Die Liste der Kritikpunkte am CHE-Ranking, die die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) zusammengetragen hat, ist lang: Da ist unter anderem von „gravierenden methodischen Schwächen und empirischen Lücken“ die Rede.
Die Datenbanken, die die Ranking-Macher nutzten, seien „nicht geeignet oder nicht hinreichend aussagekräftig“, heißt es. Bei der Studierendenbefragung gebe es schwache Rücklaufquoten, geringe Fallzahlen und eine „ungeklärte Selektivität“.
In der Printversion der Wochenzeitung Die Zeit würden außerdem nur fünf bis sechs der insgesamt 18 Indikatoren für Forschungs- und Lehrqualität veröffentlicht, was „eine Selektion“ darstelle, die bei oberflächlicher Lektüre nicht erkennbar sei. Die simplifizierende „Ampelsymbolik“ beuge sich „den massenmedialen Präsentationserfordernissen“.
Für „wirklich problematisch“ hält die DGS zudem, dass sich das Ranking wissenschaftspolitisch auswirke und „zu extrem simplifizierenden Lesarten“ einlade.
Jetzt sind es also die Soziologen, die die „simplifizierende Ampellogik“ des bekanntesten deutschen Hochschulrankings anprangern und boykottieren wollen. In einer mehrseitigen Erklärung appelliert die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) an alle soziologischen Universitätsinstitute, sich der nächsten Rankingrunde zu verweigern, die das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh alljährlich durchführt und deren Ergebnisse die Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht.
Damit macht die DGS jetzt nach, was der Historikerverband vor drei Jahren vorgemacht hat. Denn wie das so ist bei Rankings: Es gibt Kritik, berechtigte und unberechtigte, und es gibt Gewinner und Verlierer. Hinzu komme „ein riesiger Frust im Wissenschaftssystem und eine Müdigkeit bezüglich sinnloser Wettbewerbe und Exzellenzrhetorik“, sagt der Soziologieprofessor einer frisch gekürten Exzellenzuniversität, der seinen Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen will. Mit der Boykotterklärung habe die DGS jetzt „die kritische Bremse getreten im Ökonomisierungsprozess der Hochschulen“.
Bei einigen Beteiligten war die Wut schon vor Jahren so groß, dass sie sich aus dem Ranking verabschiedeten. So beschlossen vor drei Jahren die komplette Universität Bonn, die mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Kiel, der Fachbereich Bildungswissenschaft der Universität Koblenz-Landau und mehrere Fachbereiche der Universität Siegen, sich nicht mehr an der Leistungsschau zu beteiligen.
Die Kieler sind inzwischen aber wieder dabei. Auch die Universität Bonn zählt zu den Rückkehrern, angeblich weil das CHE die Kritikpunkte weitgehend behoben habe. Dazu zählt beispielsweise der Ersatz des „zu negativ besetzten Rotlichts als Symbol“ in der Bewertungsampel durch die Farbe Blau.
„Die rote Ampelfarbe suggeriert: ,Stopp! Geht gar nicht!’ und ist damit oft nicht der Realität angemessen“, sagt der Universitäts-Sprecher Andreas Archut. Auch wolle die Uni sich jetzt stärker für die Datensammlung engagieren. „Die Entscheidung des Wiedereintritts in das Ranking war mit dieser Selbstverpflichtung verbunden.“ Insider sprechen jedoch von einer denkbar knappen Entscheidung im Senat; die Hochschulleitung habe sich praktisch im Alleingang für die erneute Teilnahme entschieden.
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Die Universität Köln war im vorigen Jahr ebenfalls komplett aus dem Ranking ausgetreten. Derzeit befinde sie sich „in einer Denkschleife“, erklärt Uni-Sprecher Patrick Honecker. Der Entscheidungsfindungsprozess sei noch nicht abgeschlossen. Die Universität befinde sich nämlich in folgendem Dilemma: Rankings seien einerseits wichtig zur Orientierung für die Studenten, könnten andererseits aber auch gefährlich werden durch die Vorspiegelung falscher Tatsachen.
Weil die Uni zu 75 Prozent Studenten aus der Region anziehe, setze sie verstärkt auf einen Ausbau der lokalen Beratung. „Diese Beratung ist für uns wichtiger als ein überregionales Ranking. Wir wollen die richtigen Bewerber anlocken und dadurch die Zahl der Studienabbrecher senken“, beschreibt Honecker das Ansinnen. Ein Ranking könne hingegen leicht dazu führen, die Erwartungen der Studenten zu enttäuschen. Und was das Viertel überregionaler Bewerber betreffe, so werde sich die Uni künftig ohnehin auf ihr frisch erworbenes Exzellenzetikett verlassen können.
Auf ein solches Etikett kann Stefan Lessenich, Dekan der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Uni Jena und stellvertretender Präsident der DGS, zwar nicht verweisen. Aber seine Fakultät hat beim jüngsten CHE-Ranking viele grüne Punkte sammeln können. Insofern kann man ihm nicht vorwerfen, persönlicher Frust habe zum Boykottaufruf geführt. Lessenich schürt damit sogar Unmut. „Wir werden dafür Druck von der Uni-Leitung bekommen“, sagt er. Denn die Hochschulspitzen seien interessiert an der Ranking-Teilnahme.
Seine Kritik richtet sich auch gegen die vorgebliche Zielsetzung der Ranking-Akteure: Das CHE pocht auf der Orientierungsfunktion des Rankings, gerade auch für „Studierende aus bildungsfernen Schichten, die nicht ihre Eltern mit Hochschulabschluss nach einer geeigneten Hochschule fragen können“.
„Dabei ist es gerade der Nachwuchs aus bildungsfernen Schichten, der dann nur auf die simplifizierende Ampel und nicht mehr in die detaillierten Beschreibungen schaut“, sagt Stefan Lessenich. Der bildungsbürgerliche Nachwuchs orientiere sich dagegen vor allem an Empfehlungen aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis. Für ihn spiele das Ranking so gut wie keine Rolle. Der Soziologe vermutet daher vor allem wirtschaftliche Gründe: „Die Zeit hat ein großes Interesse, am publikumswirksamen Ampelsystem festzuhalten. Das erhöht den Verkaufswert des 7,95 Euro teuren Studienführers.“
Die Ranking-Macher wehren sich entschieden; das CHE hat eine lange Stellungnahme im Internet veröffentlicht. „Kein einziger methodischer Kritikpunkt der Soziologen ist berechtigt“, sagt CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele. Zwar erreiche eine umfassende empirische Erhebung „nie den Zustand der absoluten Perfektion, aber unsere Methoden entsprechen in hervorragender Weise dem Stand der Wissenschaft“. Den Punkt bei den Soziologen sieht Ziegele „in der politischen Debatte“. Das unterscheide den „Fall DGS“ auch von der Uni Bonn, „wo es wirklich um die Weiterentwicklung von Methoden ging“.
Und was sagen die Studenten? „Wünschenswert wäre analog zur Forschungsreputation eine Reputation der Wirtschaft“, meint ein Aachener Maschinenbaustudent. „Man will ja schließlich irgendwann auch mal sein Geld verdienen.“ In den angelsächsischen Ländern sind Absolventenbefragungen als Ranking-Basis selbstverständlich. In Deutschland gestalte sich das „sehr viel schwieriger“, gibt die CHE-Projektleiterin für das Ranking, Petra Giebisch, zu, weil hier keine ausgeprägte Alumnikultur herrsche. „Für einzelne Fächer haben wir aber bereits solche Befragungen durchführen können, eine Befragung von Ärzten in Kooperation mit den Landesärztekammern ist gerade in Vorbereitung.“
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