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Stuttgart 21: Von Stresstest bis Baumschutz

Unsere FR-Autoren erklären die Details von Heiner Geißlers Schlichtungsspruch in Stuttgart und die Folgen für das Bahn-Projekt. Und sie gehen der Frage nach, ob nun alles noch teurer wird, wenn Dutzende Bäume im Schlosspark umgepflanzt werden.

Im Stuttgarter Stadtpark haben Gegner von Stuttgart 21 die zu fällenden Bäume mit diversen Utensilien geschmückt.
Im Stuttgarter Stadtpark haben Gegner von Stuttgart 21 die zu fällenden Bäume mit diversen Utensilien geschmückt.
Foto: Alex Kraus

Wie funktioniert ein Stresstest für den Stuttgarter Tiefbahnhof?

Der Stresstest ist begrifflich nicht zufällig der Bankenkrise entlehnt, er soll prüfen, was im Fall der Fälle geschieht. Ging es bei den Banken um die Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten, geht es nun um die Leistungsfähigkeit von Stuttgart 21. Nach dem Schlichtungsspruch von Heiner Geißler soll die Bahn nachweisen, dass der geplante Tiefbahnhof zu Spitzenzeiten um 30 Prozent leistungsfähiger sein wird als der alte Kopfbahnhof.

Der Schlichterspruch

Heiner Geißlers Schlichterspruch Stuttgart 21 Plus im Original.

Für eine solche Simulation muss am Computer eine Trassenkonstruktion angelegt und ein Fahrplan auf Basis des für das Jahr 2020 erwarteten Verkehrsaufkommens entworfen werden. Berücksichtigt werden müssen zudem Standzeiten der Züge im Bahnhof, Verspätungen und wartende Anschlusszüge. Nach Angaben von Bahn-Vorstand Volker Kefer ist mit einem Ergebnis nicht vor Mitte 2011 zu rechnen.

Ruht so lange der Bau von S21?

Das forderte am Mittwoch Grünen-Chef Cem Özdemir. Die Bahn sieht keinen Grund, den bereits seit sechs Wochen andauernden Baustopp nun zu verlängern. Sie will etwa Arbeiten an der Grundwasserregulierung wieder aufnehmen und ein unterirdisches Technikgebäude bauen.

Fällt der Stresstest negativ aus, werden dann mehr Gleise gebaut?

So sieht es der nicht bindende Schlichtungsspruch vor. Nach Geißlers Vorschlag soll es gegebenenfalls ein neuntes und zehntes Gleis geben. Landesverkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) glaubt aber nicht daran und nahm am Mittwoch schon einmal das Ergebnis vorweg. Die mit der Simulation beauftragte Schweizer Firma SMA, die europaweit als führend für die Entwicklung von Eisenbahn-Fahrplänen gilt, „hat bereits gesagt, sie sehen nicht das neunte und zehnte Gleis als notwendig an“, sagte Gönner dem Deutschlandfunk. Sie rechne daher mit vertretbaren Mehrkosten bis 170 Millionen Euro.

Wie wirken sich die von Geißler geforderten Verbesserungen bei Verkehrssicherheit und Feuerschutz aus?

Vergleichsweise gering. Die Bahn muss bei Zugängen und Fluchtwegen des Tiefbahnhofs nachbessern, was sie bereits zugesagt hat. So soll S21 behindertengerecht und barrierefrei werden, was bislang nicht ausreichend der Fall war. Dabei geht es vor allem um Rampen und Fahrstühle. Auch beim Feuerschutz muss die Bahn nacharbeiten – etwa mit mehr Zugängen für die Feuerwehr.

Wie kann eine Stiftung die freiwerdenden Grundstücke vor Immobilienspekulation schützen?

Indem die Ziele einer künftigen Bebauung auf dem freiwerdenden Areal als Stiftungszweck festgeschrieben werden. Eine entsprechende Vorlage will der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster am heutigen Donnerstag in den Gemeinderat einbringen, wie sein Sprecher erklärte. So solle die Entwicklung des neuen Stadtviertels Rosenstein unter Einbeziehung der Bürger und nach sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten geschützt werden vor wechselnden Mehrheiten. Es geht um eine Fläche von 100 Hektar, die der Stadt bereits gehören.

Sinken damit die Einnahmen für S21?

Für Kritiker war das Projekt von Anfang an eine einzige große Immobilienspekulation. Die Stadt weist das zurück. Man habe die Grundstücke bewusst gekauft, um Spekulationen zu verhindern, so OB Schuster, es sei nie darum gegangen, Geld zu verdienen. Deshalb mache es Sinn, die Grundstücke in eine gemeinnützige städtische Stiftung unter Kontrolle des Gemeinderats und unter Beteiligung der Bürger zu geben. Ziele der Stiftung könnten nur mit Dreiviertelmehrheit des Gemeinderats geändert werden.

Werden nun sämtliche Bäume im Schlossgarten umgepflanzt?

Zumindest wenn sie gesund sind und im Weg stehen, kranke Bäume dürfen gefällt werden. Es geht um etwa 250 Bäume. Wie viele davon umgepflanzt werden müssen, ist noch unklar, ebenso die Kosten. Bei Bäumen mit einem Stammumfang von maximal 1,40 Metern sind pro Baum Kosten von bis 3500 Euro zu kalkulieren, sagt Bernd Zöller, Geschäftsführer der Europäischen Großbaumgesellschaft. „Bis zu dieser Größe können wir Bäume recht problemlos mit der Maschine umpflanzen. Wenn sie größer werden, wird es schwierig.“

Zöller ist skeptisch, was jene Bäume im Schlosspark angeht, die 100 oder gar 200 Jahre alt sind. Kosten von mindestens 20000 bis 30000 Euro fielen an. Fachleute aus Stuttgart kalkulieren mit Kosten von 60000 bis 100000 Euro pro Baum. „Das liegt daran, dass man bei einem Stammumfang von 4,5 Metern einen Ballen von zehn Meter Größe im Durchmesser per Hand ausgraben müsste. Den Baum müsste man dann mit einem riesigen Autokran umsetzen.“

Reicht dafür überhaupt die Zeit?

Eher nicht. Nach Angaben der Bahn werden erste Flächen, auf denen Bäume stehen, schon demnächst benötigt. Tatsächlich, erklärt Zöller, müsse man aber bei großen Bäumen eigentlich zwei Jahre vorher mit den Vorbereitungen beginnen, um einen schützenden Wurzelvorhang zu bilden. Diese Zeit hat die Bahn aber nicht.

Autor:  Frauke Haß und Felix Helbig
Datum:  2 | 12 | 2010
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