Letztes Jahr wurden mehr Ausländer aus Frankreich ausgewiesen als je zuvor. Knapp 33.000 mussten das Land 2011 verlassen, gab Innen- und Einwanderungsminister Claude Guéant im Januar stolz bekannt. Das waren 5000 mehr als im Vorjahr, 2012 möchte er es auf 35.000 bringen. Nur rund 9 000 Arbeitsvisa wurden erteilt, ein Viertel weniger als 2010.
Am 12. Januar legten Guéant, Arbeitsminister Xavier Betrand und Hochschulminister Laurent Wauquiez eine überarbeitete Version der Regeln für ausländische Absolventen vor. Darin werden die Präfekturen Frankreichs angewiesen, Anträge auf Umwandlung der Studenten- in Arbeitsvisa „Fall für Fall eingehend“ zu prüfen.
Präsident Sarkozy liegt nach Umfrageergebnissen zur anstehenden Präsidentenwahl bei 26 Prozent möglicher Wählerstimmen. Der sozialistische Spitzenkandidat François Hollande (PS) ist ihm mit 29,5 Prozent ein gutes Stück voraus, und Marine Le Pen von der rechtsextremen Front National (FN) mit 19,5 Prozent dicht auf den Fersen. Deshalb setzt Sarkozy, wie bei seiner letzten Kandidatur, bei den Präsidentschaftswahlen im April und bei den Parlamentswahlen im Juni auf das rechtslastige Reizthema.
Letzten Mai sandte Guéant, Frankreichs „Graue Eminenz“, der bereits 2007 Sarkozys Wahlkampagne leitete, den ersten Rundbrief an die Präfekten, der als „Rundschreiben der Schande“ berühmt wurde. Absolventen haben danach nur noch eine sechsmonatige Frist, um eine Festanstellung zu finden. Die Meldeämter müssen prüfen, ob ein Stellenprofil mit den beim Studium erworbenen Fähigkeiten übereinstimmt. Auch wurde die Mindesteinkommensgrenze für Studenten wie auch die Gebühren für Visa erhöht.
Studenten haben daraufhin das Collectif du 31 Mai gegründet, das die Rücknahme der Regelungen fordert. Politiker aller Parteien, viele Hochschulpräsidenten, Berufsverbände und Unternehmen haben sich der Kritik angeschlossen. Mit einer Petition unter dem Titel „Graue Zellen haben viele Farben“ machen Professoren und Forscher landesweit gegen das Circulaire Guéant mobil und bitten die lokalen Präfekturen, die Regeln so großzügig wie möglich auszulegen.
Hajer Gorgi ist Sprecherin des Collectif du 31 Mai. Die gebürtige Tunesierin mit Wirtschaftsdiplom ist selbst betroffen und kann einen fest zugesagten Job nicht annehmen. Etwa 6 000 Absolventen aus dem nichteuropäischen Ausland, so sagte sie im Radio, wollen jedes Jahr eine Stelle in Frankreich antreten. Viele sind Topabsolventen von teuren Elitehochschulen und haben feste Stellenzusagen. Nicht wenige wurden inzwischen dennoch ausgewiesen.
Teures Studium, keine Jobs
„Das ist ein und dieselbe Botschaft an die ausländischen Studenten: Wenn ihr in Frankreich ein Auslandssemester machen wollt, kommt es euch teuer zu stehen“, sagte Gorgi. „Ihr müsst dafür vielleicht einen Kredit aufnehmen, dürft aber nach dem Diplom keinen Job annehmen, der euch auch erlauben würde, die Schulden zu tilgen. Wie kann der französische Staat in unsere Ausbildung investieren und dann ablehnen, dass wir unser Können einbringen?“
Dabei ist Frankreich ein beliebtes Ziel für internationale Studierende. 285 000 waren es im letzten Semester. Das sind 12,3 Prozent der gesamten Studentenschaft. Damit steht Frankreich nach den USA und Großbritannien zusammen mit Australien an dritter Stelle unter den akademischen Gastländern. Die Studenten kommen aus den Maghreb-Staaten, China, Indien, der EU, dem Mittleren Osten oder Südostasien. Bevorzugte Fachrichtungen sind Naturwissenschaften (fast 36 Prozent), Management (19 Prozent) und IT (20 Prozent).
Viele Studenten versuchen nun der Ausweisung zu entgehen, indem sie ihre Abschlussprüfung um sechs Monate verschieben oder sich, trotz Jobangebots, gleich wieder einschreiben. Auf der Demonstration im November trugen viele Schilder um den Hals mit der Aufschrift „noch 2 Monate“ oder „noch 4 Monate“ vor der Abschiebung. Eine Schande für Frankreich und „sehr schädlich für das internationale Ansehen des Forschungsstandortes Frankreich“, findet es Yves Lecointe, Rektor der Universität Nantes. Die Intellektuelle Caroline Fourest fordert, dass Guéant sich entschuldigt, für den „menschlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Schaden“, den er angerichtet habe. Sie nennt das, was er und Sarkozy tun, „monströs“ und antifranzösisch. Und wofür? Für eine Handvoll Stimmen der Front National.
Der Autor ist Leiter der Presseagentur für europäische Hochschulpolitik ESNA (www.esna.tv) in Berlin.
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