Das Problem scheint schlimmer zu sein als befürchtet. Bereits Mitte Dezember drang an die Öffentlichkeit, dass der geplante Start des bundesweiten Online-Systems zur Hochschulzulassung im kommenden Wintersemester gefährdet sei. Der Grund: Das neue System lässt sich nicht an die Software von etwa der Hälfte aller deutschen Hochschulen anbinden.
Nun geht aus einem Sitzungsprotokoll der zuständigen Stiftung Hochschulstart hervor, dass lediglich 40 von 300 Hochschulen im Herbst am neuen Online-Bewerbungsverfahren teilnehmen – und dies auch nur bei Studiengängen mit einer einzigen Fachrichtung. Für Fächerkombinationen und Lehramtsstudiengänge ist das System noch nicht zu gebrauchen.
Das neue „Dialogorientierte Serviceverfahren (DoSV)“ sollte einen unhaltbaren Zustand beenden, der sich durch die an die Hochschulen strömenden doppelten Abiturjahrgänge stetig verschlimmert. Der Hintergrund ist, dass es seit der Entmachtung der Dortmunder Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) keine zentrale Agentur für die Platzverteilung in besonders nachgefragten Fächern mehr gibt. Außerdem sind mittlerweile in vielen Fächern die Plätze knapp. 5 500 der 11 000 Studiengänge sind mit einem örtlichen Numerus clausus (NC) versehen.
Bei der Hälfte nicht kompatibel
Die Folge ist, dass die Abiturienten Streubewerbungen an möglichst viele Hochschulen schicken, um am Ende bei wenigstens einer angenommen zu werden. Manche allerdings erhalten mehrere Zusagen. Wenn sie sich für den Studienplatz an einem Ort entscheiden, den Hochschulen an den anderen Orten aber nicht persönlich absagen, bleiben dort die Plätze blockiert und können erst nach dem Ablauf einer Frist neu vergeben werden. Zu oftbleiben deswegen Plätze unbesetzt, bis zu 20 000 pro Jahr.
Das neue technische System, in dessen Entwicklung der Bund 15 Millionen Euro steckte, sieht nun vor, dass sich Abiturienten online auf bis zu zwölf Studiengänge bundesweit bewerben können. Sobald die Bewerber eine Zulassung erhalten und annehmen, werden alle übrigen Bewerbungen automatisch gelöscht, so dass keine Plätze mehr blockiert sind.
Fachleute sehen in dem System aber nur einen Sinn, wenn möglichst alle 300 Hochschulen daran teilnehmen. Dass dies die Hälfte bisher nicht kann, liegt an Andockproblemen. Die neue zentrale Software wurde von der Telekom-Tochter T-Systems hergestellt. Sie lässt sich jedoch bei jeder zweiten Hochschule nicht ohne Probleme mit dem lokalen System verknüpfen, wie Testläufe zeigten. Für diese Hochschulen wurde nun erwogen, einen „separaten Konnektor“ zu schaffen, der noch einmal zwei bis fünf Millionen Euro kosten soll, wie auf einer Website zu lesen ist.
Geld verschlungen, nicht geliefert
Verantwortlich gemacht wird für die Pannen die IT-Sparte der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS). Das ist eine von Bund und Ländern getragene Service-Agentur mit Sitz in Hannover. Ihre IT-Experten, so die Vorwürfe, bekämen die Softwareprobleme nicht in den Griff. Das Land Thüringen drohte bereits einen Zahlungsstopp an. Denn HIS habe „Geld verschlungen, aber nicht geliefert“. Das Bundesbildungsministerium soll schon planen, die IT-Abteilung des HIS zu privatisieren, um die „Schwachstellen beherzt anzugehen“. Dies stehe laut Medienberichten in einem Brief aus dem Ministerium.
Das HIS-Unternehmen dagegen verteidigt sich. Nicht nur man selbst habe die Lage falsch eingeschätzt, sondern auch die Politik. Diese besitze keinen Plan B für den Fall eines Scheiterns des Projekts. Man könne wenig dafür, dass die Politik eine herausragende Verbesserung versprach, ohne vorab zu prüfen, ob die neue Software mit den dezentralen Systemen der Unis kompatibel sei, hieß es aus der Firma.
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