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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

08. Januar 2014

Syrien : Darum hat Syrien noch viel zu verlieren

Aufmarsch Dschihadisten in Tel Abyad. Die ISIS-Kämpfer bekennen sich zu Al Kaida.  Foto: REUTERS

Dschihadisten sind in Syrien zu einem gravierenden Problem geworden, sagt Elias Perabo. Seine Organisation "Adopt a Revolution" will in dem Land helfen, ohne Kämpfer zu finanzieren.

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Zur Person

Elias Perabo, Politikwissenschaftler in Berlin, hat 2011 „Adopt a Revolution“ mitgegründet. Auslöser war eine Reise Perabos durch Syrien im April 2011, als die Proteste gegen Assad gerade begonnen hatten. Mit den Spenden werden Anwälte bezahlt, Miete und Lebensmittel für Aktivisten im Untergrund oder auch nur ein in Syrien teurer Internetanschluss. gaj

Herr Perabo, Sie unterstützen mit Ihrem Verein den Aufbau der Zivilgesellschaft in Syrien. Gibt es das überhaupt noch, den unbewaffneten Widerstand?

Ja, es gibt ihn noch, aber es wird immer schwieriger. In erster Linie geht es für die Menschen inzwischen darum, das Überleben zu sichern. Das heißt, wir unterstützen Aktivisten, die in den belagerten Gebieten Nahrungsmittel verteilen oder Trinkwasser aufbereiten. Sie versuchen, eine Verwaltungsstruktur aufzubauen und das zu ersetzen, was es nicht mehr gibt. Nachbarschaftsorganisationen helfen sich gegenseitig, etwa durch Suppenküchen, damit die Menschen überhaupt eine warme Mahlzeit am Tag haben.

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Das heißt, einen Regimewechsel, wie es die vielen Bürgerkomitees am Anfang angestrebt haben, verfolgen die zivilen Aktivisten nicht mehr?

Die Aktivitäten haben sich gewandelt. Das Gefühl vom Anfang, dass man den Präsidentenpalast gewinnen kann, ist verloren. Was es noch gibt, ist der Wille, sich Gedanken um eine zukunftsorientierte Politik zu machen. Die Menschen sagen sich, wir brauchen auch eine intellektuelle Beschäftigung, es kann nicht nur Gewalt und Krieg in unserem Leben geben. Sie gründen Bibliotheken und Schulen im Untergrund, damit die Kinder nicht auf der Straße leben, wo Krieg herrscht.

Wie sehr wird die Arbeit dieser friedlichen Aktivisten inzwischen auch durch radikale Islamisten bedroht?

Die Dschihadisten sind zu einem gravierenden Problem geworden, das immer größer wird. Im Grunde sind sie ein neues totalitäres Regime. Sie unterdrücken Menschen, die sich für demokratische Werte, für Pluralität einsetzen. Aktivisten werden von radikalen Islamisten umgebracht oder verschleppt wie die Leiterin unserer Partnerorganisation und Ikone des nationalen Widerstands, Razan Zaitouneh, die Mitte Dezember entführt wurde. Viele Aktivisten, die lokal Strukturen der Zivilgesellschaft aufgebaut hatten, mussten wieder in den Untergrund gehen. Sie sagen uns, ihr primäres Problem sei nicht mehr das Assad-Regime, das sie immer gefürchtet hatten, sondern die Islamisten.


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Wer hilft, der wird unterstützt

Aber lehnt die Bevölkerung die Islamisten nicht ab?

Es gibt nach wie vor eine sehr große Abneigung der Syrer gegen die radikalen Islamisten. Aber man muss ganz klar sagen: Je länger dieser Konflikt dauert und je weniger Hilfe es von der internationalen Gemeinschaft gibt, desto stärker werden die islamistischen und dschihadistischen Strömungen. Denn sie stoßen durch ihre Hilfsangebote in diese Lücke. Wenn die Menschen das Gefühl bekommen, dass die Islamisten die Einzigen sind, die sich um sie kümmern, wird die Akzeptanz in der Bevölkerung ihnen gegenüber auch langfristig steigen. Deshalb ist es so entscheidend, dass man jetzt die zivilen Aktivisten unterstützt.

Von welcher Hilfe sprechen Sie da jetzt?

Von humanitärer und politischer Hilfe. Wie entscheidend sie ist, auch langfristig, kann man ganz deutlich in den Regionen um Damaskus sehen, wo das Giftgas eingesetzt wurde. Dort haben wir heute die Situation, dass diese Stadtteile vom Regime abgeriegelt wurden und es kaum Nahrungsmittel für die Bevölkerung gibt. Die Menschen dort haben das Gefühl, von der Weltgemeinschaft im Stich gelassen zu werden. Die islamistischen Fraktionen kommen dagegen mit Geld, teilweise auch mit Lebensmitteln und fangen an, Strukturen aufzubauen. Einer der größten Fehler des Westens ist es, bis heute kaum humanitäre und politische Hilfe in Syrien zu leisten. Die Islamisten werden nicht nur militärisch immer stärker, für viel gefährlicher halte ich ihre zunehmende Verankerung in der Gesellschaft.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit? Wie schaffen Sie es, dass das Geld an der richtigen Stelle ankommt?

Für unsere Organisation heißt das vor allem, genau hinzuschauen. Es gibt viele Wege, Geld und Waren nach Syrien zu bekommen: heimlich über die Grenze oder über große Familien, denen wir vertrauen und die das Geld vor Ort weitergeben. Das funktioniert wie eine Art Western Union. Weil das Bankensystem zusammengebrochen ist, muss man alternative Wege finden. Aber es klappt. Wir haben ja jetzt schon zweieinhalb Jahre Erfahrung und inzwischen über 400 000 Euro nach Syrien geschafft.

"Wer kämpft, baut keine Schule auf"

Können Sie also ausschließen, dass von dem Geld Waffen gekauft wurden?

Ja, da ist eine ganz zentrale Bedingung von uns. Wir unterstützen den gewaltlosen, zivilen und demokratisch geprägten Widerstand. Wir versuchen die Akteure zu finden, die für eine plurale Gesellschaft mit zivilen Mitteln eintreten. Wie gesagt, wir kontrollieren auch unsere Partner. Inzwischen hat sich die Lage aber auch sehr klar sondiert. Diejenigen, die sich entschlossen haben, in den bewaffneten Kampf zu ziehen, sind nicht diejenigen, die eine Schule aufbauen.

Sie haben die Hoffnung noch nicht verloren, dass Sie mit Ihrer Arbeit etwas erreichen?

Nein. Ich glaube, es gibt in Syrien nicht mehr viel zu gewinnen, aber man kann noch sehr viel verlieren. Die Friedensgespräche am 22. Januar sind alternativlos, aber es darf nicht alles auf die eine große Lösung gesetzt werden. Vielmehr braucht es viele dezentrale Ansätze, die den verschiedenen Problemen gerecht werden. Jetzt ist es ganz zentral und wichtig, die wenigen noch vorhandenen zivilgesellschaftlichen Strukturen zu retten. Die Menschen, die damals für Demokratie auf die Straße gegangen sind, müssen unterstützt werden.

Seit Syriens Präsident Assad sich bereiterklärt hat, die Chemiewaffen zu vernichten, ist Syrien in der öffentlichen Wahrnehmung wieder in den Hintergrund gerückt. Merken Sie das auch bei den Spenden?

Ja. So wichtig es ist, dass die Chemiewaffen vernichtet werden, so wenig Auswirkungen hat das für die Menschen vor Ort. Nur ein Prozent der 120 000 Toten in Syrien sind aufgrund des Chemiewaffeneinsatzes gestorben– der Großteil stirbt durch konventionelle Waffen. Umso größer ist auch die Frustration unserer Partner. Die sagen uns, ihr habt einen Deal geschlossen, der gut für euch und die Nachbarländer ist. Aber für uns ändert sich nichts. Schlimmer noch, uns als Betroffene erreicht keine Hilfe und das Morden geht weiter.

So schrecklich es ist, aber dadurch, dass die unmittelbare Gefahr durch die Chemiewaffen abgewendet wurde, hat sich auch die internationale Aufmerksamkeit abgewendet. Das hat die humanitäre Krise noch einmal zusätzlich befeuert.

Dass die Spendenbereitschaft drastisch nachgelassen hat, merken nicht nur wir, sondern auch die anderen Organisationen. Dabei geht man heute davon aus, dass fast die Hälfte der syrischen Bevölkerung auf der Flucht ist und dringend Hilfe benötigt. Und der Winter fängt gerade erst an

Interview: Mira Gajevic

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