Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

09. April 2014

Syrien Türkei: Wer setzte in Syrien das Giftgas Sarin ein?

 Von 
Syrische Kinder mit Sauerstoffmasken nach der Giftgas-Attacke im August 2013 bei Damaskus.  Foto: rtr/Bassam Khabieh

Der bekannte Enthüllungsjournalist Seymour Hersh hat in einem Artikel der türkischen Regierung vorgeworfen in den tödlichen Giftgasangriff in Syrien von 2013 verwickelt zu sein. Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass die Beweise ziemlich dünn und seine Quellen nicht besonders glaubwürdig sind.

Drucken per Mail

Seymour Hersh ist ein legendärer Enthüllungsjournalist. Den Pulitzerpreis gewann er für seine Story über das Massaker von My Lai im Vietnamkrieg, er machte den Folterskandal in der US-Armee im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis bekannt. Jetzt hat der 77-Jährige noch einmal zugelangt und über den verheerenden Giftgasangriff im syrischen Bürgerkrieg geschrieben, bei dem im vergangenen August bis zu 1800 Menschen starben und Tausende verletzt wurden.

In einem Artikel für die linke Zeitschrift „London Review of Books“ behauptet Hersh, dass nicht das Assad-Regime, sondern islamistische Rebellen das tödliche Sarin-Gas im Vorort Ghuta von Damaskus eingesetzt hätten. Den Kampfstoff habe ihnen der türkische Geheimdienst verschafft, weil die Regierung von Recep Tayyip Erdogan die USA damit zu einem Militärschlag gegen das syrische Regime habe bewegen wollen. Als Präsident Barack Obama davon erfuhr, habe er auf die Attacke verzichtet.

Der Artikel hat international Aufsehen erregt. Die Regierungen in Washington und Ankara wiesen ihn sofort scharf zurück. Das US-Außenministerium erklärte, es bestehe kein Zweifel daran, dass der Giftgasangriff vom 21. August ein Werk der syrischen Regierungstruppen gewesen sei. Der türkische Vizepremier Bülent Arinc bezeichnete Hershs Ausführungen als „glatte Lüge“.

Der Journalist ist für seine Hartnäckigkeit bekannt. Er hatte bereits im Dezember in der Zeitschrift behauptet, dass die Islamisten der Al-Nusra-Front das Sarin in Ghuta eingesetzt hätten. Doch seine Beweise waren dünn, sie wurden von Waffenexperten zerrissen. Das ließ Hersh wohl keine Ruhe. Er suchte weiter und fand einen ehemaligen US-Geheimdienstoffizier in Washington, der ihm erklärte, dass US-Dienste die Kommunikation türkischer Stellen nach dem Anschlag abgehört hätten und dabei zur Überzeugung gelangt seien, die Regierung Erdogan sei in den Giftgaseinsatz verwickelt gewesen. Hatte Hersh im Dezember noch behauptet, die syrischen Islamisten hätten das Sarin in einer Hinterhofklitsche hergestellt, so schreibt er nun, der türkische Geheimdienst habe es ihnen über eine „Rattenlinie“ geliefert.

Zwar steht es außer Frage, dass die Türkei eine zwielichtige Syrienpolitik betreibt und die Rebellen unterstützt. Aber hat Ankara wirklich Al-Kaida-nahe Gruppen mit Giftgas ausgerüstet? Dafür liefert Hersh keinen einzigen harten Beleg. Er beruft sich nur auf Gespräche mit seinem US-Informanten, dessen Namen er nicht nennt.

Hersh arbeitet zudem vorwiegend mit Unterstellungen, Aussagen vom Hörensagen und nicht identifizierbaren Quellen. Wo er konkret wird, sind seine Argumente schwach oder nachweisbar falsch. So schreibt er, dass Al-Nusra-Leute im Frühjahr 2013 in der Türkei „mit zwei Kilo Sarin“ verhaftet worden seien. Das trifft nicht zu. Die Islamisten hatten zwar versucht, Chemikalien zur Produktion von Sarin zu erwerben, doch sie wurden dabei von der türkischen Polizei dingfest gemacht. So steht es in der 132-seitigen Anklageschrift ihres noch laufenden Prozesses. Die Menge der Chemikalien auf ihrer Einkaufsliste hätte ohnehin nur für die Herstellung von wenigen Kilo Sarin gereicht. Das Inferno von Ghuta wurde aber nach Einschätzung internationaler Waffenexperten durch etwa eine Tonne des Kampfstoffs verursacht.

Es ist keine Kleinigkeit, eine solch riesige Menge Sarin herzustellen; der Prozess ist teuer, kompliziert und gefährlich, man braucht dafür eine gut ausgestattete Fabrik. Die Türkei produziert keine Chemiewaffen, sie importiert sogar das Tränengas für ihre Polizei. So ist es zwar höchst unwahrscheinlich, dass eine geheime Produktionsanlage im Land existiert, aber nicht völlig ausgeschlossen – doch Hersh stellt nicht einmal die Frage danach. Völlig außer Acht lässt er zudem die physischen und fotografischen Beweise, die seit der Bombardierung aufgetaucht sind und die Kritiker schon gegen seinen ersten Ghuta-Artikel anführten.

Chemiewaffen-Experten der Vereinten Nationen bei der Spurensuche in Ghuta.  Foto: rtr/Mohamed Abdullah

Im Dezember hatte der Journalist Eliot Higgins im renommierten US-Nachrichtenmagazin „Foreign Policy“ die damaligen Argumente von Hersh ausführlich geprüft und geurteilt: „Hersh ist offensichtlich nicht bewusst, dass es ein wachsendes Bündel von Beweisen gibt, das die (offenen) Fragen beantwortet. Viele dieser Beweise kommen direkt vom syrischen Militär – und sie legen sehr stark nahe, dass es Assads Spießgesellen waren, nicht die Rebellen, die den Angriff vom 21. August ausführten.“

Inzwischen ist die Beweiskette nicht nur durch die Ergebnisse der UN-Ermittlungsmission noch dichter geworden – Fakten, die Hersh schlicht ignoriert. Zwei Beispiele: Die Chemiewaffen-Sprengköpfe wurden mit Raketen vom Typ Volcano und aus dazugehörigen Schussvorrichtungen abgefeuert, die in Syrien nur das Regime besitzt. Bis heute wurden sie nie bei den Rebellen gesichtet, die sonst ihre Beutewaffen stolz im Internet präsentieren. Hersh würdigt den Widerspruch keines Wortes. Ebenso verfährt er bei der chemischen Signatur des verwendeten Sarins. Das Assad-Regime stellt Sarin erklärtermaßen nach der sogenannten Binärmethode unter Verwendung einer besonderen Komponente her, womit die erhobenen Proben in Ghuta übereinstimmen. Hersh aber erwähnt dies überhaupt nicht, obwohl er behauptet, dass in Ghuta ein chemisch anderes Sarin benutzt worden sei, als es Assad in seinen Depots lagert.

Vollends haarsträubend ist seine wichtigste Quelle für Letzteres – ein „russischer Militärgeheimdienstagent“, den Hersh zwar gar nicht selbst befragt hat, aber trotzdem „glaubwürdig“ nennt. Sehr höflich kommentiert der Bloomberg-Journalist Marc Champion, es sei unbegreiflich, wie jemand mit Hershs Erfahrung eine solche Behauptung vorbehaltlos publizieren könne: „Seit wann sind Geheimagenten eines fremden Staates, die Beweise für die Ziele ihres Staates produzieren, ‚glaubwürdig‘? Falls sie es sind, haben sie ihren Beruf verfehlt.“ Am Ende von Hershs Artikel bleibt eine einzige Quelle, die das gesamte Argumentationsgebäude stützen soll – jener „frühere höhere US-Geheimdienstoffizier“, der vielleicht nur seine eigene Verschwörungstheorie verkauft.

Marc Champion weist aber zu Recht darauf hin, dass Hershs langer Artikel eine faszinierende Passage enthält, die echtes Insiderwissen verrät. Darin beschreibt er ein schlechtgelauntes Treffen im Weißen Haus zwischen Präsident Obama und dem türkischen Premier Erdogan im Mai 2013. Erdogan habe Obama um das Treffen gebeten, weil er mit ihm über die „rote Linie“ reden wollte: Diese sei längst überschritten, warum also greife Washington nicht ein?

Wiederholt schnitt Obama dem türkischen Geheimdienstchef Hakan Fidan das Wort ab, weshalb Erdogan mit dem Finger vor Obamas Gesicht herumfuchtelte. Daraufhin fuhr Obama die Gäste an: „Wir wissen, was ihr mit den Radikalen in Syrien macht!“ Er meinte wohl die türkische Waffenhilfe für die syrischen Rebellen. Von Chemiewaffen ist nicht die Rede, und auch nicht von Volcano-Raketen und Sarin-Sprengköpfen. Beweise sehen anders aus.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Politik-Spezial

Millionen Menschen fliehen aus Syrien. Das Land wird zerrieben zwischen den Machenschaften von Präsident Baschar al-Assad und der Terrorgruppe IS.


Interaktive Karte
Fotostrecke
Lager für syrische Flüchtlinge im Irak

Seit März 2011 kämpfen syrische Rebellen gegen Militär und Polizei von Präsident Baschar al-Assad. Der Konflikt von Anfang an, erzählt in Bildern.

Dossier

Flucht und Zuwanderung



Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Terror, viele sterben auf dem Weg nach Europa. Dort steht die Politik vor Herausforderungen. Wenige protestieren, viele Menschen helfen.

Dossier-Übersicht - alles auf einen Blick
Kommentare und Leitartikel - Meinung der FR
Zuwanderung in Rhein-Main - Lage vor Ort

Videonachrichten Syrien