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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

20. September 2013

Krisenherd Syrien: Dramatische Flucht deutscher Helfer aus Syrien

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Ein syrischer Rebell zielt auf einen Posten des Assad-Regimes in Aleppo.  Foto: dpa

Chaos im Bürgerkriegsland: An der Grenze zur Türkei müssen Vertreter deutscher Hilfsgruppen um ihr Leben fürchten. Mitarbeiter von Cap Anamur und Grünhelmen entkommen Dschihadisten nur knapp. Iran bietet an, im blutigen Konflikt zu vermitteln.

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ISTANBUL. Am Freitagmorgen sitzen drei Deutsche im türkischen Polizeiposten bei Kilis an der Grenze zu Syrien. Sie ärgern sich, dass die Türken sie nicht aus dem Gewahrsam entlassen. Aber sie sind heilfroh, in der Türkei und mit dem Leben davon gekommen zu sein. So sagt es Bernd Göken am Telefon. Der Geschäftsführer der Hilfsorganisation Cap Anamur, ein Mitarbeiter des Bonner Hilfswerks „Grünhelme“ und ein Kölner Fotograf konnten sich am Mittwoch in einer dramatischen Flucht aus der syrischen Klein-stadt Azaz in die Türkei retten. „Islamistische Kämpfer wollten uns kidnappen oder noch Schlimmeres antun“, sagt Saru Murad von den Grünhelmen. „Die Freie Syrische Armee hat uns gerettet.“

Nur wenige westliche Hilfsorganisationen trauen sich wegen des Bürgerkriegs noch nach Syrien; zu ihnen gehören die beiden deutschen Hilfswerke. Der Bauingenieur Saru Murad, Deutscher syrischer Herkunft, lebt bereits seit einem Jahr in Azaz, wo er im Auftrag der Grünhelme dabei half, zwei von Bomben zerstörte Schulen wieder aufzubauen. Er wohnte im Krankenhaus von Azaz, wo er für die Schwesterorganisation Cap Anamur als Koordinator tätig war. Diese bezahlte die 44 syrischen Mitarbeiter und Ärzte und versorgte sie mit Medikamenten. Rund 300 Patienten wurden dort täglich behandelt.

Es war Mittwochmorgen, als der Cap-Anamur-Geschäftsführer Göken zusammen mit dem Fotografen Jürgen Escher aus der Türkei nach Azaz kam, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Es war sein erster Besuch in der Stadt, seit drei Mitarbeiter der Grünhelme im Mai ganz in der Nähe von Islamisten entführt worden waren. Damals hieß es, Azaz wimmele vor ausländischen Kämpfern, die sich Al-Kaida-nahen Gruppen in Syrien anschließen wollten. Azaz liegt nur fünf Kilometer hinter dem türkischen Grenzübergang im von Rebellen kontrollierten Norden Syriens, nahe Aleppo.

Vor dem Krankenhaus eskaliert der Streit

„Nach unseren Informationen hatte sich die Lage in Azaz beruhigt“, sagt Göken. Doch die Lage stellte sich anders dar. Direkt gegenüber dem Krankenhaus unterhielten tunesische und tschetschenische Kämpfer der Al-Kaida-nahen Gruppe „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ (Isis) einen Beobachtungsposten. Gegen elf Uhr am Mittwoch hätten sich dort zahlreiche Bewaffnete gesammelt, während das Hospital von nur vier Soldaten der oppositionellen Freien Syrischen Armee (FSA) geschützt wurde, berichtet Saru Murad. „Die Islamisten kamen zum Krankenhaus und verlangten, dass die ungläubigen Heiden herauskommen. Sie wollten uns alle drei mitnehmen.“

Saru war klar, dass sie in höchster Gefahr schwebten. Zwei Wochen zuvor war ein syrischer Arzt, der in einem Krankenhaus der „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitete, entführt und getötet worden. Zum Glück waren Göken und Escher zu diesem Zeitpunkt in der Stadt unterwegs. „Die FSA sorgte dafür, dass sie in ein sicheres Haus kamen“, sagt Saru Murad.

Vor dem Krankenhaus eskalierte der Streit. „Plötzlich feuerte ein Dschihadist mit seinem Gewehr drei Salven in die Luft, traf dann einen Zivilisten in der Brust und verletzte einen weiteren am Bein. Doch die FSA-Männer schossen nicht zurück. Sie schrien nur, haut ab aus unserer Stadt!“

Ein Krankenwagen lud den schwer Verletzten ein und raste zur türkischen Grenze. In seinem Schlepptau schafften es die anderen beiden Deutschen, auf dem Fußboden ziviler Autos kauernd, durch die Checkpoints. „Wir kamen gesund zum Grenzübergang, wo uns dann die Türken erstmal festsetzten“, sagt Cap-Anamur-Geschäftsführer Bernd Göken.

Inzwischen hatte die Isis-Brigade Verstärkung gerufen und übernahm offenbar handstreichartig die Stadt, in der sich vermutlich mehr als 30 000 Menschen aufhielten – überwiegend Inlandsflüchtlinge aus Aleppo. Saru Murad konnte von FSA-Kämpfern aus dem Krankenhaus und in die Türkei gebracht werden.

Zu gefährlich für ausländische Helfer

Mit der Übernahme von Azaz stand Al-Kaida nicht nur an der türkischen Grenze, sondern konnte auch die wichtige Nachschubroute nach Aleppo kontrollieren. Deshalb wehrte sich die FSA zum ersten Mal im syrischen Bürgerkriegs militärisch gegen die Dschihadisten. Die mächtige Al-Tawhid-Brigade, die die Rebellenkräfte in Aleppo führt, sandte umgehend Truppen nach Azaz. „Dann begannen Schießereien, die eine Nacht und einen Tag lang andauerten“, sagt Saru Murad.

Am Donnerstag gewannen die FSA-Truppen die Oberhand und Al-Tawhid verhandelte eine Waffenruhe. Die Islamisten zogen sich zurück in ihre Wohnhäuser, vor denen FSA-Posten aufmarschierten. Das Krankenhaus wurde wieder eröffnet. „Es ist gut, dass die FSA sich jetzt gegen die Islamisten wehrt“, sagt Murad.

Islamistische Facebook-Foren verbreiten unterdessen, die „Ungläubigen“ von Cap Anamur seien für die Auseinandersetzungen in Azaz verantwortlich. „Das stellt die Tatsachen total auf den Kopf“, sagt Bernd Göken. Er hält es für möglich, dass die Dschihadisten sie aus Rache gefangen nehmen wollten. Am Dienstag hatte das ARD-Magazin „Report Mainz“ enthüllt, wer offenbar für die Entführung von drei Grünhelme-Mitarbeitern im Mai verantwortlich war. Diese hatten nach ihrer geglückten Flucht in einem dschihadistischen Internetvideo den Islamisten Sabri Ben Abda aus Nordrhein-Westfalen als jenen Mann erkannt, der sie kurz vor dem Kidnapping in Azaz als „Ungläubige“ bedroht hatte.

Am Freitagmittag treffen dann endlich die Reisepapiere für Göken, Murad und Escher aus der Deutschen Botschaft in Ankara am Grenzübergang ein. „Für ausländische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen ist es momentan nicht mehr möglich, in Syrien zu arbeiten“, sagt Bernd Göken am Telefon vor dem Abflug nach Deutschland. „Doch eigentlich dürfen wir nicht aufhören, weil die Syrer auf uns vertrauen.“

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