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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

08. April 2015

Flüchtlinge in Jarmuk: In der Hölle des Syrien-Konfliktes

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Zerstörung, wohin das Auge blickt: das Flüchtlingslager Jarmuk nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus.  Foto: afp

Milizen der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) wüten im Flüchtlingslager Jarmuk nahe der Hauptstadt Damaskus. Dort sind mehrheitlich palästinensische Flüchtlinge untergebracht. Viele von ihnen müssen nun erneut fliehen.

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Bomben, Hungersnöte, Todesangst und Gewalt prägen seit zwei Jahren den Belagerungsalltag in Jarmuk, einst das größte palästinensische Flüchtlingslager in Syrien. Doch seitdem die Terrortruppen des „Islamischen Staats“ (IS) vor einer Woche weite Teile des gut zwei Quadratkilometer großen Camps bei Damaskus eingenommen haben, muss die Lage für die verbliebenen 18 000 Bewohner (rund ein Zehntel der früheren Bevölkerung in Jarmuk) eine Vorstufe zur Hölle sein. Als „jenseits von unmenschlich“ beschrieb Christopher Gunness, Sprecher der palästinensischen UN-Flüchtlingshilfe in Jerusalem, jetzt die Situation der Zivilisten in Jarmuk.

Die ohnehin schlechte Versorgungslage ist ganz zusammengebrochen. Was bedeutet, so Gunness, „dass es kein Essen mehr gibt, kein Wasser und sehr wenig Medizin“. Zudem wird von Geiselnahmen, Enthauptungen und Massentötungen berichtet. Etwa 2000 Menschen soll es noch gelungen sein, aus dem Lager zu fliehen. Aber die Zurückgebliebenen, darunter 3500 Kinder, sind eingeschlossen mitten in erbitterten Kämpfen zwischen rivalisierenden Milizen.

Leichen auf der Straße

IS-Militante sollen bis zu 90 Prozent des verwüsteten Lagers kontrollieren. Ihre Scharfschützen hätten Stellung auf Dächern bezogen. Derweil warfen Kampfhubschrauber des Assad-Regimes nach Informationen der Syrischen Beobachtergruppe für Menschenrechte mehrmals Fassbomben auf das Lager ab. Laut palästinensischen Informationen sollen viele Leichen auf den Straßen liegen, die bislang nicht geborgen werden konnten.

Die Radikalislamisten von Al-Nusra, die zu Al-Kaida gerechnet werden, mischen ebenfalls in Jarmuk mit, wohin seit Bürgerkriegsbeginn auch Syrer vor der Armee von Baschar al-Assad geflüchtet waren. Al-Nusra und IS sind eigentlich verfeindet, in diesem Fall aber scheinen sie zu paktieren. Vermutlich will der Islamische Staat das Lager Jarmuk erobern, so wie es ihm offenbar bereits mit einem Nachbarviertel gelungen ist, um ein Emirat im Großraum Damaskus auszurufen.

Eine der islamistischen Hamas unterstehende Palästinensergruppe namens Aknaf Beit al-Makdis hat sich wiederum gemeinsam mit Rebellen der Freien Syrischen Armee dem IS-Vormarsch entgegen gestellt.

Hamas-Kämpfer geköpft

Mindestens zwei dieser Hamas-Kämpfer wurden geköpft, ihre Häupter online zur Schau gestellt. Aufgebracht demonstrierten deshalb Palästinenser vor dem UN-Hauptquartier in Gaza-City und schworen Rache.

Auch die PLO (Palästinensische Befreiungsfront) appellierte an die Vereinten Nationen, das Internationale Rote Kreuz sowie die Regierung in Damaskus, alles zu tun, um die Zivilisten aus Jarmuk zu evakuieren. „Sie sind Opfer eines Konflikts, der nicht der ihre ist“, betonte der palästinensische Unterhändler Saeb Erekat. Eine PLO-Delegation will nun in Damaskus mit verschiedenen Parteien über eine Rettung sprechen.

Im Namen des Weltsicherheitsrates forderte ebenso die jordanische UN-Botschafterin Dina Kawar einen humanitären Korridor zu dem Lager. Doch angesichts des verworrenen egsgeschehens sind die Risiken enorm. So groß die Herausforderung sei, einen Menschentreck aus Jarmuk herauszuführen – „ es ist vielleicht der einzige Weg, ihr Leben zu retten“, sagte Pierre Krähenbühl, Chef des UN-Hilfswerk für Palästinenser, dem Sicherheitsrat.

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