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Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

03. Februar 2016

Syrien: Kurden rücken weiter in IS-Gebiet vor

 Von 
YPG-Kämpfer an einer Mauer, die die Türkei an der syrischen Grenze errichtet haben soll.  Foto: rtr

Die kurdischen „Volksverteidigungskräfte“ (YPG) in Syrien rücken weiter vor und drängen den „Islamischen Staat“ (IS) über den Euphrat. Aus Sicht der Türkei überschreiten sie damit eine "rote Linie". Ankara befürchtet einen weiteren kurdischen Quasi-Staat wie im Nordirak.

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Die Kurden in Syrien und im Irak kommen der Unabhängigkeit näher. Die kurdischen „Volksverteidigungskräfte“ (YPG) in Syrien haben nach einem Bericht des türkischen Nachrichtenmagazins „Aksyon“ den Euphrat nach Westen überschritten und die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) bereits mehrere Kilometer weit zurückgedrängt. Damit haben die Kurden jene kritische „rote Linie“ verletzt, die ihr die Türkei gezogen hatte. Bisher ist jedoch keine militärische Antwort Ankaras publik geworden.

Ziel des kurdischen Vormarschs ist es offenbar, den IS von der türkischen Grenze abzuschneiden und die kurdischen Kantone in Syrien zu arrondieren. „Die Türkei unterstützt den IS“, erklärte Servan Derwes, der Sprecher der US-unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die sich vor allem aus kurdischen Einheiten und einigen arabischen Stammeskontingenten zusammensetzen, gegenüber dem Magazin. „Indem wir uns in das Gebiet westlich des Euphrats bewegt haben, erdrücken wir den IS.“

Noch wird ein rund hundert Kilometer langer Gebietsstreifen an der türkischen Grenze westlich des Euphrats bei Dscharablus bis zum Kurdenkanton Afrin überwiegend vom IS und zum geringeren Teil von prowestlichen Rebellen kontrolliert. Die Regierung in Ankara betrachtet die Region als türkische Einflussgebiet und wollte dort ursprünglich eine Pufferzone gegen das Assad-Regime einrichten. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan warnte die YPG und die von ihr dominierte SDF in der Vergangenheit mehrfach davor, die Euphrat-Linie zu überschreiten. Falls die YPG sich westlich des Stroms festsetzt, befürchtet Ankara, dass die mit den YPG verbundene Partei der Demokratischen Union (PYD), die inzwischen fast 600 Kilometer der syrisch-türkischen Grenze kontrolliert, ihre Kantone Cizire, Kobani und Afrin vereinigt und einen zweiten kurdischen Quasi-Staat wie im Nordirak bildet.

USA setzen auf die Kurden

Das könnte die separatistischen Bestrebungen der eigenen kurdischen Minderheit anheizen. Die Türkei betrachtet die PYD als Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK, die sie als Terrororganisation bezeichnet. Für die US-geführte Anti-IS-Koalition sind die Kurden dagegen die wichtigsten Bündnispartner in Syrien und werden logistisch unterstützt, was Erdogan und andere türkische Politiker mehrfach scharf kritisierten.

Nach Angaben aus Ankara sind an die YPG gelieferte Waffen bei PKK-Rebellen im türkischen Südosten gefunden worden, wo der Bürgerkrieg zwischen PKK und Sicherheitskräften wieder aufgeflammt ist. Auf Drängen der Türkei wurde die PYD nicht zur Syrien-Konferenz in Genf eingeladen. Doch tatsächlich hat die Türkei kaum noch Möglichkeiten, den Vormarsch der Kurden einzudämmen, nachdem türkische Kampfjets einen russischen SU-34-Bomber im November abschossen. Seither können türkische Kampfflugzeuge Syrien wegen russischer Abschussdrohungen de facto nicht mehr überfliegen.

Die teilweise von Türken befehligten Turkmenenmilizen in Syrien werden vom Assad-Regime und dessen russischem Verbündeten zunehmend dezimiert und in die Türkei abgedrängt. In den vergangenen Tagen flüchteten Tausende Turkmenen über die Grenze. Damit reduzieren sich die Eingriffsmöglichkeiten der Türkei noch weiter, will sie nicht mit Bodentruppen in Syrien intervenieren.

Die kurdisch dominierten SDF-Milizen hatten bereits Ende Dezember den strategisch wichtigen Tischrin-Damm am Euphrat vom IS erobert und kontrollieren seither einen wichtigen Teil der Stromversorgung des Grenzgebietes zur Türkei und sogar der IS-Hauptstadt Rakka. Laut dem „Aksyon“-Bericht erklärte der für den Damm zuständige YPG-Kommandeur Simko, der Damm sei für die Kurden ihr „Tor zum Kanton Afrin“.

Zum Verdruss Ankaras werden die syrischen Kurden inzwischen von den USA und Russland mit Waffen und Munition beliefert. Türkische Kommentatoren spekulieren bereits, dass die beiden Großmächte nicht länger auf den Willen der Türkei setzen, die Grenze für den IS zu schließen, sondern diese Aufgabe den Kurden überlassen wollen. Russland verlegte seinerseits vor zwei Wochen Soldaten, Techniker und Kampfjets auf den Flughafen der syrischen Kurdenhauptstadt Kamischli, der noch unter der Kontrolle des Assad-Regimes steht.

Unterdessen kündigte der Präsident der Autonomen Kurdischen Region im Nordirak (KRG), Massud Barsani, ein Referendum über einen kurdischen Staat im Nordirak an. „Die Zeit ist gekommen und die Bedingungen sind gegeben, um die Menschen per Referendum über ihre Zukunft entscheiden zu lassen“, erklärte Barsanis Büro in der Nacht zum Mittwoch. Ein solches Plebiszit, das Barsani schon mehrfach als Druckmittel gegen die Zentralregierung in Bagdad ins Spiel brachte, hat keine rechtlich bindende Wirkung, gilt aber als politisches Signal.

Die KRG hat in den letzten Jahren ihre Autonomie ausgebaut und Erdöl ohne Genehmigung Bagdads verkauft. Allerdings hat der niedrige Ölpreis die ölabhängige Region an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gebracht. Barsani nannte noch kein Datum für das geplante Referendum.

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