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Stuttgart 21: „Liebe Leute, das hat so keinen Sinn“

Die erste öffentliche Schlichtung zu Stuttgart 21 zeigt: Die Tücke liegt in den Details – und zwar in allen. Es geht schnell zu, Zwischenrufe stören die Redner, bis sich Geißler selbst nicht mehr zurückhält. Ministerpräsident Stefan Mappus verabschiedet sich gar, ohne nur ein Wort gesagt zu haben.

Heiner Geißler (l, CDU), der Schlichter im Stuttgart 21-Streit, begrüßt vor dem Beginn der ersten Schlichtungsgespräche den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (r, CDU).
Heiner Geißler (l, CDU), der Schlichter im Stuttgart 21-Streit, begrüßt vor dem Beginn der ersten Schlichtungsgespräche den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (r, CDU).
Foto: dpa
Stuttgart –  

Es ist schwer. Für alle. Heiner Geißler mahnt für die „Menschen an den Bildschirmen“, die Runde möge doch bitte ihre Wortwahl bedenken. „Keine Predigten, keine Glaubensbekenntnisse, kein historisches Seminar.“ Hier gelte nicht, je komplizierter die Sätze sind, desto mehr Eindruck schinden sie. „Keine Kürzel, kein Englisch und Latein, nur wenn es notwendig ist.“

Die Runde nickt. Doch nicht alle halten sich daran. Vor allem mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne), dem Politiker, geht öfter mal der Gaul durch. „Rügen Sie mich, Herr Doktor Geißler, wenn ich polemisch werde“, meint er noch. Palmer nennt Zahlen der Bahn „reine Projektion“ und attestiert ihr rein ironisch ein „schönes Gutachten“.

Stuttgart 21
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.
Foto: dpa

Erste Pläne für eine Verlegung des Stuttgarter Kopfbahnhofs unter die Erde wurden im April 1994 vorgestellt. Seit Februar 2010 laufen die Bauarbeiten - und die Proteste sind eskaliert. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

„Wir reden ausschließlich zur Sache“, fordert Geißler. Doch er selbst provoziert mit kleinen Erfahrungsberichten, etwa als es um Weichen geht: „Da rumpelt’s gewaltig, wenn jemand auf der Toilette ist, haut’s ihn runter.“

Im Ratssaal, wohin die Debatten auf Großleinwand übertragen werden, kommt Geißler gut an. Die Zuschauer klatschen und amüsieren sich prächtig. Das Thema ist trocken genug.

Palmer, der durchaus reif seine Argumentation vorträgt, will wie Werner Wölfle (Grüne) oder Peter Conradi (SPD) in der Sache streiten: „Entweder Sie widerlegen, dass es mit Stuttgart 21 mehr Engpässe gibt als heute“, oder die Projektträger müssten ihre Position räumen. Immer wieder die drängende Frage: „Trifft es zu oder nicht?“

Die Gegner präsentieren eine Folie, die zeigt, wie viele Züge im Regionalverkehr nach dem Bau von S 21 zwischen sieben und acht Uhr verkehren können. Ein Knäuel mit neun Pfeilen: Sachsenheim ein Zug weniger, Heilbronn ebenso, Schwäbisch Hall zwei weniger. Es geht ans Eingemachte. Das Problem der „Durchbindung“ wird erörtert, die Durchmesserlinie“ und die „Stumpfgleise“.

Ein Thema für Feinschmecker

15 Jahre haben sie sich eingelesen in die Thematik, Pläne gewälzt, Taktfahrpläne studiert, das „Modell Schweiz“ analysiert. Gangolf Stocker von der Initiative „Leben in Stuttgart“ stöhnt in Richtung Bahn-Vorstand. „Sie kennen den Stuttgarter Bahnknoten nicht, Herr Kefer.“ „Wie oft muss ich das noch sagen, dass es in Stuttgart dreistöckig rein- und rausgeht.“

Volker Kefer hatte in einem 20-minütigen Power-Point-Vortrag die Haltung der Bahn referiert. „Eine Frechheit war das“, ereifert sich ein Gegner. Kefer tat dies mit großer Managerroutine und im samtenen Managerton. So wie er wehrt sich auch Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) gegen Versuche der Gegner, den Trägern „alles abzusprechen“.

Es geht in dieser Premiere um die Frage: Was ist leistungsfähiger: der Kopfbahnhof oder der Tiefbahnhof? Rede, Gegenrede, Zahlen, Gegenzahlen. Es geht schnell zu, Zwischenrufe stören die Redner, bis sich Geißler selbst nicht mehr zurückhält: „Liebe Leute, das hat so keinen Sinn.“

Auf diesem Podium schweigt ausgerechnet einer der wichtigsten Protagonisten: Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) verabschiedet sich, ohne nur ein Wort gesagt zu haben, zur Koalitionsrunde mit der FDP. Nach der Pause mit vegetarischen Tortellini und Kalbsgulasch mit handgeschabten Spätzle steigern sich die Fachleute so weit ins Kleinklein, dass Geißler um 14.45 Uhr dazwischengeht: „Lassen Sie mich mal leiten, wir kommen sonst zu keinem Ende.“ Er mahnt um 15 Uhr, er mahnt um 15.30 Uhr.

Volkshochschule für alle

Mehrfach unterbricht Geißler Dagmar Starke von der Nahverkehrsgesellschaft NVBW, sie solle das Fachchinesisch weglassen. „Ich bin Anwalt der Leute, die zugucken.“ Tanja Gönner fällt Geißler scharf ins Wort: Es sei auch und gerade durch den Vortrag Boris Palmers „viel hineingekommen an Fachlichkeit“.

Es ist das große Dilemma der öffentlichen Schlichtung: Eine Überplanung des Bahnknotens ist komplex. Also wird die Öffentlichkeit in einer Art Volkshochschule zum Experten.

60 Medien sind an diesem Freitag akkreditiert, acht TV-Sender. Von den Filmemacherinnen, die sich „Brot und Böller“ nennen, bis hin zu ARD und ZDF. Als die 14 Hauptakteure und ihre Sachverständigen um zehn Uhr morgens erscheinen, Brezeln und Kaffee holen, herrscht Hektik im Rathaus. Als Frau Starke um 16 Uhr „Liniendurchbindungen im Regionalverkehr mit Stuttgart 21“ erklärt, haben sich die Reihen gelichtet. Auf diesen Vortrag warte er seit zehn Jahren, sagt der Grüne Boris Palmer. So viel Eifer ist bei den Zuschauern beim Public Viewing nicht anzutreffen.

Doch grundsätzlich: Zwei Frauen geben „Flügel.TV“, dem Fernsehen der Projektgegner, ein Interview: Es sei „unglaublich wichtig, dass so etwas wie die Geißler’sche Schlichtung Schule macht“. Dann werde die Planung eine andere.

Autor:  Gabriele Renz
Datum:  22 | 10 | 2010
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Stuttgart 21

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Der Bahnhofs-Abriss und die Proteste rund um das Projekt Stuttgart 21


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