Im Studium gibt es ständig Kritik oder gar keine Rückmeldungen. Hier im Seniorenheim werde ich dagegen oft für meinen Einsatz gelobt“, sagt Stephanie Lamping, die an der Universität Oldenburg Philosophie und Französisch studiert. „Es ist toll, ehrenamtlich zu arbeiten“, lautet ihr Fazit. Sie nimmt in diesem Semester an einem in Deutschland einzigartigen Studienmodell teil, dem sogenannten Modul Service Learning.
In diesem Modell arbeiten Studenten aller Fächer ein Semester lang ehrenamtlich, unter anderem in Kindergärten, Tierheimen oder Justizvollzugsanstalten. Die Tätigkeiten bei 30 Projektpartnern der Universität Oldenburg werden als Studienleistung anerkannt. Die Studenten können sechs Kreditpunkte für ihren Abschluss erwerben und damit eine Leistung aus dem Studienfach ersetzen. Die Universität wolle damit den Blick über das Studium hinaus erweitern, „die ehrenamtliche Betätigung fördern und dabei soziale und persönliche Kompetenzen vermitteln“, sagt Uni-Mitarbeiter Michael Viertel.
Alessa Speldrich studiert im vierten Semester Wirtschaftswissenschaften und will später im Personalmanagement arbeiten. Die 22-Jährige hilft derzeit einmal pro Woche in einem Hort bei der Hausaufgabenbetreuung. Sie kümmert sich um drei Schulanfänger, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. „Ob ich ihnen wirklich helfen kann, ist schwer zu sagen. Meine insgesamt 40 Stunden gehen schnell vorbei“, sagt sie. Besonders beeindruckt sie, zu erleben, wie Kinder darunter leiden, dass sie mit ihren geringen Deutschkenntnissen in der Schule hinterherhängen. In ihren späteren Beruf als Personalmanagerin sieht sie keine Möglichkeit, ihre gewonnenen Erfahrungen zu nutzen. Aber im Vergleich zum Fachstudium sei der Aufwand beim Service Learning geringer, um die nötigen Punkte zu erwerben, sagt sie.
Für Studenten mit einem pädagogischen Schwerpunkt liegen die Schwerpunkte anders. Sie erzählen, dass es meist nicht bei den vorgeschriebenen 40 Mindeststunden im Ehrenamt bleibe. Die Pädagogikstudentin Myrke Sierach gestaltet selbstständig für 20 Ganztagsschüler aus den Klassen 5 bis 9 nachmittags das Freizeitprogramm, knüpft mit ihnen Armbänder, spielt mit ihnen Billard oder Brettspiele. Über ihre Erfahrungen kann sie mit dem Sozialarbeiter der Schule sprechen. Außerdem sei die Reflexion an der Universität „so intensiv, wie ich es in keinen anderen Seminaren erlebe“. Für die 26-Jährige ist das Ehrenamt eine Chance, ihren Berufswunsch zu überprüfen: „Endlich kann ich mal was Praktisches machen. Das kommt im Studium viel zu kurz. Die Arbeit gefällt mir gut, vielleicht ist die Schulsozialarbeit etwas für mich.“
Probleme relativieren sich
Eine Studentin trifft sich einmal in der Woche mit zwei Jungen, die vom Jugendamt aus ihrer Familie herausgenommen wurden. Sie fährt mit ihnen Fahrrad, geht mit ihnen schwimmen. Andere betreuen Menschen mit Demenz in einem Seniorenheim, machen Werbung für ein Kurzfilmfestival oder organisieren ein Nachmittags-Café für Behinderte.
Mehrmals im Semester treffen sich die Teilnehmer des Moduls, um ihre Erfahrungen mit Dozenten zu besprechen. Die meisten Studenten loben die gute Einarbeitung durch hauptamtliche Kräfte am Einsatzort. Andere fühlen sich in gewissen Situationen überfordert. Sie fragen in der Diskussion unter anderem: „Wie reagiere ich angemessen, wenn ein alter Mensch im Heim mir sagt, dass er am liebsten sterben möchte?“ oder: „Wie fordere ich wichtige Informationen von Mitarbeitern ein, die so viel zu tun haben, dass sie sich nicht um mich kümmern können?“
Während des Semesters müssen alle Studenten ein Lerntagebuch führen, am Ende stellen sie ihre Erfahrungen auf einem Poster vor, schreiben einen Abschlussbericht. Benotet werden die Leistungen nicht. Ein Zertifikat gibt es aber nur, wenn man alle Anforderungen erfüllt.
Die 22-jährige Alina Wollny gehört zu jener Hälfte der Teilnehmer, für die ehrenamtliche Arbeit bisher fremd war. Sie betreut in diesem Semester in ihrer Freizeit Angehörige kranker Kindern, spielt zum Beispiel mit Geschwistern oder steht Eltern als Gesprächspartnerin zur Verfügung. Wir wirken sich solche Erfahrungen auf ihr Lehramtsstudium aus? „Ich studiere nicht anders, aber ich bin offener geworden“, antwortet sie. „Ich bin hier mit so viel Leid konfrontiert, dass ich eigene Probleme nicht mehr so schwer nehme.“
Im vergangenen Wintersemester, als das Modul erstmals angeboten wurde, hatten sich 60 Studierende auf 30 Plätze beworben. Im gerade zu Ende gehenden Semester war das Interesse geringer, aber es konnten dennoch alle offenen Plätze besetzt werden. Viele Teilnehmer des Moduls wollen trotz hoher Studienbelastung weiter ehrenamtlich arbeiten – auch wenn sie ihr Engagement dann nicht mehr als Studienleistung anrechnen lassen können.
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