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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

15. März 2014

Bürgerkrieg Syrien: Hunger als Waffe

 Von 
Kinder durchsuchen Haustrümmer nach Brauchbarem.  Foto: rtr

Medico-Referent Martin Glasenapp spricht im Interview über die teilweise katastrophale Lage im bürgerkriegsgeplagten Syrien. Beeindruckt zeigt sich Glasenapp von der Solidarität des Volkes: Die syrische Bürgergesellschaft sei die effektivste Hilfsorganisation.

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Herr Glasenapp, in den vergangenen Tagen haben Hilfsorganisationen alarmierende Berichte über die Lage in Syrien veröffentlicht. Sie selbst sind immer wieder in der Region unterwegs. Was haben Sie beobachtet?

Dieser Bürgerkrieg ist in eine neue Phase getreten. Täglich gibt es 150 bis 200 Tote. Rund 200.000 Menschen sind von der Versorgung ausgeschlossen, in Teilen von Damaskus oder Aleppo zum Beispiel. Das Regime setzt vermehrt Hunger als Waffe ein, um rebellische Stadtteile zu unterwerfen. In Jarmuk, einem palästinensischen Stadtviertel in Damaskus, sind mehr als 30 Menschen verhungert oder an Auszehrung gestorben. Auch für die Kinder ist die Situation katastrophal.

Zur Person

Martin Glasenapp ist Syrien-Referent der Hilfsorganisation Medico International. Infos: www.medico.de/syrien

Worunter leidet das Volk am meisten?

Unter dem Hunger in den eingeschlossenen Stadtvierteln, aber natürlich auch unter den fortlaufenden Kämpfen und vor allem den berüchtigten Fassbomben. Die werden von Hubschraubern abgeworfen und zerstören ganze Straßenzüge. Die Fässer, die mit Sprengstoff und Schrapnellen gefüllt sind, sollen möglichst viele Menschen töten. Sie verursachen furchtbare Verletzungen.

Wie sieht die medizinische Versorgung aus?

In den umkämpften Gebieten funktionieren die Krankenhäuser nicht. Es gibt kein Verbandsmaterial, es gibt überhaupt nichts mehr. Viele Menschen werden mit Notoperationen irgendwie am Leben gehalten. Weil es kein medizinisches Gerät mehr gibt, wird häufig gleich amputiert. Und chronische Krankheiten werden dort schon gar nicht mehr behandelt.

Was kann die internationale Gemeinschaft für die Eingeschlossenen tun?

Man muss versuchen, Zugang zu diesen Stadtteilen zu bekommen. Die Belagerung muss aufhören. Hunger als Kriegswaffe gegen Zivilisten einzusetzen, ist völkerrechtswidrig und nicht akzeptabel. Zugleich muss man wieder verhandeln, und zwar mit allen Akteuren, auch mit dem Iran. Das ist in Genf nicht passiert. Ganz offensichtlich kann dieser Krieg, der jetzt in sein viertes Jahr geht, nur politisch gelöst werden. Es kann niemand gewinnen.

Wie ist die Stimmung, herrschen grenzenlose Hoffnungslosigkeit und Resignation?

Es herrscht große Depression. Das hören wir immer wieder von unseren lokalen Partnern. Die Bevölkerung ist enttäuscht darüber, dass die internationale Gemeinschaft untätig ist, und darüber, wie sich der demokratische Aufbruch militarisiert hat. Das eigene Land wird zerstört, neun Millionen Syrer sind auf der Flucht. Das sind apokalyptische Zahlen für ein Land mit 23 Millionen Einwohnern. Jetzt geht es darum, zu retten, was noch zu retten ist. Und darum, dass das, was das syrische Gemeinwesen war – multikonfessionell und multiethnisch – nicht völlig zerstört wird. Aus dieser Verzweiflung heraus würde manch demokratischer Aktivist der ersten Stunde jetzt sogar einen Präsidenten Assad für gewisse Zeit noch in Kauf nehmen, wenn das Töten endlich aufhören würde.

Was für unabhängige Beobachter sind denn noch in Syrien?

Nur sehr wenige westliche Medien sind noch dort, und da muss man sich auch immer fragen, wie sie unterwegs sind. Es gibt die, die über ein Visum offiziell akkreditiert sind und in den von der Regierung kontrollierten Gebieten arbeiten; sie sind nur bedingt frei. Außerdem gibt es Journalisten, die aus den oppositionellen Gebieten berichten. Das ist aber auch sehr gefährlich geworden. Nicht nur, weil sie ins Kreuzfeuer geraten können, sondern weil radikalreligiöse Milizen Jagd auf Ausländer machen. Sie werden als Geiseln genommen und als politisches Druckmittel eingesetzt. Syrien ist das Land, in dem im vergangenen Jahr die meisten Journalisten getötet wurden.

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Hilfsorganisationen sind noch dort?

Ja, aber nur in Gegenden, wo man sich einigermaßen bewegen kann. Westliche Helfer sind sehr selten vor Ort. Wir arbeiten bewusst mit lokalen Partnern, denn nur sie können beurteilen, was wirklich gebraucht wird, und kennen die Verhältnisse. Die größte und effektivste Hilfsorganisation ist aber die syrische Bürgergesellschaft selbst. Es ist sehr beeindruckend, wie die Flüchtlinge überall aufgenommen werden. Über die Konfessionen hinweg gibt es sehr viel Solidarität. Die Menschen bemühen sich, Lebensmittelpakete zu packen und Medikamente zu organisieren. Das ist bemerkenswert, weil diese syrische Bürgergesellschaft ja aus einem 40-jährigen Schlaf erwacht ist. Unter diesen schrecklichen Bedingungen organisiert sie sich jetzt, um die Prinzipien, für die sie aufgestanden ist, auch in der Praxis umzusetzen.

Interview: Sabine Hamacher

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