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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

11. September 2013

Syrien Flüchtlinge: "Die haben Angst vor einer 90-Jährigen"

 Von 
Erster Halt: Syrische Flüchtlinge an der türkischen Grenze.  Foto: dpa

In Sondermaschinen holt Deutschland 5000 syrische Flüchtlinge. Heute kommen die ersten 109 Menschen an. Manche aber haben es nicht geschafft. Student Zuher Jazmati spricht über den gescheiterten Versuch, seine Großmutter aus Syrien zu holen.

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In Sondermaschinen holt Deutschland 5000 syrische Flüchtlinge. Heute kommen die ersten 109 Menschen an. Manche aber haben es nicht geschafft. Student Zuher Jazmati spricht über den gescheiterten Versuch, seine Großmutter aus Syrien zu holen.

Herr Jazmati, von wo aus hat Ihre Großmutter versucht, nach Deutschland zu kommen?

Meine Oma lebt in Aleppo in Syrien. Sie kam im Januar dieses Jahres nach Kairo, um dort einen Antrag auf ein Besuchsvisum in Deutschland zu stellen. Sie ist 90 Jahre alt und wollte für zwei Monate zu meiner Mutter nach Berlin. Wir dachten, das würde alles ganz einfach und schnell klappen.

Das war aber nicht der Fall?

Nein, wir wurden bitter enttäuscht. Es ging gar nichts. Ständig wurden uns neue Hürden gestellt.

Welche zum Beispiel?

Von Seiten der deutschen Behörden, aber auch von den Syrern. Zuerst war der Reisepass meiner Oma nicht korrekt. Da standen zwei unterschiedliche Identifikationsnummern drin, deshalb akzeptierten die Deutschen den nicht. Meine Oma musste also einen neuen Reisepass in der syrischen Botschaft beantragen; bis das neue Papier aus Syrien kam, vergingen zwei Monate. Die Warterei war nicht nur nervenstrapazierend, sondern auch teuer, weil meine Mutter in Kairo die ganze Zeit in einem Hotel wohnen musste. Als wir den Pass endlich hatten, war es sehr schwierig, einen neuen Termin in der deutschen Botschaft zu bekommen, um den Visumsantrag zu stellen. Der Termin, den man uns dann angeboten hatte, war erst in zwei Monaten. Ich habe mich dann beschwert und einen Brief geschrieben, dass ich deutscher Staatsbürger bin und sofort einen Visums-termin für meine Oma möchte.

Sie waren zu der Zeit in Kairo?

Ja, ich studiere in Marburg Politik des Nahen und Mittleren Ostens und hatte zu der Zeit ein DAAD-Stipendium für einen Auslandsaufenthalt in Ägypten. So konnte ich mich um meine Oma kümmern.

Wenn Sie nicht dank des Akademischen Austauschdienstes in Kairo gewesen wären, hätte Ihre Großmutter da wahrscheinlich schon aufgegeben.

Ja, sie saß ja schon seit Januar in Kairo fest. Nach meiner Beschwerde bekamen wir am 24. Juni einen Termin in der Botschaft, wo sie den Antrag auf ein Besuchervisum stellte. Zehn Tage später kam dann aber leider der Ablehnungsbrief.

Mit welcher Begründung wurde ihr Antrag abgelehnt?

Es hieß, es sei nicht glaubhaft, dass sie nur ihre Tochter besuchen wolle. Sie hatten wohl Angst, dass meine Oma hier illegal bleiben oder Asyl beantragen würde. Eine 90-Jährige! Dabei ging es uns gar nicht darum. Wir wollten, dass meine Oma uns für zwei Monate in Berlin besucht und dann entweder zurück nach Kairo oder Aleppo geht, je nachdem wie sich die politische Lage in Syrien entwickeln würde. Sie warfen ihr aber vor, es sei nicht glaubhaft, dass sie wieder nach Kairo zurückfliegen werde.

Wären ihre Chancen vielleicht besser gewesen, wenn sie einen Antrag als Flüchtling gestellt hätte?

Das kam für uns nicht in Frage. Das hätte bedeutet, dass meine 90-jährige Oma in Deutschland in ein Flüchtlingsheim muss. Wir hätten auch keinen Einfluss darauf gehabt, wo sie dann unterkommt. Mit Glück wäre sie in ein Heim in unserer Nähe gekommen, nach Berlin-Spandau – mit Pech aber vielleicht in eine Sammelunterkunft im tiefsten Sachsen. Deshalb war für uns von Anfang an klar, dass wir ihr den Flüchtlingsstatus nicht zumuten wollten.

Hatte Ihre Familie sich denn nicht verpflichtet, für den Unterhalt der Großmutter aufzukommen? Eine solche Erklärung ist ja Voraussetzung in den Bundesländern, dass Angehörige kommen dürfen.

Natürlich hatten wir eine solche Erklärung abgegeben. Wir hatten in einem Schreiben erklärt, dass meine Oma den deutschen Staat nichts kosten würde. Wir hatten uns verpflichtet, sie zu versichern, sie zu pflegen, ihren Unterhalt zu bezahlen. Das wäre finanziell für uns kein Problem gewesen. Wir haben der Botschaft gesagt: Schaut euch unsere Fünf-Zimmer-Wohnung in Berlin an. Sie hätte bei uns umsonst gewohnt, mein Zimmer steht leer. Es wäre alles perfekt gewesen. Es hat nicht geklappt, obwohl wir so privilegiert sind. Ärmere Syrer haben gar keine Chance, hierher zu kommen.

Wo ist Ihre Oma jetzt?

Meine Mutter ist dann noch nach Kairo gefahren, um zu sehen, ob es irgendwelche Alternativen gibt, aber es war hoffnungslos. Wir hatten meiner Oma die ganze Zeit verheimlicht, dass sie abgelehnt wurde. Als klar war, dass man sie nicht zu uns kommen lässt, haben wir es ihr gesagt. Für sie stand dann fest, dass sie zurück nach Syrien geht. Sie sind zusammen zum Flughafen, meine Mutter ist zurück nach Deutschland geflogen, meine Oma nach Syrien.

Haben Sie jetzt aufgegeben?

Ja, das monatelange Hoffen und Bangen hat uns alle emotional sehr mitgenommen. Und die Chance, dass eine 90-Jährige noch einmal heil aus Aleppo rauskommt, ist sehr gering.

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