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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

19. Oktober 2015

Christen in Syrien: Lieber Assad als der IS

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In einer Kirche im Norden Syriens haben Christen Zuflucht gefunden, viele Angehörige sind in den Händen von Terroristen.  Foto: Reuters

Syrische Christen unterstützen die Regierung Assad, da diese Christen und Minderheiten tolerieren würde. Putins Militärintervention gegen den IS wird als große Rettungsaktion gesehen. Bei westlichen Christen rufen derlei Aussagen große Verwirrung hervor.

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Immer seltener melden sich die christlichen Oberhäupter Syriens zu der Tragödie ihres Landes zu Wort. Umso markanter kürzlich der Auftritt des melkitisch-katholischen Erzbischofes von Aleppo, Jean-Clément Jeanbart, im Schweizer Fernsehen. „Die russische Militärintervention gibt den Christen Syriens neue Hoffnung“, erklärte der Geistliche bei einem Besuch in Genf. „Wladimir Putin hilft der Sache der Christen, er hilft ihnen heraus aus einer unentwirrbaren Situation.“ Durch Moskau bekomme der Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) endlich absolute Priorität.

Der streitbare Oberhirte, der dem Assad-Regime stets positiv gegenüberstand, gilt auf internationalem Parkett als einer der führenden Vertreter der zwei Millionen syrischen Christen, von denen bisher 450.000 aus ihrer Heimat geflohen sind. Seine melkitisch-katholische Kirche ist mit dem Vatikan vereinigt. Die Residenz des Erzbischofs im Christenviertel von Aleppo wurde 2012 geplündert und zerstört. Trotzdem lebt der 72-Jährige weiterhin in seiner Geburtsstadt, die heute zwischen Rebellen und Regierungstruppen aufgeteilt ist. „Hier ist mein Platz“, sagt der Kleriker, der mit seinen Ansichten zu Assad unter den Kirchenführern Syriens und Libanons keineswegs alleine steht.

Westliche Christen sind irritiert

In westlichen Kirchenkreisen dagegen sorgen solche Äußerungen regelmäßig für Irritationen. Auf einer Veranstaltung der Katholischen Akademie in Hamburg kam es vor drei Jahren sogar zu offenen Tumulten, als der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo, Mor Gregorios Yohanna Ibrahim, erklärte, die Christen und andere Minderheiten würden von der Regierung Assad toleriert und nicht verfolgt. „Ich bezweifle, dass mir irgendjemand ein Beispiel für ein Land nennen kann, in dem eine größere religiöse Toleranz herrscht als in Syrien“, erklärte der Oberhirte, der kurz danach in seiner Heimat entführt wurde und seitdem verschwunden ist. Sein melkitisch-katholischer Amtsbruder Jeanbart fordert bis heute, Assad müsse die Chance bekommen, seinen Willen zu Reformen zu beweisen.

Ähnlich äußerten sich der chaldäisch-katholische Bischof von Aleppo, der Jesuit Antoine Audo, der melkitisch-katholische Patriarch in Damaskus, Gregorios III Laham, sowie der maronitische Patriarch Bechara el-Rai im Libanon. Das Baath-System sei ohne Zweifel ein extremes und diktatorisches Regime, aber das seien viele andere in der arabischen Welt auch, argumentierte Rai. Syriens Christen unterstützten nicht das Assad-Regime, „aber wir haben Angst vor dem, was danach kommt.“

Säkulare Regierung erwünscht

Als warnendes Beispiel galt den syrischen Christen der Massenexodus ihrer irakischen Mitgläubigen zuerst nach dem Sturz des Despoten Saddam Hussein und zehn Jahre später nach der Eroberung von Mosul durch die Terrormiliz IS. In Ägypten eskalierten nach dem Ende von Hosni Mubarak die Gewalttaten zwischen koptischen Christen und radikalen Islamisten derart, dass der koptische Papst Tawadros II. mittlerweile offen mit dem Militärregime von Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al-Sissi paktiert.


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In Syrien machen die Terroristen des IS ebenfalls Jagd auf religiöse Minderheiten. Die mächtige, von Saudi-Arabien, Türkei und Qatar unterstützte „Islamische Eroberungsarmee“, die zu Al Qaida gehört, denunziert Christen als Ungläubige und Gotteslästerer. Und so betrachtet das von Extremisten hart bedrängte syrische Kirchenvolk Diktator Assad trotz seiner schweren Verbrechen und der 250 000 Bürgerkriegstoten nach wie vor als das kleinere Übel. „Wir wollen eine Regierung, die alle Religionen anerkennt. Wir wollen eine säkulare Regierung – egal ob mit Assad oder jemand anderem“, erklärte Aleppos Erzbischof Jean-Clément Jeanbart im Gespräch mit dem Webmagazin „Crux“ in Boston. „Wenn wir aber zwischen IS und Assad wählen müssen, dann wählen wir Assad.“

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