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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

12. Februar 2016

Kampf gegen IS: „Auch die Saudis schneiden Köpfe ab“

 Von 
Der IS habe "die Rolle eines Staates, ob uns das gefällt oder nicht", sagt Loretta Napoleoni.  Foto: rtr

Die Terrorismus-Expertin Loretta Napoleoni plädiert für Gespräche mit Extremisten und wirft dem Westen vor, heuchlerisch zu sein.

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Frau Napoleoni, Sie halten die Bombardements der westlichen Anti-IS-Koalition in Syrien und im Irak für grundfalsch. Warum?
Weil sie vor allem die Zivilbevölkerung treffen, es gibt eine sehr große Zahl von Todesopfern. Die Menschen fliehen nicht vor dem IS, sondern vor den Bomben. Deshalb ist die Zahl der Flüchtlinge in Europa seit vergangenem Jahr so gestiegen. Es ist absurd, dass wir diejenigen bombardieren, die wir eigentlich schützen müssten.

Was schlagen Sie als Alternative vor?
Um Frieden zu schaffen und den Zustrom der Flüchtlinge zu stoppen, gibt es theoretisch zwei Möglichkeiten. Entweder eine Großinvasion mit Bodentruppen, die aber einer Re-Kolonisierung der Region gleichkäme. Auch würden das die beiden Großmächte Iran und Saudi-Arabien nicht akzeptieren. Das ist also völlig unmöglich. Verhandlungen sind die einzige Alternative. Es ist eine äußerst komplizierte Lage, deshalb müssen wir zurückkehren zur Realpolitik und eine Aufteilung des Gebiets akzeptieren, um Frieden zu erreichen. Aber die Verhandlungen dürfen nicht selektiv geführt werden. Alle politischen Kräfte müssen beteiligt werden. Russland muss unbedingt mit einbezogen sein und natürlich der IS, der nach wie vor ein sehr großes Gebiet kontrolliert. Er hat die Rolle eines Staates, ob uns das gefällt oder nicht. Er hat eine Bürokratie, zivile Verwaltung, baut Straßen.

Loretta Napoleoni, Jahrgang 1955, ist italienische Ökonomin und Terrorismus-Expertin und Autorin des Buchs „Die Rückkehr des Kalifats – Der Islamische Staat und die Neuordnung des Nahen Ostens“.

Gibt es im Islamischen Staat überhaupt geeignete Gesprächspartner?
Es muss zuallererst ein Dialog mit den Stammesführern im IS-Gebiet begonnen werden, um zu verstehen, was die eigentlich wollen. Wir haben ja keinerlei Informationen, außer Propaganda, die entweder von der einen oder der anderen Seite stammt. Und zum IS sind Kontakte und Kanäle bereits vorhanden, auch wenn es keine offiziellen sind. Es wurden schließlich schon zahlreiche Geiseln durch Verhandlungen befreit.

Kann man mit mordenden Fanatikern überhaupt verhandeln?
Auch die Saudis schneiden Köpfe ab. In Saudi-Arabien wurden 2015 anteilig zur Bevölkerung mehr Menschen hingerichtet als in China. Wir haben also Regimes als Alliierte, die die Menschenrechte in keiner Weise achten. Zu sagen, wir verhandeln nicht mit unmenschlichen Regimes, ist heuchlerisch.

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Müsste nicht vor allem versucht werden, die Finanzierungsquellen des IS zu blockieren, den Handel mit Erdöl etwa?
Solche Vorstellungen führen zu nichts. Dazu müssten wir acht Millionen Menschen im Territorium des Islamischen Staats auslöschen. Denn der IS finanziert sich auch durch Steuereinnahmen. Zudem hat er eine enorme Kriegswirtschaft geschaffen, verkauft sein Öl auf dem Schwarzmarkt, den kann man nicht blockieren. Und nicht zuletzt macht er mit den Flüchtlingen Geld. Die Menschenhändler müssen Steuern an den IS zahlen – eine halbe Million Dollar Tag für Tag waren das im vergangenen Sommer. Letztlich hat der IS auch durch die Entscheidung der deutschen Kanzlerin Kasse gemacht, die Grenzen zu öffnen.

Interview: Regina Kerner

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