträumt? Geträumt wird gar nicht mehr“, sagt Nasanin Kamani.

Dies ist ein trauriger Vorwurf. Und sicher würden manche ihr sofort widersprechen wollen. Aussagen über ganze Generationen sind immer etwas problematisch. Dennoch versuchen auch Forscher, jene wesentlichen Merkmale zu finden, die die heutige Generation von den vorhergehenden unterscheidet. Seit 1983 haben der Konstanzer Soziologe Tino Bargel und seine Kollegen regelmäßig Studenten befragt (siehe Kasten). Sie können daraus eine Entwicklung ablesen.

Spiegelbild der Gesellschaft

Bargels Urteil fällt nicht sehr gut aus. „Ein bisschen ratlos, ein bisschen meinungslos, ein bisschen gleichgültig“, nennt er die heutige Studentengeneration. Er hat ihr Profil als das einer „Generation der Teilnahmslosigkeit und Uneindeutigkeit, der Konventionalität und der labilen Demokraten“ beschrieben. Sie äußere wenig Ansprüche an sich und die Welt – außer durchzukommen und sich zu behaupten, „freilich mit mehr Ängstlichkeit als Zuversicht“. Diese Züge hätten sich seit der Jahrtausendwende verfestigt.

Aber man darf der Generation nicht unrecht tun. Sie ist ein Spiegelbild ihrer Gesellschaft, die sich grundlegend gewandelt hat. Die Politik selbst hat die Studenten entpolitisiert. Gesellschaftliche Debatten und Freiräume sind aus den Universitäten verbannt worden. Die Bachelorreform hat das Studium standardisiert, mit härteren Sanktionen belegt.

Politik und Politiker langweilen die heutige Jugend. Das stellte vor wenigen Tagen die neue Jugendstudie des Heidelberger Sinus-Instituts „Wie ticken Jugendliche 2012?“ fest. 1983 bezeichnete sich noch mehr als die Hälfte aller Studenten als politisch stark interessiert. Heute ist es gerade mal noch ein gutes Drittel. An den Streiks und Demonstrationen der vergangenen Jahre nahmen immer weniger Studenten teil – mitunter pro Universität nur einige hundert. Viele nehmen ärgerliche Dinge einfach in Kauf. Schockiert reagierten Studentenvertreter auf eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) im vergangenen Jahr. Sie ergab, dass sich gegen Studiengebühren kaum Widerstand regt, auch unter sozial schwachen Studenten. Hatten vor Einführung der Gebühren in sieben Bundesländern 66,2 Prozent der Abiturienten angegeben, studieren zu wollen, waren es danach 68,9 Prozent.

1 von 2
Nächste Seite »

Jetzt kommentieren

Videonachrichten Wissen
Spezial
Blick in die Magellanwolke

Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

Schule
Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Spezial

Vor vierzig Jahren brachen mutige Männer auf, um einen Menschheitstraum zu erfüllen - die Landung auf dem Mond.