Im April 1933 eröffnete der Chirurg Wilhelm Röpke die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie „im Zeichen einer neuen verheißungsvollen Zeit“. Er bat „alle Herren Redner …, deren Auftreten hier angesichts der heutigen nationalen Strömung Unruhe oder Missstimmung hervorrufen könnte“, ihre Referate zurückzuziehen.
Gemeint waren die jüdischen Kollegen. Röpke erntete dafür lebhaften Beifall. Niemand protestierte oder verließ den Saal. Am Ende schickte die Versammlung ein Telegramm an Hitler mit den „ergebensten Grüßen“. In den folgenden Monaten und Jahren spülte die eifrig begrüßte „nationale Welle“ alle unliebsamen Kollegen hinweg.
Vor wenigen Tagen – 66 Jahre nach Kriegsende – hat die einst 2600 Mitglieder zählende Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) erstmals eine Liste von 217 Kollegen veröffentlicht, die in der NS-Zeit aus Praxis und Klinik verjagt, in Konzentrationslager gesteckt, ausgebürgert, in den Freitod getrieben oder ermordet wurden. Ihre Namen hat die Historikerin Rebecca Schwoch vom Hamburger Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in mühevoller Suche zusammengetragen.
Zu lesen sind sie in einem neuen 140-seitigen Band, der jüngst in Berlin vorgestellt wurde und in wenigen Tagen beim Kaden Verlag Heidelberg erscheint. Sein Titel: „Deutsche Gesellschaft für Chirurgie – 1933-1945. Die Reden der Präsidenten“. Die ausführlichen Schicksale sollen in einem nächsten Band dargestellt werden. Um weitere Namen und Details zu erfahren, will man die Liste allen 17.000 deutschen Chirurgen zukommen lassen.
Dass SS-Ärzte an den größten Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt waren, ist nichts Neues. Wie tief aber waren „normale“ Ärzte ins System verstrickt? Und was waren die inneren Ursachen dafür? Eine Reihe von Medizinverbünden – etwa die der Kassenärzte, der Psychiater und Kinderärzte – hat sich bereits mit solchen Fragen auseinandergesetzt. Dass die Chirurgen nun zu den letzten gehören, hat nicht zuletzt mit dem Charakter ihres Faches zu tun.
Die Chirurgie sei mehr als andere Disziplinen vom Handeln und entschlussfreudigen Zupacken, radikalen und tief eingreifenden Lösungen bestimmt, weniger von der Reflexion, erklärte Heinz-Peter Schmiedebach, Direktor des Hamburger Instituts. Dieses Selbstbild sei „auch im Militärischen und in der NS-Bewegung von Bedeutung“ gewesen. In Kliniken herrschten strenge Hierarchien. Das machte es leicht, das Führerprinzip zu installieren. Hitler selbst mischte sich in die Besetzung wichtiger Professuren, orderte Spitzenchirurgen persönlich an die Front.
Die Generation der älteren Kollegen einte nahezu geschlossen die Erfahrung in den Lazaretten des Ersten Weltkriegs. Viele sahen den Krieg – bei allem erlebten Leid – als erstklassige Schule. Georg Magnus, 1935 Präsident der Gesellschaft, nannte ihn ein großes Massenexperiment für den Chirurgen.
Obwohl viele in den Jahren der Weimarer Republik an eine nationale Wiedergeburt glaubten und von einer „starken antirepublikanischen Attitude“ (Schmiedebach) geprägt waren, betrachteten sich die meisten doch als im engeren Sinne unpolitisch. Sie sahen sich als Macher am OP-Tisch. Das war auch ein Grund dafür, dass die Chirurgengesellschaft nach 1945 die unangenehmen Seiten einfach überging.
„Es wird wohl jedermann Verständnis dafür haben, dass die leidige Politik beiseite blieb. Wir sind ja alle froh, dass das überwunden und vergessen ist“, schrieb der Chirurg Karl-Heinrich Bauer 1958. Er selbst hatte 1934 in der Fachzeitschrift „Der Chirurg“ die „Ausmerze von Erbübeln“ und die „Unfruchtbarmachung schwerer Erbkranker“ befürwortet. Die meisten Chirurgen, so ergab die Studie, stellten ihr Mitwirken an Sterilisationen nicht in Frage. Wie konnten Ärzte das Prinzip „primum nil nocere“ – vor allem nicht schaden – so verraten?
Dass sich die Chirurgen-Gesellschaft mit solchen Fragen endlich offen auseinandersetzt, ist nicht zuletzt der Initiative des Bochumer Chirurgen Hans-Ulrich Steinau zu verdanken, der in dem Buch auch einen Beitrag zur Bildung der Medizinstudenten sieht, die kaum noch etwas über die Geschichte des Faches wüssten, so Steinau. Im Jahre 2007 brachte er als DGCH-Präsident das Projekt ins Rollen. Zum ersten Mal wurden die Präsidenten-Reden von 1933 bis 1945 ungeschönt ausgewertet, ebenso die „Roten Bücher“, die bisher unter Verschluss waren. Sie enthalten handschriftliche Notizen, die ein Präsident an den nächsten weitergab. Das Buch präsentiert fünf ausführliche Präsidenten-Porträts jener Zeit.
Nahezu ein Musterbild des damaligen Spitzenchirurgen ist Erich Lexer, der die DGCH 1936 führte. In seinem Weg sind höchstes Können und größtes Verderben vereint. Lexer gilt als Pionier der modernen plastischen Wiederherstellungschirurgie. Er führte 1906 das erste Facelifting weltweit durch, verpflanzte erstmals ein Kniegelenk, legte die Grundlagen zur Knochentransplantation. Er galt als pragmatisch, kraftvoll, urwüchsig, selbstbewusst und schlagfertig.
Vom Nationalsozialismus erhoffte er sich die Wiederherstellung des alten Reiches nach der Schmach des verlorenen Krieges. Er trat der SS bei, unterstützte durch einen fachlichen Beitrag die Sterilisationen „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Allein zwischen 1934 und 1937 wurden in Lexers Klinik 1 050 als „erbkrank“ deklarierte Menschen sterilisiert. Lexer fühlte sich einem „gebildeten Stande“ und einer „hoch gesitteten Nation“ zugehörig, die weit über anderen stand, etwa den „Negersoldaten“, die er in der französischen Armee gesehen hatte. Der Antisemitismus gehörte zum elitären Selbstverständnis eines Großteils der Ärzte, so die Autoren.
Vor allem jüngere – geprägt von rassischen Theorien, Standesdünkel, Ehrgeiz und Machtstreben – bildeten den Typus jenes SS-Arztes, der in den Konzentrationslagern „Dienst tat“. Das Buch schildert etwa den Weg des Chirurgen Karl Brandt, Schüler von Georg Magnus in Bochum, der zum Begleitarzt Hitlers aufstieg und für den Mord an Zehntausenden Kranken und Behinderten verantwortlich war. Er habe „zwischen einer Zelle und einem menschlichen Wesen“ nicht mehr unterscheiden können, schrieb jemand, der 1947 im Nürnberger Gefängnis mit ihm sprach; „ihm schien es nicht einzuleuchten, dass es gerechtfertigt sei, eine Million Krebszellen zu töten, aber nicht eine Million Menschen“.
Hier wirkte die Nazi-Ideologie, der zufolge Ärzte an der Mission mitzuwirken hätten, den deutschen „Volkskörper“ von allem „Entarteten“ und „Erbkranken“ zu säubern. Diese Ideologie fußte auf weitaus ältere wissenschaftliche Vorläufer. Der Begriff „lebensunwertes Leben“ war 1920 geprägt worden.
Besonders verblüffend ist, dass Brandt ursprünglich mit dem wie er aus dem Elsass stammenden Albert Schweitzer als medizinischer Missionar nach Lambaréné gehen wollte. Dies scheiterte daran, dass Brandt nicht die für die Einreise nötige französische Staatsbürgerschaft annehmen wollte. Die entscheidende Frage sei, welche „ethisch-moralischen Grundlagen“ die Mediziner vermittelt bekamen, betonen die Autoren der Studie. Welche Grundlagen etwa habe der große Chirurg Ferdinand Sauerbruch seinem Schüler Karl Gebhardt mitgegeben, dem Leibarzt Heinrich Himmlers, der in Ravensbrück und Auschwitz brutale Experimente an Häftlingen unternahm?
Ein für alle geltendes Urteil fällen die Autoren der Studie nicht. Zu vielfältig sind die Schicksale. Neben Mördern gab es auch Retter. Ein Fazit gibt es dennoch: Die Nazizeit sollte als Warnung dienen, sagt der Historiker Heinz-Peter Schmiedebach. Man müsse Vorurteile gegen Personengruppen höchst kritisch betrachten. Man müsse ethisch-moralische Fragen in den Mittelpunkt stellen, ausgehend von der Historie.
1929 hielt der Chirurg Hans von Haberer, Rektor der Medizinischen Akademie in Düsseldorf einen Vortrag, in dem er die rheinischen Kassenpatienten, die meisten von ihnen Arbeiter, angriff. Vor allem die Männer seien zu dick und zu anfällig. Sie hätten eine „Rentenneurose“, und ihnen fehle der „richtige Gesundheitswille“. Das Kassen- und Fürsorgewesen der Weimarer Republik habe „die Verweichlichung bestimmter Berufsklassen hochgezüchtet und die Volkswirtschaft geschädigt“.
Die Autoren der Studie sehen in den „aktuellen Diskussionen über Ausschlusskriterien bei der Rationierung im Gesundheitswesen … beklemmende Analogien zur Kosten-Nutzen-Bewertung nach 1933“. Damals hätten Kategorien wie „Mehrwert für den Volkskörper“ oder „Resttauglichkeit für die Kriegsproduktion“ gegolten. Heute schiebe „die Ökonomik“ die Verantwortung aus der gesellschaftlichen Debatte und der Politik über eine Mittelverknappung in die Praxen und Kliniken.
„Ohne eine offene Diskussion, einen breiten gesellschaftlichen Konsens und die klare Übernahme politischer Verantwortung darf eine solch tiefgreifende ethische Entwicklung nicht erfolgen“, so fordern die Autoren aus bitterer historischer Erfahrung.
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