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Forschung: Unterwegs mit Humboldts Erben

Ameisen beobachten in Tunesien oder Doktoranden ausbilden im ewigen Eis: Noch immer tauchen Forscher in unbekannte Welten ein – ein neues Buch heftet sich an ihre Spuren zwischen Südpol und Himalaya.

Forschen im ewigen Eis - Neumayer-Station III

Es gibt viele Orte auf der Welt, an denen Wissenschaftler ganz ähnlich wie zu Hause vor sich hin forschen können. Und einige wenige, an denen wirklich alles anders ist. Dass Hermann Kolanoski an einem solchen war, wird schon deutlich, wenn man ihn, ohne groß nachzudenken, fragt, wie kalt es nachts gewesen sei. Kurz hält er inne, vermutlich, um sich das Lachen zu verkneifen. Dann sagt er trocken: „Dort gibt es keine Nacht.“

Hermann Kolanoski ist Experimentalphysiker. Über Jahrzehnte führte er seine Experimente, die sich mit den kleinsten Teilchen des Universums beschäftigten, in Laboren in Deutschland und den USA durch. Und dann zog es ihn an einen Ort, der das Wort „Experimentalphysiker“ in ein ganz neues Licht rückt: Hermann Kolanoski siedelte in das ewige Eis um.

In eine Schlafkammer, in der das Schlafen schon wegen der Höhe von 3000 Meter über dem Meeresspiegel Mühe machte und in der es so trocken war, dass er um sich herum nasse Handtücher ausbreiten musste. Sein allererster Ausflug, der ihm prompt die erste körperliche Krise und das Einfliegen seiner medizinischen Unterlagen bescherte, führte ihn zu einer Sehenswürdigkeit, die auch in der kleiner gewordenen Welt noch sehr weit ab vom Schuss ist: zu der norwegischen Flagge, die sein Entdecker Roald Amundsen vor fast genau hundert Jahren am geografischen Südpol aufhängte.

Ameisenforschung in Tunesien

Am entlegensten Punkt der Antarktis erforschte der Berliner anhand von Detektoren, die mit Hilfe von viel heißem Wasser in zweieinhalb Kilometer Tiefe im Eis versenkt wurden, die Zusammensetzung von Teilchen aus dem Weltall – die sogenannte kosmische Strahlung. Der „Ice Cube“, mit dessen Hilfe Physiker die Geheimnisse des Universums erforschen, ist der größte und vermutlich wissenschaftlich faszinierendste Teilchendetektor der Welt.

Den Aufenthalt im Eis machte aber noch etwas aus: Mehr als vielleicht jemals zuvor konnte der Experimentalphysiker mit ganzer Kraft und allen Sinnen forschen. Den ganzen Tag stand er – als solcher hinter dunkler Brille und in Polarausrüstung kaum zu erkennen – an der frischen Luft und füllte die mit den Detektoren verbundenen Tanks an der Erdoberfläche mit gereinigtem Wasser. „Bei bis zu minus 40 Grad eine sehr spezielle Erfahrung“, erzählt er, „so nah habe ich mich dem Forscherdasein seit meiner Doktorarbeit nicht mehr gefühlt!“

Umgeben wurde Kolanoski dort unten nicht nur von seinem Team. Mehr als 250 Wissenschaftler nutzten den nur wenige Monate währenden Sommer in der Antarktis, um ihre Forschung voranzutreiben: Astronomen, Atmosphärenforscher und Meteorologen; begleitet von Köchen, Mechanikern und Bulldozer-Fahrern. Jeden Sonntag stellte eine der Wissenschaftler-Gruppen ihr Projekt vor; so gab es auch am Südpol ein bisschen Geselligkeit. Und Sport: Immer wieder zog es Kolanoski sonntags auf die Langlaufski zur nächsten Skihütte.

Wie es dem Teilchenphysiker am Südpol erging, kann man jetzt auch in einem Buch nachlesen: Unter dem Titel „Von der Lust am Unbekannten – Humboldts Erben auf Forschungsreisen“ hat Heike Zappe Geschichten – und großartige Bilder – moderner Forschungsreisender gesammelt. Auf 155 Seiten berichten Wissenschaftler der Humboldt-Universität von ihren einmaligen, manchmal auch regelmäßigen Reisen: unter Wasser oder in die Wüste, in den Himalaya oder den tropischen Regenwald. Sie alle erzählen in dem Buch ihre Geschichte selbst – nicht immer, aber doch häufig erfrischend lebendig.

Da schreibt der Zoologe Oliver Coleman, der im Taucheranzug „in allen Weltmeeren“ Tiere einsammelt, von denen die meisten Menschen nie gehört haben: Amphiboden, landläufiger: Flohkrebse. Der Verhaltensforscher Bernhard Ronacher beschreibt die unwahrscheinlichen Navigationskünste der Ameisen in Tunesien.

Toni Huber, ein Ethnologe, berichtet, wie er im Himalaya von einem Mitglied der kleinen autonomen Gesellschaften, die er erforschte, des Nachts in seiner Bambushütte heimgesucht wurde: „Ich will den Ausländer fertigmachen!“ Am Ende eines Kampfes, der kaum als wissenschaftlich bezeichnet werden kann, gelang ihm die Flucht: „Wir fliehen ins Dunkel der Nacht (...). Zitternd und mit rasendem Herzen finden wir schließlich Zuflucht im Haus eines Klanältesten.“

Doktorandenbetreuung im Eis

Zugegeben: Wer sich je in die Reiseberichte eines James Cook oder Charles Darwin vertiefte, mag eine gewisse Enttäuschung nicht verhehlen. Der Forscher von heute setzt keine Segel und studiert auch nicht den Sextanten. Er besteigt ein Flugzeug, den Laptop und das Mobiltelefon über sich im Gepäckfach verstaut. Egal, wo er ist – die Welt, aus der er kommt, holt ihn immer wieder ein. Auch am Südpol: Jeden Tag, erzählt Hermann Kolanoski, habe das Satellitentelefon geklingelt. „So mancher rief nur an, um mal mit dem Südpol zu sprechen.“ Und, schlimmer noch: Auch seine Doktoranden wollten von unterwegs betreut werden.

Was aber ist dann noch das Besondere an diesen sehr speziellen Erben Alexander von Humboldts? „An der Neugier, dem Drang, in freier Wildbahn vermeintliche Wahrheiten zu überprüfen, hat sich nichts geändert. Da ist es doch sehr schade, dass man seit dem 19. Jahrhundert nichts mehr hört von all jenen, die sich wissenschaftlichen Expeditionen widmen“, sagt Heike Zappe. Tatsächlich bietet das Buch mit dem treffenden Titel „Die Lust am Unbekannten“ noch eine Chance: Der romantisierenden Sicht auf das abenteuerliche Forscherleben eine neue Dimension hinzuzufügen. Und festzustellen: Außergewöhnlich bleibt es doch.

Autor:  Jeannette Goddar
Datum:  8 | 4 | 2011
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