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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

14. September 2013

Israel Syrien: Nicht die üblichen Patienten

 Von 
„Wir sind Freunde.“ Alexander Lerner hat Nabilas Bein gerettet, nun wird er ihr helfen, wieder Laufen zu lernen.  Foto: I. Günther

Das Medizinische Zentrum im nord-israelischen Safed versorgt immer häufiger Verwundete aus den Bürgerkriegsgebieten in Syrien.

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Safed –  

Der Patient stöhnt, er ist unruhig, irgendwie in Panik. Angstvoll versucht sich der Junge aufzubäumen. Doktor Shukri Kassis legt ihm besänftigend die Hände auf die Schultern und murmelt Trostworte auf Arabisch. Die Zickzacklinien auf dem Monitor am Krankenbett schlagen wieder weniger nervös aus.

„Er ist einfach noch völlig konfus“, erklärt Kassis, „seine Verletzung braucht Zeit.“ Aber, in diesem Punkt ist der behandelnde Chirurg ganz zuversichtlich, der 15-Jährige habe gute Aussichten, sich zu erholen, wenn erst einmal die Schwellung im Kopf zurückgegangen sei. Mehr Sorge macht ihm die schwere Bauchverletzung des jungen Syrers. Einer von bislang 96 Kriegsverletzten, die seit Februar auf verschlungenem Weg in das Ziv-Hospital, das Medizinische Zentrum im nordisraelischen Safed, eingeliefert wurden.

Behandelt werden sie hier wie jeder andere, nach bester, ärztlicher Kunst, auch wenn keine Versicherung, kein Staat, keine Privatkassen dafür aufkommen. Die sind hoch. Nur die Schwerstfälle, die israelische Soldaten an der Grenze auflesen oder vielleicht auch vom Roten Kreuz übernehmen – genau weiß das keiner im Ziv-Hospital – werden von Militärambulanzen in die Notaufnahme gebracht. Viele andere Syrer, die sich verwundet auf die israelische Seite schleppen konnten, werden in einem Feldlazarett versorgt, das die Armee unter Wahrung größtmöglicher Geheimhaltung irgendwo auf dem Golan aufgeschlagen hat.

Wer im Ziv-Hospital landet, hat im Vergleich zu den Ungezählten, die im Bürgerkrieg verstümmelt wurden, beste Chancen, gerettet zu werden. Gerade die syrischen Patienten sind den Ärzten und Pflegern besonders ans Herz gewachsen. Weil nicht nur die Kinder und Jugendlichen unter ihnen neben den Schmerzen auch unter der Einsamkeit in der Fremde leiden sowie unter der Ungewissheit, ob ihre Familien noch leben.

Hingebungsvolle Hilfe

Weil sie alle ein Mehr brauchen an Zuwendung, Mitgefühl und ebenso an materiellen Hilfen – von der Zahnbürste bis hin zur Prothese. „Wir kümmern uns um sie täglich, manchmal über Monate“, sagt Kassis, ein arabisch-christlicher Israeli, an dessen Halskette ein goldenes Kreuz baumelt. Da wachse schon eine Beziehung heran, „die hinausgeht über die zu den üblichen Patienten“.

Noch hat Kassis junger unruhiger Schützling keine Ahnung, wo er ist und was genau passiert ist. Seit der Explosion, die seine Bauchspeicheldrüse und einen Teil des Darms zerfetzte, ist der jugendliche Syrer noch nicht wieder zu Bewusstsein gekommen. Das liegt an dem sogenannten stumpfen Schädel-Hirn-Trauma, das die israelischen Ärzte zusätzlich bei seiner Einlieferung vor einer Woche diagnostiziert haben.

Wie wird er reagieren, wenn er aufwacht und entdeckt, dass er sich in Israel befindet? „Das hat schon viele unserer syrischen Patienten überrascht“, erwidert, Kassis trocken, „sich plötzlich im Land des Feindes zu befinden.“ Aber nach dem ersten Schock ändere sich meist bald deren Einstellung hin zum Positiven.

So selbstverständlich und hingebungsvoll ihnen im Ziv-Hospital geholfen wird, so bemerkenswert ist es zugleich. Schon wegen seiner Lage, hoch in den Bergen Galiläas, weniger als eine Autostunde von Israels Nordgrenze entfernt, hat die Belegschaft immer wieder Erfahrung mit Kriegsverwundeten machen müssen.

Im Libanon-Krieg 2006 schlug sogar eine Katjuscha-Rakete der Hisbollah im ersten Stock ein. Noch schlimmer war es im Jom-Kippur-Krieg von 1973, als in das gerade erst eröffnete Hospital immer mehr israelische Soldaten gebracht wurden, die in verlustreichen Kämpfen mit den Syrern verletzt worden waren. „Jetzt eben nehmen wir uns der Opfer auf der anderen Seite der Front an“, sagt Colin Shapira, Vizedirektor des modernen Medizin-Zentrums von Safed. Ob sie Rebellen oder Zivilisten sind, spielt für ihn wie für seine jüdischen oder moslemischen Kollegen keine Rolle. „Was zählt ist, dass sie unserer Hilfe bedürfen.“

Vor allem in jüngster Zeit sind mehr Frauen und Kinder unter den Patienten. Sogar ein Kleinkind von zweieinhalb Jahren war schon dabei. Die meisten stammen aus den Dörfern jenseits der Golanhöhen. Viele sind schrecklich zugerichtet, nur notdürftig erstversorgt, oft mit entzündeten, Schrapnellwunden. Auf der Intensivstation liegen Männer, versetzt ins künstliche Koma, an deren Körper kaum noch eine heile Stelle unter den Bandagen hervorlugt. Am Eingang hält ein von der israelischen Armee abgestellter Soldat Wache.

„Wir sind Freunde“

Auch vor dem Zimmer, in dem eine syrische Frau mit ihrer achtjährigen Tochter untergebracht ist, steht ein Uniformierter, der zunächst niemanden hineinlassen will. Erst als Alexander Lerner, Chef der orthopädischen Chirurgie aufkreuzt, macht er eine Ausnahme. Ihm verdanken Mutter und Kind, das sie in zwei, drei Monaten, wenn alles gut geht, aus eigener Kraft das Krankenhaus werden verlassen können.

Noch aber stecken der linke Fuß der Mutter und der rechte Unterschenkel des Mädchens – nennen wir es Nabila – in einem Gestänge aus Metallschienen und Schrauben. Vermutlich war es eine Granate, die sie so fürchterlich zugerichtet hat. Sie waren im Hof, daheim in Deraa, als es geschah. Die meisten Ärzte hätten wohl keine Alternative zu einer Amputation gesehen. Lerner, eine Kapazität auf seinem Gebiet, wagte sich an eine komplizierte Operation.

Um zwölf Zentimeter, berichtet er, habe er Nabilas Unterschenkel verkürzen müssen, um das zerstörte Gewebe zu entfernen. In ein paar Tagen will er erneut operieren, das Bein soll sukzessive wieder aufgebaut werden. Er kitzelt Nabila am Zeh. Sie lacht, die Nervenenden funktionieren. In zwei Wochen, verspricht er ihr, darf sie mit einer Gehhilfe wieder das Laufen üben.
Aber wohin werden sie zurückkehren? Nach Deraa, ins syrische Kampfgebiet? Bei der Frage überschwemmen Tränen die Augen der Mutter. Sie sehnt sich nach Hause zurück, nach ihren acht Kindern und dem Ehemann, die sie wohlbehalten anzutreffen hofft. Aber wer weiß das schon?

Klar ist nur, dass Israels Armee die syrischen Patienten nach deren Heilung wieder außer Landes schaffen wird, nach Syrien oder auch in jordanische Flüchtlingslager. Nabila spielt derweil mit dem Hasen und dem Luftballon, den ihr die Besucher aus Israel mitgebracht haben. Plötzlich ein Knall. Einen Moment gucken Beide ganz erschrocken. Dann erleichtertes Auflachen, in das alle einstimmen. Bloß ein Ballon ist geplatzt.

Doktor Lerner hebt den Daumen. „Wir sind Freunde“, sagt er, „hier besteht keine Gefahr“. Und Nabila nickt heftig. Keimzellen für unverbrüchliche israelisch-syrische Freundschaften sind jedenfalls im Ziv-Hospital gelegt. Sie werden die Kriege überdauern und vielleicht, irgendwann, sogar zu einem Frieden beitragen.

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