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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

13. Juni 2013

"Tatort"-Darsteller in Syrien: Liefers kehrt entsetzt aus Syrien zurück

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"Ist Nichtstun wirklich besser?“, fragt Schauspieler Jan Josef Liefers mit Blick auf Syrien - seine Antwort: Nein.  Foto: dpa

93.000 Tote zählen die UN inzwischen in Syrien. Als erster westlicher Prominenter besucht Schauspieler Jan Josef Liefers die umkämpfte Stadt Aleppo: „Ich habe grausame Bilder von verwundeten Kindern und Zivilisten, von zerbombten Kliniken und Schulen gesehen". Der "Tatort"-Darsteller ist überzeugt: Der Westen muss eingreifen - auch militärisch.

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Als Jan Josef Liefers nur zwei Stunden nach seiner Rückkehr am Dienstagnachmittag zum ersten Mal über seine Kurzreise nach Syrien spricht, ist ihm anzumerken: Er hat gerade zwei aufwühlende, aber auch die gefährlichsten Tage seines Lebens hinter sich. Als erster westlicher Prominenter überhaupt hat der Schauspieler die umkämpfte Stadt Aleppo mitten im syrischen Bürgerkrieg besucht. Um sich ein Bild zu machen – und dann Deutschland aufzurütteln, sagt er.

„Ich habe grausame Bilder von verwundeten Kindern und Zivilisten, von zerbombten Kliniken und Schulen gesehen und mich gefragt: Ist die Lage tatsächlich zu komplex, um das zu stoppen? Ist Nichtstun wirklich besser?“ Gemeinsam mit dem Chef der Berliner Charity-Stiftung Cinema For Peace, Jaka Bizilj, und einem Aktivisten der Hilfsorganisation Human Plus besuchte Liefers zerbombte Städte im Kriegsgebiet, Flüchtlingslager und war beeindruckt davon, wie die Menschen in Aleppo einen Alltag organisieren. „Sogar die Müllabfuhr funktioniert!“ Mehrfach sei es zu Gefechten in der Nähe ihrer Reiseroute gekommen, einmal sogar zu einem Bombeneinschlag nahe dem Flüchtlingslager, das sie gerade besuchten.

„Ganz normale Menschen“

Aufgrund der Eindrücke sei er sich sicher: Der Westen muss schnellstens eingreifen – humanitär, aber auch militärisch. „Ich habe mit vielen, vielen Menschen gesprochen, mit Kämpfern, Ärzten und Flüchtlingen“, erzählt der 48-jährige Familienvater. Dabei habe sich das Bild zerschlagen, es kämpften Islamisten gegeneinander und gegen den Staat. „Das sind ganz normale Menschen, sie sind gebildet, teilen westliche Werte und fingen an, friedlich gegen das korruptes Regime zu protestieren. Die ersten Demonstrationen haben an die von 1989 in der DDR erinnert“, sagt der gebürtige Dresdner. Erst durch den „Staatsterror“ des Machthabers Baschar al-Assad sei die Lage eskaliert. „Der Westen hat gezögert, einzugreifen, um einen Flächenbrand und die Radikalisierung der Kämpfer zu verhindern – und dadurch genau das erreicht.“

Noch seien die Radikalen ein Fremdkörper. Der Westen müsse schnell medizinisch und humanitär helfen, aber auch durch eine Flugverbotszone die tödlichen Angriffe auf die Bevölkerung stoppen. Dass daraus ein Dauerkrieg wie in Afghanistan würde, glaubt Liefers nicht: Noch gebe es eine westlich orientierte Mittelschicht, die Demokratie und sichere Strukturen wolle. Ohne schnelle Hilfe seien diese Menschen aber bald weg.

Cinema For Peace will nun erreichen, dass Liefers Außenminister Guido Westerwelle oder den Außenpolitik-Experten im Kanzleramt von seinen Erlebnisse und Gespräche in Syrien spricht. Er gehört zu den bekanntesten deutschen Schauspielern, als „Tatort“-Ermittler erreichte er jüngst die Rekordquote von 13 Millionen Zuschauern. Es kann gut sein, dass die Bundesregierung das Gesprächangebot nicht ausschlagen mag. Zumindest dürften aber viele Liefers-Fans, die sich sonst nicht so für Außenpolitik interessieren, nach Syrien blicken.

UN zählen 93.000 Tote im Bürgerkrieg

Die Vereinten Nationen veröffentlichen derweil neue, erschreckende Zahlen: Im syrischen Bürgerkrieg sind demnach bis Ende April mindestens 93.000 Menschen getötet worden. Neben diesen belegten Todesfällen gebe es eine potenziell erheblich höhere Dunkelziffer, erklärte das Menschenrechtsbüro der Weltorganisation am Donnerstag in Genf. Seit Juli 2012 seien im Monatsdurchschnitt mehr als 5000 Menschen zu Tode gekommen. Die meisten Opfer seien seit November im Umland der Hauptstadt Damaskus und in der Millionen-Metropole Aleppo gezählt worden.
Die extrem hohen monatlichen Totenzahlen seien Ausdruck der drastischen Verschärfung des Bürgerkriegs, erklärte die UN-Menschenrechtsbeauftragte Navi Pillay. Es gebe gut belegte Fälle von Folter und Tötung von Kindern sowie von Massakern an ganzen Familien einschließlich Babys. "Das ist eine schreckliche Erinnerung, wie teuflisch dieser Konflikt geworden ist", erklärte Pillay.

Mitte Mai hatten die UN die Zahl der Kriegsopfer mit 80.000 angegeben. Die jüngste Zählung speist sich aus acht Quellen. Darunter sind Angaben der syrischen Regierung wie auch der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die der Opposition nahesteht. Die Liste der UN führt nur Tote auf, deren Namen und Sterbeorte bekannt sind. (mit dpa)

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