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TV-Krimi - Tatort und Co.
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13. März 2016

Tatort „Kleine Prinzen“, ARD: Luzerner Allerlei

 Von 
Der Film im Film, intensiver als der Film selbst: Ella Rumpf als das Mädchen Ava.  Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Der Schweizer Tatort „Kleine Prinzen“ rührt einiges an, aber er geht nicht auf, denn er ist nur eine Konstruktion aus dem Versatzstückkasten für Kriminalgeschichten.

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Kürzlich waren in Dritten Programmen direkt hintereinander die empfehlenswerten München-Tatort-Folgen „Unsterblich schön“ (mit Robert Atzorn als alterndes Model, 2010) und „Der tiefe Schlaf“ (mit Fabian Hinrichs als Gisbert, 2014) zu sehen. Es ist großartig, was die Reihe immer wieder hinbekommt, man darf es nicht aus dem Blick verlieren, wenn dann wieder bescheidenere Sonntagabende kommen.

„Kleine Prinzen“ heißt der neue Beitrag des Schweizer Fernsehens und die bittere Grundidee läuft dann doch bloß auf eine Konstruktion aus dem Versatzstückkasten für Kriminalgeschichten hinaus. Kombiniert wurden dabei: das Reiche-Mädchen-Drama (Ex-Freund: „Sie hat nur mit mir gespielt“), die Elite-Kritik I (Kommissar: „Dann schauen wir uns mal die künftigen Diktatoren an“), die Elite-Kritik II (Direktorin: „Wir bilden hier eine globale Elite aus“) und der Diplomatische-Immunitäts-Skandal (Chef: „Diskretion!“). 

Bornierte Scheichs, die „kleinen Prinzen“, kommen zwar ins Bild und sind wirklich sehr borniert. Aber sonst erfährt man wenig über sie. Der Vater des jungen Opfers kommt sogar häufig ins Bild, Luc Feit ist auch markant als Typ, aber seinem Text und seiner Rolle fehlt doch einiges zu einem Mann, dem man die Verzweiflung abnimmt und das Herumhantieren mit einer Pistole glaubt. Glaubwürdiger, aber letztlich auch wenig in Szene gesetzt: Urs Jucker als Lastwagenfahrer, der davon ausgehen muss, dass er einen Menschen überfahren hat. Jucker bietet den Moment im Film, an dem man eine Vorstellung davon bekommt, was für eine nicht mehr wettzumachende Tragödie der gewaltsame Tod ist. Aber schon ist er wieder weg aus dem Buch von Stefan Brunner – vorher hat er sich vom Vater des Mädchens aber noch übel verprügeln lassen, obwohl er sicher viel, viel stärker ist –, und die Routine nimmt ihren Lauf.

Denn die Internatsschülerin auf der Landstraße ist schon vorher tot gewesen. Regisseur Markus Welter zeigt sie in einer Handyfilmschlaufe immer wieder glücklich, frech und eine Spur beunruhigt in einer Badeanstalt, und der Film im Film ist intensiver als der Film selbst. Die Ermittlungen führen Liz Ritschard und Reto Flückiger (Stefan Gubser und Delia Mayer) zu den koksenden, dealenden Kindern der reichen Schweizer und zu einer straffen Internatsleiterin, die davon nichts wissen will. Weil der Freund des Mädchens der jüngste Sohn einer Herrscherfamilie aus dem arabischen Raum ist, schalten sich alsbald höhere Ebenen ein. Schon wird im Emirat prophylaktisch ein Schweizer festgenommen. Den politischen Hergang kennt man aus der Zeitung, die persönlichen Verwicklungen sind in der letzten Volte überhaupt nicht mehr besonders überzeugend. Hier will man doch weniger von einem kulturellen Missverständnis sprechen als von einer derben Überzeichnung auf beiden Seiten (des arabischen Machismo und der westlichen Moral beziehungsweise Morallosigkeit).

Stoisch die Ermittler, angereichert durch einen goldigen Praktikanten, der auch der Technikerin gut gefällt. „Der ist doch viel zu alt für dich“, so Flückiger und leitet damit die lustigste Szene ein (nicht dass es allzu überraschend käme). Die netteste sprachliche Wendung dürfte regional bedingt sein, aber man kann darauf zurückkommen: „Nicht gucken wie die Kuh, wenn’s donnert.“

„Kleine Prinzen“, ARD, So., 20.30 Uhr.

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