Studium

27. Oktober 2011

US-Studenten sitzen auf Schuldenberg: "Ich habe meine Familie ruiniert"

 Von Tino Brömme
Freude über den Abschluss. Hoffentlich winkt auch ein Job.  Foto: Reuters

Studieren in USA ist teuer: In diesem Jahr erreicht die Neuverschuldung der Studenten einen traurigen Rekord mit 100 Milliarden Dollar.

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Eine Billion

Die Studienschulden der US-amerikanischen Studenten sollen bis Ende 2011 auf eine Billion Dollar (1 150 Milliarden Euro) wachsen. Im Schnitt ist jeder mit 60 000 bis 80 000 Dollar verschuldet.
Private Bildungsanbieter drängen junge Leute zu teuren Ausbildungen. Gewinne ziehen sie aus Stipendien und bezuschussten Krediten. Universitäten erhöhen Studiengebühren. Wegen des Jobmangels kann jeder Dritte seine Kredite nicht mehr zurückzahlen.

Das Schuldendrama amerikanischer Studenten spitzt sich weiter zu. Die Neuverschuldung von Studierenden hat in diesem Jahr einen Rekord erreicht: 100 Milliarden Dollar. Das heißt die verzweifelte Hoffnung auf einen Job mit Hochschultitel ist immer noch größer als die Furcht vor lebenslangen Schulden und vor Privatinsolvenz.

„Ich habe 75.000 Dollar Schulden und werde in Kürze zahlungsunfähig sein. Der Mitunterzeichner (meines Studiendarlehens), mein Vater, wird ebenfalls zahlungsunfähig. Ich habe meine Familie ruiniert, weil ich meinen sozialen Status verbessern wollte“, heißt es in einem der letzten Einträge auf der 99percent-Webseite.

Klagen gegen Konzerne

Diese Webseite ist eine der Quellen, die die Occupy-Wall-Street-Bewegung inspiriert haben. Die Protestbewegung hat jetzt auch das Thema der exorbitanten Studienschulden aufgegriffen. Eine Billion Dollar werde es zum Jahresende sein, meldete die New York Times.

Die liberale Interessengruppe Moveon.org hat das Anliegen der Protestbewegung aufgegriffen und eine Petition lanciert, die den Erlass „aller“ Studienschulden in den Vereinigten Staaten fordert. Die Befreiung der Schuldner von ihrem Mühlstein würde mehr für die amerikanische Wirtschaft tun, meint Move-on-Mitglied Robert Applebaum, als Steuererlasse für die Reichen.

Doch man kennt die Verantwortlichen längst. Es ist vor allem die private Bildungsindustrie der USA, repräsentiert durch eine Handvoll großer Konzerne, Apollo, EMC, ITT oder Coco, deren Gewinne besonders in der Finanzkrise 2008 herrlich gewachsen sind. Erfolg gilt in den USA als nichts Schlechtes. Dass aber die privaten Bildungsfirmen die höchsten Raten der Kreditausfälle und der Studienabbrecher haben, kommt nicht gut an. Wenn zunehmend auch Kriegsveteranen, deren Studiengebühren wie bei bedürftigen College-Abgängern subventioniert werden, darüber klagen, dass die Abschlüsse nichts wert sind, wird patriotische Wut wach. Viele Bundesstaaten, zuletzt Minnesota, klagen inzwischen gegen die Bildungskonzerne wegen unlauterer Abwerbepraktiken und der Erschleichung öffentlicher Mittel. Whistleblower aus der Branche haben offengelegt, wie Studieninteressenten um jeden Preis zur Unterschrift bewogen und – was verboten ist – Erfolgsprämien gezahlt werden. Ein neues Bundesgesetz gegen solche Praktiken und wachsender Druck der öffentlichen Meinung auf die Konzerne haben jetzt, im Herbst, endlich dazu geführt, dass die Großen der Branche Zugeständnisse machen mussten.

Sie haben eingewilligt, sich neuen Regeln und Kontrollmechanismen zu unterwerfen. Dazu gehört eine kostenlose 21-tägige Probezeit für Studenten und die Verpflichtung zur besseren Schulung der Berufs- und Finanzberater. Außerdem müssen die Firmen offenlegen, was die Studienprogramme kosten und wie hoch die Abbrecherquoten und Zahlungsausfälle sind. Eine unabhängige Einrichtung soll über die Einhaltung der Regeln wachen.

Spitzengewinne

Doch der Leviathan wird sich so leicht nicht bändigen lassen. Zwar fallen die Aktien bei der gegenwärtigen Missstimmung und auch die Einschreibezahlen sind eingebrochen. Die Apollo Group, der größte amerikanische Bildungskonzern, meldete dennoch 188 Millionen Dollar Gewinn in diesem Quartal – das Vierfache gegenüber dem Vorjahr und „weit über Wall Streets Erwartungen“. „Wir freuen uns über unseren Erfolg“, sagte Apollo-Chefmanager Chas Edelstein, „und entwickeln unsere Pläne weiter, Bildung und Karriere enger zu verknüpfen.“

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