Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Krieg in Syrien
In Syrien soll Präsident Al-Assad Giftgas eingesetzt haben. Der Westen erwägt einen Militärschlag.

09. Februar 2016

Syrien: Welche Ziele verfolgt Putin?

 Von Sebastian Borger
Offenbar will Putin mit seiner Syrien-Strategie dem Westen ein Dilemma aufzwingen: Assad oder IS.  Foto: REUTERS

Spezialisten des Londoner Strategie-Instituts erwarten kein Ende des Syrien-Krieges, vielmehr sei die Einnahme Aleppos durch Assad ein schlimmer Rückschlag. Eine entscheidende Rolle im Kampf um Aleppo spielt Putin.

Drucken per Mail

Dank seiner iranischen Verbündeten, vor allem aber durch die russische Luftwaffe hat sich die Lage des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad entscheidend verbessert. Während die Offensive seiner Armee gegen Rebellentruppen in Aleppo im Norden des Landes vor Jahresfrist rasch zurückgeschlagen wurde, steht jetzt die Einkesselung der Stadt bevor. Die Einnahme Aleppos käme „einem dramatischen Sieg für Assad“ und dem schlimmsten Rückschlag für die Rebellen seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 gleich, urteilen die Spezialisten des Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS). Ein Ende des Konflikts stehe noch lange nicht zu erwarten.

Und auch weit über den Nahen Osten hinaus stellt sich für das IISS die Sicherheitslage „derzeit vielleicht so schwierig dar wie seit den späten 80er Jahren nicht mehr“, wie es Institutsdirektor John Chipman am Dienstag bei der Vorstellung des Jahrbuchs „Military Balance“ formulierte. Zu den weiteren Faktoren zählen die Strategen das entschiedene Auftreten Chinas und Russlands, die wachsende Zahl islamistischer Terroranschläge sowie den einfacheren Zugang für mehr Staaten zu militärisch relevanter Hochtechnologie.

In Syrien überlässt die russische Luftwaffe den Kampf gegen die Extremisten des „Islamischen Staates“ fast komplett dem Westen, analysiert IISS-Spezialist Douglas Barrie. Die Russen konzentrierten sich stattdessen auf Aleppo. Beobachter sprechen dort von 500 bis 600 Angriffen pro Tag, was Barrie aber für übertrieben hält. „Wir wissen von 32 Kampfjets vor Ort, mehr als höchstens 200 Angriffe schaffen die nicht.“ Offenbar würden auch Artilleriefeuer und Raketenbeschuss den Russen zugerechnet.

Während die Türkei die russischen Angriffe mehrfach scharf verurteilt hat – nicht zuletzt, weil deshalb laut Ministerpräsident Ahmet Davutoglu weitere 300 000 Menschen zum nördlichen Nachbarn fliehen –, fehlt es der westlichen Allianz an einer gemeinsamen Strategie gegenüber Syrien und dem daraus resultierenden Flüchtlingsproblem.

Wahl zwischen Assad und IS

Bei der Geberkonferenz in London hatte Kanzlerin Merkel noch ausdrücklich von Kritik an Russland abgesehen. Hingegen äußerte sie sich zu Wochenbeginn „schockiert und entsetzt“ über die Bombardierung Aleppos. Beim Treffen der Nato-Verteidigungsminister am heutigen Mittwoch wird Syrien auf der Tagesordnung stehen.

Unklarheit besteht darüber, welches strategische Ziel Präsident Wladimir Putin mit der Unterstützung seines einzigen Verbündeten in der Region verfolgt. Allerdings deutet vieles darauf hin, so die IISS-Experten, dass er dem Westen die Wahl zwischen Assad und IS aufzwingen wolle. Die Aleppo-Offensive könnte darauf abzielen, vor einer Teilung des Landes am Verhandlungstisch noch möglichst viel Territorium für Assad zu gewinnen. Allerdings gebe es einstweilen „kein Anzeichen dafür, dass die Rebellen direkt oder indirekt verhandeln wollen“, glaubt Exbrigadegeneral Ben Barry.

Mehr dazu

Die vergangene Woche in Genf wieder aufgenommenen Gespräche zwischen den Konfliktparteien sind seit Beginn der Bombenkampagne gegen Aleppo bis Ende Februar „vorläufig unterbrochen“, so die beschönigende Formulierung des UN-Syrienbeauftragten Staffan de Mistura. Eine politische Lösung ist in weiter Ferne. Die früher zwei Millionen Einwohner zählende Stadt ist seit 2012 zwischen Assad-treuen Truppen und Rebellengruppen aufgeteilt. Zu Letzteren zählen nicht nur Islamisten wie die Al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front, sondern auch gemäßigte Gruppen, auf die der Westen setzt.

Anders als in Syrien kommt der Kampf gegen den IS im Irak offenbar voran. Die jüngsten Erfolgsmeldungen der Amerikaner über Geländegewinne der Truppen Bagdads in der Provinz Anbar „halte ich für glaubwürdig“, sagt Barry. Die Frage sei aber, ob die irakische Regierung für eine politische Lösung mit den Sunniten ins Gespräch kommen wolle.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Politik-Spezial

Millionen Menschen fliehen aus Syrien. Das Land wird zerrieben zwischen den Machenschaften von Präsident Baschar al-Assad und der Terrorgruppe IS.


Interaktive Karte
Fotostrecke
Lager für syrische Flüchtlinge im Irak

Seit März 2011 kämpfen syrische Rebellen gegen Militär und Polizei von Präsident Baschar al-Assad. Der Konflikt von Anfang an, erzählt in Bildern.

Dossier

Flucht und Zuwanderung



Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Terror, viele sterben auf dem Weg nach Europa. Dort steht die Politik vor Herausforderungen. Wenige protestieren, viele Menschen helfen.

Dossier-Übersicht - alles auf einen Blick
Kommentare und Leitartikel - Meinung der FR
Zuwanderung in Rhein-Main - Lage vor Ort

Videonachrichten Syrien