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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

23. Januar 2014

Syrien-Krieg: Deutsche Waffen töten in Syrien

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Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee mit der Panzerabwehrwaffe.  Foto: Reuters

Eine Recherche von FR und NDR enthüllt: Waffen aus deutsch-französischer Produktion heizen die Kämpfe in Syrien an. Eine islamistische Miliz setzt im syrischen Bürgerkrieg in Deutschland mitgebaute Milan-Raketen ein.

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KAMISCHLI –  

„Sie bringen uns den Tod mit deutschen Waffen.“ Jan van Aken zuckt zusammen, als er den Satz hört, den der kurdische Kommandant sagt. Es ist ein frühlingshafter Januartag, der deutsche Bundestagsabgeordnete und Vizechef der Linken besichtigt ein Ausbildungslager kurdischer Milizen in Nordsyrien. Der 51-jährige Zweimetermann ist mit einer kleinen Delegation in das Bürgerkriegsland gefahren, um sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen.

In der Ebene am Rand der Großstadt Kamischli sind 200 Freiwillige angetreten, um sich durch die dreimonatige Ausbildung zu quälen, viele tragen Jeans und T-Shirts, junge Frauen haben bunte Bänder in ihre Haare geflochten. Mit Kämpfern wie diesen ist es den Kurden gelungen, im Bürgerkrieg das Assad-Regime weitgehend aus den von ihnen bewohnten Gebieten an der Grenze zur Türkei zu vertreiben, diese militärisch zu sichern und den Bewohnern einen fragilen Frieden zu garantieren – auch den Arabern, Christen, Jesiden, Tscherkessen und anderen ethnisch-religiösen Gruppen, die mit ihnen hier leben.

Rojava nennen die rund 2,5 Millionen Kurden ihr Siedlungsgebiet in Syrien, in dem seit zwei Jahren die sozialistische Demokratische Unionspartei, ein Ableger der Kurdenguerilla PKK aus der Türkei, das Sagen hat. Seither kämpfen die knapp 45.000 Soldaten der kurdischen Selbstverteidigungskräfte (YPG) auch gegen arabische Rebellengruppen, die ihre Region an verschiedenen Fronten attackieren. Die Angreifer sind vor allem Dschihadisten der al-Kaida-nahen Miliz Al-Nusra-Front, die in den eher säkularen Kurden verdammenswerte „Ungläubige“ sehen. 400 gefallene „Märtyrer“ hätten die syrischen Kurden bisher zu beklagen, erklärt der YPG-Sprecher Redur Xelil beim Gespräch mit Jan van Aken im Anschluss an die Parade.

Dann sagt er jenen Satz, der die Gäste aus der Bundesrepublik aufhorchen lässt: „In einem Gefecht an der irakischen Grenze hat uns al-Nusra mit deutschen Panzerabwehrraketen beschossen.“ Als van Aken überrascht nach Beweisen fragt, lässt der 37-jährige Kommandant diese heranschaffen: die Hülle einer abgefeuerten Milan-Rakete aus deutsch-französischer Produktion mit einer Kennnummer, die auf das Produktionsjahr 1976/77 verweist. „Wir haben noch weitere erbeutet“, sagt Xelil. Das Abschussrohr sei den kurdischen Kräften beim Rückzug von al-Nusra in die Hände gefallen. Andere YPG-Kommandeure verschiedener Fronten haben der FR den Beschuss durch Milan-Raketen inzwischen unabhängig voneinander bestätigt.

Die Waffe von Kamischli stammt vermutlich aus einer Lieferung von 4400 Milan-Raketen, die das Assad-Regime 1978 von Frankreich erwarb. Ihre Ausfuhr hatte damals eine Kontroverse im Bundestag und Proteste der israelischen Regierung hervorgerufen. Jetzt ist diese Milan-Rakete der erste handfeste Beweis für den Einsatz deutscher Kriegswaffen in Syrien überhaupt. Zwar waren die Waffensysteme in Internetvideos zu sehen, bei Kampfeinsätzen konnten sie bisher aber nicht nachgewiesen werden. Die Milan ist eine Panzerabwehrrakete, die aufgrund ihrer Durchschlagskraft sowohl gegen feindliche Panzer als auch im Häuserkampf eingesetzt wird. Im Kampf mit den kurdischen Streitkräften verschafft ihr Besitz den Dschihadisten einen maßgeblichen Vorteil.

Das Waffensystem wird seit 1973 von einem deutsch-französischen Konsortium hergestellt und wurde bis heute in mehr als 40 Länder exportiert. Auch die Bundeswehr nutzt diese sogenannte Kleinwaffe, die bis zu drei Kilometer weit fliegen kann. Gegenwärtiger Hersteller ist das europäische Gemeinschaftsunternehmen MBDA, an dem unter anderem EADS-Airbus beteiligt ist. Wesentliche Milan-Teile werden in Deutschland gefertigt, die Endmontage erfolgt jedoch in Frankreich, das in der Regel als Expor-teur des Gemeinschaftsproduktes auftritt. Doch kann Deutschland jeden Verkauf durch ein Vetorecht verhindern, das sich die Bundesregierung 1972 für gemeinschaftlich entwickelte Waffensysteme etwa bei Verstößen gegen das deutsche Kriegswaffenkontrollgesetz einräumen ließ und in zwei Fällen auch wahrnahm.

Videos vom Abschuss


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Wieso geschah das nicht bei Syrien? „Entweder aus geschäftlichen Gründen oder weil der Bundesregierung unter Helmut Schmidt die deutsch-französischen Beziehungen wichtiger waren als die deutsch-israelischen“, vermutet Rüstungsexportgegner van Aken. „Ich hatte angenommen, dass Deutschland nie Waffen nach Syrien geliefert hat und war deshalb sehr erstaunt, als ich von der Ausfuhr der 4400 Milans hörte. Es ist ein Klassiker: In fast jedem Bürgerkrieg, den wir untersucht haben, sind wir auf deutsche Waffen gestoßen. Dass jetzt aber Al-Kaida-Terroristen damit kämpfen, ist eine neue Qualität.“

Am 15. März vergangenen Jahres eroberten die Al-Nusra-Front und zwei weitere islamistische Brigaden ein riesiges Waffen- und Munitionsdepot der syrischen Armee westlich von Aleppo. Die Rebellen erbeuteten dort unter anderem drei russische Panzer, zahlreiche selbstfahrende Artilleriegeschütze und Armeefahrzeuge sowie Dutzende Munitionskisten, die sie auch selbst filmten. Die Videos stellten sie dann ins Internet. Dabei fielen ihnen 22 Kisten mit je vier Milan-Raketen in die Hände, insgesamt 88 Geschosse. Zunächst konnten die Rebellen offenbar damit nichts anfangen, denn ihnen fehlten die sogenannten „Launcher“, die Abschusseinrichtungen, von denen die Franzosen einst 200 Stück nach Damaskus geliefert hatten.

Drei Monate später präsentierten die Dschihadisten plötzlich stolz Videos vom Abschuss ihrer Beutewaffen – sie hatten sich, woher auch immer, die passenden Geschütze besorgt. Nur – wie kamen sie an die Abschusssysteme? Nach Ansicht des Berliner Waffenexperten Otfried Nassauer gibt es dafür verschiedene Möglichkeiten: „Entweder sie haben sie bei Kämpfen mit syrischen Einheiten erbeutet, von ihrem Verbündeten Katar geliefert bekommen oder aus dem Irak erhalten.“

Der irakische Diktator Saddam Hussein hatte in den 70er Jahren ebenfalls Tausende Milan-Raketen von Frankreich geliefert bekommen – und dazu 114 Launcher. Die Al-Nusra-Front steht beiderseits der syrisch-irakischen Grenze und hat Milan-Raketen nachweislich auch schon im Irak eingesetzt. Auf den Internetfilmen sind auch Raketen neueren Baujahrs zu erkennen, wie Registrierungsnummern belegen, die der Frankfurter Rundschau und dem Norddeutschen Rundfunk vorliegen.

Zusätzliche Fotos dokumentieren eine Schiffsladung, die aus Libyen stammte, für die syrischen Rebellen bestimmt war und im April 2012 von den libanesischen Behörden beschlagnahmt wurde. Einige Container enthielten Milan-Raketen mit der deutschsprachigen Aufschrift „Bodenziel“ und dem Kürzel „LFK“, das für „Lenkflugkörper“ steht. Das belegen Fotos des Fundes, die von libanesischen Netzaktivisten veröffentlicht wurden.

Für Redur Xelil, den Sprecher der kurdischen Selbstverteidigungskräfte, ist es schwer zu verstehen, warum die syrischen Kurden von häufig ausländischen Dschihadisten mit westlichen Waffen attackiert werden. „Die Freie Syrische Armee gibt es praktisch nicht mehr, es gibt nur noch mehr oder weniger radikale Islamisten – und sie arbeiten dem Regime in die Hände“, sagt Xelil. Er berichtet, dass die militärischen Erfolge der Kurden vor allem ihrer höheren Kampfmoral zu verdanken seien, da sie ihre Heimat verteidigten. „Aber in puncto Bewaffnung sind uns die Islamisten weit überlegen. Wir haben nichts, was wir der Milan entgegensetzen können.“

Jan van Aken wiegt die erbeutete Rakete nachdenklich in der Hand. Kleinwaffen wie sie seien die eigentlichen Massenvernichtungswaffen der heutigen Zeit, sagt er dann, und deutsche Kleinwaffen seien jetzt in einem furchtbaren Bürgerkrieg in die Hände echter Menschenfeinde gelangt. „Das ist ein Skandal, der endlich beendet werden muss.“

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