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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

06. September 2013

Syrien: Hoffnung für Syrer in Hessen

 Von  und 
Auf dem Opernplatz in Frankfurt wird gegen einen Krieg in Syrien demonstriert. Syrer in Hessen haben die Möglichkeit, Familienangehörige aus dem Bürgerkriegsland zu holen.  Foto: Michael Schick

Syrer in Hessen können ihre Familien aus dem Bürgerkriegsland Syrien nach Deutschland holen. Nachdem der Landtag einstimmig dafür gestimmt hatte, hat Innenminister Rhein die entsprechende Aufnahmeanordnung vorgelegt. Sie soll von der kommenden Woche an gelten.

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Syrer in Hessen können ihre Familien aus dem Bürgerkriegsland Syrien nach Deutschland holen. Nachdem der Landtag einstimmig dafür gestimmt hatte, hat Innenminister Rhein die entsprechende Aufnahmeanordnung vorgelegt. Sie soll von der kommenden Woche an gelten.

Den Computer hat Yorgy Gharam immer an. Damit er es nicht verpasst, wenn sich seine 84-jährige Mutter und die drei Schwestern über Skype melden, sagt er, damit er mit ihnen sprechen und sie sehen kann, „um zu fühlen: Geht es ihnen gut?“ Manchmal, sagt Yorgy Gharam, höre er, wie im Hintergrund etwas explodiert. Doch seit einer Woche hat der 61-jährige Frankfurter überhaupt nichts mehr von seiner Familie im syrischen Aleppo gehört. Die Leitungen sind tot.

Die Angst um seine Familie hat Gharam krank gemacht. Rückenschmerzen, „alles psychosomatisch“, sagt der kleine, schmale Mann mit der weißen Baseballkappe, der mit einer Mappe voller Dokumente unter dem Arm in der langen Schlange vor der Frankfurter Ausländerbehörde wartet. Seit 1975 lebt er in Deutschland, und seit einem Jahr schreiben Gharam und sein Sohn Briefe ans Auswärtige Amt und ans Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Sie haben sich ans Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) gewandt und an das hessische Innenministerium. Nun legt Gharam seinen Personalausweis am Schalter der Ausländerbehörde vor und sagt: „Ich bin deutscher Staatsbürger, was kann ich tun, um meine Mutter aus Syrien zu mir zu holen?“ Doch die Beamten können ihm nicht helfen: Seine Mutter müsse sich an eine deutsche Auslandsvertretung wenden.

Hessen ermöglicht es, Familienangehörige aus Syrien nachzuholen

Wie Yorgy Gharam geht es Tausenden syrischen Familien im Bundesgebiet, die um das Leben ihrer Verwandten in der Heimat bangen. Nachdem erste Bundesländer eigene Aufnahmeregelungen erlassen hatten, ermöglicht es nun auch Hessen Syrern, ihre Familienangehörigen aus dem Bürgerkriegsland nachzuholen.

Innenminister Boris Rhein (CDU) hat die entsprechende Aufnahmeanordnung vorgelegt, nachdem der Landtag am Mittwochabend einstimmig für Erleichterungen votiert hatte. Die Regelung soll von der kommenden Woche an gelten, wenn Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zugestimmt hat. Das gilt aber als Formsache.

Syrer und Deutsche syrischer Herkunft können dann ihre Eltern und Kinder, Geschwister, Großeltern und Enkel sowie deren Ehegatten und minderjährige Kinder nach Hessen holen. Voraussetzung für eine Aufnahme ist, dass sich die Gastgeber dazu verpflichten, für Unterkunft und Lebensunterhalt der Flüchtlinge zu sorgen.

„Wenn jemand eine Garantie möchte, dass meine Verwandten nach dem Krieg wieder nach Hause gehen, gebe ich ihnen Brief und Siegel darauf“, sagt Yorgy Gharam. Seinen letzten Cent würde er mit seiner Familie teilen. Gleichwohl macht sich der studierte Betriebswirt Sorgen, ob er, der ab November gesundheitsbedingt in Rente geht, die finanziellen Anforderungen für vier Personen wird stemmen können.

Seine Frau bezieht auch nur eine kleine Rente, seine zwei Kinder haben für fünf Enkelkinder zu sorgen. Auch die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl fürchtet, dass viele Familien an der finanziellen Hürde scheitern werden. Gleichwohl begrüßten Pro-Asyl-Experten im Gespräch mit der FR, dass Hessen eine eigene Aufnahmeregelung plant.

Rhein hat seine Meinung geändert

Denn das Innenministerium hatte noch vergangene Woche die Auffassung vertreten, dass eine Landesregelung nicht erforderlich sei. Man wolle erst einmal abwarten, wie das bundesweit beschlossene Kontingent von 5000 Syrien-Flüchtlingen angenommen werde, hatte es geheißen. Die Hürden zur Aufnahme nach diesem Programm sind aber so hoch, dass es kaum genutzt werden kann. Auf Hessen entfallen theoretisch 365 Flüchtlinge – doch bisher haben nach Rheins Angaben erst 15 davon Gebrauch gemacht. Angesichts dieser Zahlen und vor dem Hintergrund des Giftgas-Einsatzes in Syrien habe er seine Meinung geändert, sagte Rhein. „Ich sehe die Situation heute anders, weil sich die Situation geändert hat.“

Yorgy Gharams Mutter und seine drei Schwestern hatten die Kriterien für das Aufnahmeprogramm der Bundesregierung ebenfalls nicht erfüllt, da sie dafür bereits vor Monaten beim UNHCR im Libanon hätten registriert sein müssen. Die Reise dorthin, sagt Gharam, sei aber viel zu gefährlich. Lieber wolle er nun selbst mit seinem Sohn in die Türkei reisen und von dort aus seine Verwandten über die Grenze holen. „Ich kann nicht weiter warten und zusehen, bis irgendwann eine Rakete in unser Haus in Aleppo einschlägt“, sagt er.

Mit energischen Worten verschafft Gharam sich öffentlich Gehör. Zur neuen politischen Situation in Hessen hatte offenbar auch eine Diskussionsveranstaltung des Diakonischen Werks vor einer Woche in Frankfurt beigetragen. Dort hatte Gharam in Anwesenheit von Abgeordneten aller Fraktionen von den vergeblichen Bemühungen berichtet, seine Verwandten zu sich zu holen. Daraufhin drangen SPD, FDP, Grüne und Linke auf eine Neuregelung, der sich die CDU anschloss.

Yorgy Gharam hofft nun, dass die Regelung hilft, seine Familie in Sicherheit zu bringen. Heute will er sich wieder an die Ausländerbehörde wenden.

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