Das Bundesland Rheinland-Pfalz will vom Sommersemester 2012 an das Hochschulstudium völlig gebührenfrei halten. Fürs Erststudium werden hier – anders als in anderen Ländern – ohnehin keine Gebühren erhoben. Nun sollen auch die Studienkonten wegfallen, eine Art Gebühren für Langzeitstudenten. Dies kündigt Wissenschaftsministerin Doris Ahnen an.
Bundesweit werden Studenten mit hoher Semesterzahl exmatrikuliert oder zum Examen gedrängt. Sie hingegen wollen die Gebühren für Langzeitstudenten abschaffen. Warum?
Wir haben die Studienkonten eingeführt zu einer Zeit, da wir von gebührenpflichtigen Ländern umlagert waren, nämlich Hessen, Saarland, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, die glaubten, Gebühren seien das Allheilmittel für die Hochschulen. Jetzt hat sich das Blatt in diesen Ländern aber gewendet. Deshalb können wir jetzt in Rheinland-Pfalz den Weg der Gebührenfreiheit konsequent weitergehen und auch die Zahlungen für Langzeitstudenten abschaffen. Das war im rot-grünen Koalitionsvertrag so vereinbart, und dieser Schritt ist gerade mit Blick auf die neue Situation in den Nachbarländern richtig.
Doris Ahnen (SPD), geboren 1964 in Trier, studierte Politikwissenschaft, Recht und Pädagogik in Mainz. Sie war Mitglied im Juso-Bundesvorstand, Staatssekretärin. Seit 2001 ist sie Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz. 2006 wurde ihr Ressort um Wissenschaft und Kultur erweitert.
Die Studienkonten in Rheinland-Pfalz wurden zum Wintersemester 2004/05 eingeführt. Sie sind eine Art Bildungsgutschein und führten dazu, dass Studenten, die die Regelstudienzeit deutlich überschritten, etwa 650 Euro pro Semester zahlten. Bei den Koalitionsverhandlungen im Frühjahr drängten vor allem die Grünen darauf, Langzeitstudenten nicht mehr zur Kasse zu bitten.
Allgemeine Studiengebühren dienten über Jahre in vielen Ländern als Einnahmequelle zur Hochschulfinanzierung. Mittlerweile setzen nur noch Bayern und Niedersachsen darauf. Dort müssen Studenten im Erststudium bis zu 500 Euro pro Semester zahlen. Hessen, Saarland und Nordrhein-Westfalen haben die Gebühren wieder abgeschafft. Auch Hamburg und Baden-Württemberg beschlossen, sie auslaufen zu lassen.
An der Universität Mainz gibt es sieben Dauerstudenten im 79. Semester. Gestartet sind sie in den 70er Jahren. Dank Ihnen können sie demnächst kostenfrei weiterlernen. Ist das gerecht?
Man kann sich natürlich solche absurden und seltenen Fälle raussuchen und damit gegen die Abschaffung von Langzeitstudiengebühren argumentieren. Aber wir sollten solche Einzelfälle nicht zum Standard erheben. Die sogenannten Langzeitstudenten sind eine Randerscheinung. Selbst von den Gebühren nach Ablaufen eines Studienkontos waren nur etwas mehr als zwei Prozent der Studierenden betroffen. Und wir setzen alles daran, dass unsere Studierenden so zügig wie möglich durch das Studium kommen.
Welche akzeptablen Gründe gibt es, die Regelstudienzeit deutlich zu überziehen?
Junge Menschen sollten die Möglichkeit haben, Studium und Familie zu vereinbaren. Zudem gibt es viele Studenten, die Beruf und Studium unter einen Hut bringen müssen oder wollen. Das kann sehr sinnvoll sein. Gleichzeitig wünschen wir uns als Gesellschaft immer mehr ehrenamtliches Engagement oder auch Aktivitäten in der studentischen Selbstverwaltung. Das geht mitunter nicht in der Regelstudienzeit.
Ist das der neue Mainzer Weg: weg vom Bologna-Korsett zurück zu einem freieren Studium?
Wir machen keine Abstriche bei Bologna mit Bachelor und Master, denn wir wollen den Studenten ein zügiges Studium bei guter Betreuung ermöglichen. Die Abschaffung der Studienkonten ist deshalb kein Aufruf an die Studierenden, jetzt möglichst lange an den Hochschulen zu bleiben.
Die CDU-Opposition in Rheinland-Pfalz spricht von vier Millionen Euro, die den Hochschulen durch den Wegfall der Langzeitgebühren künftig verlorengehen. Peanuts?
Es sind 3,5 Millionen Euro. Da müsste man jedoch den Verwaltungsaufwand gegenrechnen, der nicht exakt zu beziffern ist.
Heißt das, dass auch die Hochschulen froh sind, wenn sie die Langzeitstudenten nicht mehr zur Kasse bitten müssen?
Die Signale sind sehr unterschiedlich. Manche Hochschulen haben den Verwaltungsaufwand beklagt. Jetzt kritisieren einige den Wegfall dieser Einnahmen. Auch die CDU ist übrigens sehr ambivalent bei diesem Thema: Sie hatte einmal beantragt, die Studienkonten wegen des hohen Verwaltungsaufwands abzuschaffen. Jetzt ist sie wieder dagegen.
Erhalten denn die Hochschulen einen finanziellen Ersatz für die wegfallenden Einnahmen?
Im Gegensatz zu den allgemeinen Studiengebühren in anderen Ländern, die tatsächlich ein großes Loch ins Budget reißen, wenn sie wegfallen, geht es bei uns um einen vergleichsweise bescheidenen Betrag. Deshalb wird es auch keine Kompensation geben.
Außer Niedersachsen und Bayern setzt mittlerweile kein Bundesland mehr auf allgemeine Studiengebühren. Wird Deutschland bald ganz zur gebührenfreien Zone?
Das Modell der Studiengebühren hat sich überlebt. Unsere Gesellschaft ist künftig mehr denn je darauf angewiesen, dass möglichst viele junge Leute studieren – und zwar unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern. Wir können es uns gar nicht leisten, sie durch Gebühren abzuschrecken.
Zurzeit drängen jedoch durch doppelte Abitur-Jahrgänge sehr viele junge Menschen an die Hochschulen. Nehmen die Langzeitstudenten den Neuen nicht die Plätze weg?
Es ist völlig verfehlt, hier eine Konkurrenz zu konstruieren. Die Langzeitstudenten, die zum Teil ja wegen Familie und Beruf gar nicht Vollzeit studieren, nehmen den Erstsemestern nichts weg. Im Übrigen haben wir in Rheinland-Pfalz ja die allgemeine Verkürzung der Zeit bis zum Abitur aus guten Gründen nicht mitgemacht.
Aber die doppelten Jahrgänge kommen ja auch aus anderen Bundesländern zu Ihnen.
Richtig. Wir haben zwar vor den Konsequenzen einer flächendeckenden verkürzten Schulzeit gewarnt, aber jetzt werden wir mit der aktuellen Lage umgehen und den Studierwilligen trotzdem gute Perspektiven an unseren Hochschulen bieten. Die Abschaffung der Studienkonten steht dem nicht im Weg.
Das Gespräch führte Katja Irle.
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