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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

16. September 2015

Syrien-Krieg: Den Syrern wurde Syrien gestohlen

 Von Susanne Lenz
Ein Wohngebiet in Damaskus liegt in Schutt und Asche. Schuld daran hat das Assad-Regime, so die Autorin.  Foto: REUTERS

Die Schriftstellerin Samar Yazbek spricht im Interview der FR über ihre verlorene Heimat Syrien und das Leid und die Verzweiflung ihrer Landsleute, die zu Tausenden durch Europa irren.

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"Der Stacheldraht kratzte mir den Rücken auf. Ich schaffte es, mich durch den Graben zu zwängen, und begann schnell zu laufen." In den vergangenen Jahren ist die im Exil lebende syrische Autorin Samar Yazbek mehrmals heimlich von der Türkei aus in ihr Heimatland gelangt. In ihrem neuen Buch "Die gestohlene Revolution" beschreibt sie die Brutalität, Verzweiflung und Angst der Menschen dort.

Frau Yazbek, wer hat die Revolution gestohlen?
Zum einen Baschar al Assad mit seiner brutalen Unterdrückung der friedlichen Demonstrationen, der Verhaftung und Vertreibung von Aktivisten und der Entlassung irakischer Islamisten aus den Gefängnissen. Und dann die Weltgemeinschaft mit ihrem Schweigen. Syrien ist so zum Magneten für extremistische Kämpfer aus der ganzen Welt geworden. Der IS ist nicht aus der syrischen Bevölkerung erwachsen, sondern von außen gekommen. Heute herrscht er über die Hälfte des Landes. Dschihadistische Gruppierungen und der IS haben die Kontrolle vor allem in Gebieten, die von der Freien Syrischen Armee befreit worden sind. Die Revolution hat nichts mehr damit zu tun, wie sie angefangen hat, mit ihren Forderungen nach Demokratie und Gerechtigkeit.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie an Checkpoints von Irakern, Jemeniten, Tschetschenen kontrolliert worden sind. Das klingt, als gehöre Syrien nicht mehr den Syrern.
Das stimmt vollkommen. Assad hat das Land verkauft. Es wird von ihm und fremden Kämpfern beherrscht. Und auch vom Iran und Russland. Das ist wie eine Besatzung. Dafür ist Assad verantwortlich, aber auch die Welt. Und die Regionalstaaten, denen es nur um ihre eigenen Interessen geht. Es handelt sich um eine Zerstörung des ganzen Landes.

Worum geht es in diesem Krieg? Um Politik, um Religion?
Das syrische Volk wollte einen demokratischen Staat. Einen Rechtsstaat. Es wollte Würde. Es hätte gut sein können, dass Syrien sich durch die friedliche Revolution zu einem zivilen Staat entwickelt. Doch es war im Interesse aller, diesen Konflikt in einen religiösen Konflikt zu verwandeln, der dazu führt, dass Assad an der Macht bleibt. Er will der Welt sagen: Wenn ich weggehe, dann kommen extremistische Regierungen an die Macht. Warum hat die Welt nichts getan, als Assad einen Chemiewaffenangriff auf die eigene Bevölkerung unternommen hat, bei dem Hunderte von Zivilisten, Kinder, Frauen, Alte, gestorben sind? Diese unglaubliche Brutalität, diese viereinhalb Jahre Gemetzel, haben dazu geführt, dass die Bevölkerung auch Gewalt anwendet.

Die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek lebt im Exil.  Foto: Photoshot

Ihr Buch ist wie ein Alptraum, es gibt so viel Gewalt. Wie sollen die Menschen da wieder herausfinden?
Die Gewalt in der Bevölkerung ist ein Resultat der Gewalt des Assad-Regimes. Während wir hier sitzen, fallen in Syrien Bomben. 24 Stunden am Tag werden Zivilisten bombardiert. Assad muss gestürzt werden, der IS muss bekämpft werden. Erst dann kann die Bevölkerung wieder zu sich zurückfinden. Es wird lange brauchen, einen neuen Menschen zu schaffen. Die Hälfte des syrischen Volkes ist auf der Flucht. Wo sind die Weltgemeinschaft, die Vereinten Nationen, die Moral? Wenn sie wollten, könnten sie ihn absetzen. Doch wir bedeuten nichts für diese Staaten.

Der Massenexodus aus Syrien, den wir auch hier spüren – bedeutet er, dass die Menschen die Hoffnung verloren haben?
Ja, das ist ein Zeichen dafür, dass die Menschen keine Hoffnung mehr haben. Die Syrer verlassen ihr Land nicht freiwillig, sie sind nicht glücklich darüber. Syrien verändert sich total. Syrien ist zerstückelt. Über Syrien können wir gar nicht mehr sprechen, das gibt es eigentlich nicht mehr.

Sehen Sie denn selbst eine Perspektive?
Ich bin absolut nicht optimistisch, aber ich arbeite jeden Tag daran, die Hoffnung nicht zu verlieren. Es sind so viele Freunde entführt worden, verschwunden, gestorben. Ich bin sicher, dass der Krieg eines Tages endet, aber das wird lange dauern. Ich als Schriftstellerin muss die Wahrheit aufschreiben. Und wir müssen dringend mit den Menschen arbeiten, die noch im Land leben. Seit drei Jahren habe ich eine Organisation für Frauen an der Front, in Flüchtlingslagern. Tausende Frauen haben sich in diesem Netzwerk zusammengetan. Wir versuchen, sie zu politisieren und ihnen auch ökonomisch weiterzuhelfen, um so eine Grundlage für eine Zivilgesellschaft zu schaffen, für die Zeit nach dem Krieg. Aber diese Arbeit ist die Hölle, denn wir befinden uns zwischen zwei Bestien. Da sind die religiös-extremistischen Gruppierungen, die Frauen für Wesen zweiter Klasse halten. Die andere Bestie ist das ständige Bombardement.


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Sie selbst leben im Exil in Paris, in Sicherheit. Wie empfinden Sie das?
Mein Leben ist sehr schwierig. Ich bin in Paris, aber nicht mit dem Kopf. Ich habe versucht zurückzugehen, aber ich bin rausgeschmissen worden. Deshalb habe ich kein Schuldgefühl. Ich möchte, dass mein Netzwerk größer und größer wird, und ich den Leuten helfen kann. Diese Frauen in dieser Region – das ist jetzt mein Land.

Interview: Susanne Lenz

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